# taz.de -- Susanne Siegerts „Gedenken neu denken“: Uroma war kein Nazi, meinen die Jungen oft
       
       > In ihrem Buch schlägt die Journalistin Susanne Siegert einen
       > Perspektivwechsel beim Blick auf die Verbrechen während der NS-Zeit vor.
       
 (IMG) Bild: Hat sich immer für eine lebendige Erinnerungskultur eingesetzt: Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer ist mitlerweile verstorben
       
       Seit 2022 betreibt die Journalistin Susanne Siegert in den sozialen Medien
       sehr erfolgreich unter der Überschrift „@keine.erinnerungskultur“
       Aufklärung über NS-Verbrechen, ihre Verharmlosung, ihre Tatorte, ihre
       Vereinnahmung durch eine offizielle Gedenkpolitik. Nun hat die 33-Jährige
       ein Buch vorgelegt, in dem sie ihre Überlegungen formuliert, wie sich
       „Gedenken neu denken“ lässt. Es ist nicht alles „neu“ in dem Buch, aber es
       begründet Anspruch auf einen Perspektivwechsel.
       
       Siegert spricht statt von „Erinnerungskultur“ lieber von „Gedenkkultur“.
       Sie formuliert damit ein Unbehagen an erstarrten Ritualen, mit dem sie
       nicht allein dasteht. Stattdessen fordert sie ein inklusives und aktives
       Gedenken ein. Inklusiv meint: auch lang ignorierte und marginalisierte
       Opfergruppen wie Sinti und Roma (denen sie ein eigenes Kapitel widmet) in
       den Blick zu nehmen und sich außerdem mehr mit denjenigen zu beschäftigen,
       die sich widersetzt haben. Aktives Gedenken hieße: sich mit der
       Tätergesellschaft, mit uns und unseren Vorfahren zu beschäftigen. Also:
       [1][kein Schlussstrich unter die Vergangenheit, im Gegenteil; aber ein
       Trennstrich zum bisherigen Umgang damit, wie Siegert einmal im Gespräch mit
       der taz erklärt hat].
       
       Siegert ist keine Historikerin, sie berichtet von Fehlern, die sie anfangs
       gemacht hat, von Formulierungen, die sie „verlernen“ musste. Sie fragt:
       „Welche Begriffe nutzen wir, um über Geschichte zu sprechen?“ Die Autorin
       bezieht sich auf den von dem kanadischen Soziologen Y. Michal Bodemann
       eingeführten Begriff des „Gedächtnistheaters“. „Wir inszenieren das
       Gedenken wie ein Theaterstück“, schreibt sie im Vorwort, „zu passenden
       ‚Spielzeiten‘, am liebsten zu Gedenktagen, ohne dass die Beschäftigung mit
       einer echten Aufarbeitung verbunden wäre.“
       
       Auch Siegert, die 2025 den Margot-Friedländer-Preis für ihr Engagement
       erhielt, spielt in dem „Gedächtnistheater“ ihre Rolle, wie sie zugibt. Ihr
       gehe es darum, schreibt sie, die Dynamik dahinter zu reflektieren. Eine
       Dynamik, die einer ersehnten Versöhnung und Entlastung von deutschen
       Schuldgefühlen diene, statt sich mit der Schuld der Tätergesellschaft
       auseinanderzusetzen und sich selbst in dieser Tradition zu verorten.
       
       ## Täter:innen waren immer die anderen, nur die eigene Familie nicht
       
       Dass nur wenige Zeitzeug:innen noch am Leben sind, um vor Schulklassen
       von den Schrecken einer Deportation zu berichten, alarmiert sie deshalb
       weniger. Die Zeugnisse der Überlebenden seien durch Interviews und die
       Arbeit von Gedenkstätten oder Opferverbänden inzwischen gut dokumentiert.
       Doch was ist mit den Zeugnissen derjenigen, fragt Siegert, die nicht
       befragt wurden oder die nie geredet haben: unsere Großeltern, ihre
       Urgroßeltern. Der persönlichen Konfrontation oder gar einer Recherche zur
       eigenen Familiengeschichte sind viele ausgewichen. Das deckt sich mit
       Umfragen, die zeigen, dass gerade bei Jüngeren das Interesse für die
       NS-Zeit zwar vorhanden ist, das Wissen aber schwindet und viele ihre
       eigenen Familienmitglieder nicht für Mitläufer:innen oder schuldig
       halten. Die Täter:innen waren die anderen.
       
       Anschaulich beschreibt Siegert die Suche nach ihren eigenen familiären
       Wurzeln, danach, was ihr Uropa, der als Soldat im heute ukrainischen Lwiw
       (damals Lemberg) stationiert war, gesehen haben könnte. Es sei nicht zu
       erwarten, bei einer Recherche ein Dokument zu finden, auf dem schwarz auf
       weiß stehe, was der eigene Großvater oder Urgroßvater gemacht habe, sagt
       Siegert, aber es lasse sich nachvollziehen, an welchem Ort er gewesen, was
       dort sonst noch geschehen sei: Die große Geschichte kleiner, deutlicher,
       konkreter machen. Siegerts Tipps für Anfragen und den Umgang mit Archiven
       sind konkret und hilfreich, das Zeitalter der Digitalisierung macht den
       Zugang zu Dokumenten deutlich leichter. In einem anderen Kapitel berichtet
       sie, wie sie mit der Recherche zum KZ-Außenlager Mühldorfer Hart in der
       Nähe ihres bayerischen Heimatortes überhaupt zu ihrem Thema kam.
       
       Das Kapitel liefert viele Informationen zu den zahlreichen KZ-Außenlagern,
       oft kriegswichtige Industriebetriebe, Steinbrüche, Bergwerkstollen, in
       denen viele Menschen sich zu Tode arbeiteten. Von vielen solcher Orte ist
       kaum etwas bekannt und wenig erhalten geblieben, viele sehen nicht so aus,
       wie man sich ein KZ vorstellt. Es fehlen die typischen Icons, die visuellen
       Narrative, die wir mit dem Holocaust verbinden. Oft hat sich niemand um die
       Vorgeschichte und den Erhalt dieser Außenlager gekümmert. Bildet lokale
       Initiativen, lautet eine Empfehlung Siegerts.
       
       Die Autorin plädiert für individuelle Initiative, für biografische
       Recherche und letztlich für eine Geschichte von unten oder besser aus dem
       Inneren der Gesellschaft. Siegert sieht ihr Wirken in den sozialen Medien
       als Ergänzung zu dem, was Gedenkstätten oder Geschichtsseminare leisten.
       Auf deren schwierige Arbeit und wie beides zusammenkommen könnte, geht sie
       allerdings nicht ein. Ihre Zielgruppe sind eher jüngere Menschen, die mit
       diesem Buch ein historisches Fundament, Argumentationshilfen, aber auch
       praktische Tipps bekommen.
       
       18 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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