# taz.de -- Grüne Handelspolitikerin über Vertrag: „Das Mercosur-Abkommen könnte Gefahr für EU-Gesetzgebung werden“
       
       > Die grüne Europa-Abgeordnete Anna Cavazzini verteidigt die gerichtliche
       > Prüfung des Handelsvertrags. Dieser schade Bauern, Regenwald und Klima.
       
 (IMG) Bild: Ein Prozent zu viel? Mehr brasilianische Rinder könnten den Amazonas-Regenwald an den Kipppunkt bringen, so Cavazzini
       
       taz: Frau Cavazzini, Sie haben dafür gestimmt, dass das EU-Parlament den
       Europäischen Gerichtshof (EuGH) wegen des Handelsabkommens mit vier Staaten
       der südamerikanischen [1][Mercosur]-Gruppe [2][anruft]. Deshalb wird das
       Parlament den Vertrag erst einmal nicht ratifizieren, über den die Europäer
       seit mehr als 25 Jahren mit den Südamerikanern verhandeln. Haben Sie damit
       dafür gesorgt, dass sich die EU als unzuverlässiger und zerstrittener
       Partner blamiert?
       
       Anna Cavazzini: Das Europaparlament hat am Mittwoch in der Tat entschieden,
       dass der EuGH das Abkommen prüfen sollte. Das ist ein normales Verfahren,
       das auch bei anderen Abkommen angestrengt wird. Es ist wichtig, sich die
       nötige Zeit zu nehmen, dass wir alle rechtsstaatlichen Verfahren einhalten
       und dass das Abkommen mit den EU-Verträgen in Einklang steht. Wenn das
       bestätigt ist, wird es am Ende die Akzeptanz des Abkommens erhöhen. Es hat
       eine Mehrheit aus allen Fraktionen dafür gestimmt. Das zeigt, dass die
       rechtlichen Bedenken nicht aus der Luft gegriffen sind.
       
       taz: Was ist der wichtigste Grund, weshalb Sie den EuGH angerufen haben? 
       
       Cavazzini: Für mich ist das Schwerwiegendste, dass es in diesem Abkommen
       einen [3][neuen Ausgleichsmechanismus] gibt: Wenn wegen einer europäischen
       Umweltgesetzgebung zum Beispiel Brasilien weniger Exporte in die
       Europäische Union hat, kann es auf Schadensersatz oder auf Ausgleich
       klagen. Damit könnte das Mercosur-Abkommen eine Gefahr für die autonome
       Gesetzgebungskompetenz der EU werden.
       
       taz: Diese Ausgleichsklausel ist ziemlich weich formuliert. Sie sieht
       hauptsächlich eine Mediation vor. Falls alles nicht hilft, kann die
       beklagte Partei aufgefordert werden, eine vorübergehende Entschädigung
       anzubieten. Lohnt es sich bei so einer sanften Regelung wirklich, die
       geostrategische Position der EU derart zu gefährden?
       
       Cavazzini: Ich glaube nicht, dass die strategische Position der EU damit
       gefährdet ist, dass wir uns an ein Verfahren zur Überprüfung der
       Rechtsstaatlichkeit halten. Das gilt besonders in Zeiten, wo der
       Rechtsstaat überall angegriffen wird. Die EU-Kommission wird das Abkommen
       vorläufig in Kraft setzen. Es gibt also keine Verzögerung des
       Inkrafttretens. Nur die Ratifizierung durch das Europaparlament verzögert
       sich. Und noch mal zum Inhalt: Die Ausgleichsklausel kann einen starken
       Chilling-Effekt haben. Das bedeutet: Wenn eine Seite Probleme mit dem
       anderen Handelspartner befürchtet, dann erlässt sie dieses oder jenes
       Gesetz erst gar nicht. Das ist gerade aus einer umweltpolitischen
       Perspektive potenziell gefährlich.
       
       taz: Trump und Putin wollen die EU spalten. Genau das passiert jetzt hier.
       Spielen Sie Trump und Putin in die Hände? 
       
       Cavazzini: Das Abkommen ist einfach sehr umstritten, nicht erst seit der
       Abstimmung am Mittwoch. Es ist nur mit Ach und Krach durch den Rat
       gegangen, weil sehr große, wichtige Mitgliedsstaaten wie Polen oder
       Frankreich es über Parteigrenzen hinweg sehr kritisch sehen. Das spiegelt
       sich auch im Europaparlament wider. Die Befürworter und gerade
       Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen müssen sich im Klaren darüber
       sein, dass der geopolitische Erfolg auch politische Kosten für den
       Zusammenhalt innerhalb der EU hat.
       
       taz: Dass Handelsabkommen EU-Umweltgesetze verhindern könnten, wurde schon
       bei früheren Verträgen befürchtet, zum Beispiel bei Ceta mit Kanada. Haben
       sich dort diese Sorgen bewahrheitet? 
       
       Cavazzini: Es kommt immer wieder vor, dass Handelsregeln einen massiven
       Einfluss auf die nationale Gesetzgebung haben. Ein Beispiel ist der
       mittlerweile Geschichte gewordene Energiecharta-Vertrag. Weil wir als
       Grüne, als Umwelt- und Klimabewegung dagegen mobilisiert haben, ist die EU
       da ausgetreten. Es war ein internationaler Investitionsschutz-Vertrag, der
       fossile Investitionen schützte.
       
       taz: Bei Ceta ist die EU noch dabei. Haben sich da diese Sorgen
       materialisiert? 
       
       Cavazzini: Bei Ceta ist dieses Schiedsverfahren noch nicht in Kraft, weil
       das noch nicht alle Mitgliedstaaten ratifiziert haben.
       
       taz: Heute ist die Situation anders als damals, als Ceta verhandelt wurde.
       Spätestens seit Trump mit der Annexion Grönlands droht, ist klar, dass die
       EU stärker werden muss, um sich im Zweifel auch in Konkurrenz zu den USA
       durchzusetzen. Dazu könnte das Mercosur-Abkommen beitragen. Sind da die
       Sorgen wegen der Ausgleichsklausel wirklich ausschlaggebend? 
       
       Cavazzini: In dieser Situation würde es helfen, wenn die EU-Mitgliedstaaten
       nicht die ganze Zeit vor Trump kuschen, sondern als Europäische Union
       Gegenmaßnahmen gegen seine willkürlichen Zölle androhen. Dass Trump die
       Zollandrohung zum 1. Februar zurückgenommen hat, muss auch mit dem
       wachsenden Druck in der EU in Zusammenhang gebracht werden, das
       Anti-Zwangs-Instrument gegen die USA anzustrengen. Es ist total wichtig,
       mit demokratischen Partnern zusammenzuarbeiten und auch stärker zu
       diversifizieren. Trotzdem muss man das Mercosur-Abkommen realistisch
       betrachten: Es kann wirtschaftlich nicht auffangen, was im Handel mit den
       USA wegbricht. Und muss man gucken, dass der Inhalt stimmt und dass man
       nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet.
       
       taz: Sie kritisieren nicht nur die Ausgleichsklausel, sondern auch die
       Nachteile, die dieses Abkommen zum Beispiel für Landwirte in der EU haben
       könnte. Nun zeigen [4][Modellrechnungen des bundeseigenen
       Thünen-Agrarforschungsinstituts], dass das Abkommen die Landwirtschaft kaum
       belasten würde, weil die Importmengen etwa von Rindfleisch weiter stark
       begrenzt bleiben. Sind die Schäden nicht so groß wie befürchtet? 
       
       Cavazzini: Es stimmt, es wird jetzt nicht eine Rindfleisch-Schwemme geben.
       Aber diese zusätzlichen 99.000 Tonnen Rindfleisch jährlich treffen auf
       einen eh schon gestressten, übersättigten Markt. Und man muss sich aus der
       Nachhaltigkeitsperspektive die Frage stellen: Wie viel Sinn ergibt es,
       Rindfleisch einmal um den Globus zu schicken, wenn auch hier Landwirte
       Rindfleisch produzieren und der Klimawandel voranschreitet? Für mich ist
       der größte Kritikpunkt an dem Abkommen allerdings die Auswirkung auf das
       Klima und den Regenwald in den Mercosur-Staaten. Verschiedenste Studien
       zeigen, dass die Europäische Union mit ihrem Konsum 6 bis 10 Prozent der
       weltweiten Entwaldung verursacht. Das Abkommen fügt weiteren Druck hinzu.
       
       taz: Die Thünen-Forscher haben prognostiziert, dass die Mercosur-Staaten
       nur rund 1 Prozent mehr Rindfleisch produzieren werden wegen des Abkommens.
       Ist die Gefahr gering, dass da Regenwald in relevanten Größenordnungen für
       mehr Rinderhaltung verschwinden wird?
       
       Cavazzini: Der Amazonas steht kurz vor dem Kipppunkt. Jeder
       Quadratkilometer mehr Abholzung ist da schon ein Problem. Ich bin
       regelmäßig in Austausch mit Indigenen dort. Ich habe einzelne Stämme
       getroffen und den Dachverband der brasilianischen Indigenen. Die sind gegen
       das Abkommen, weil sie fürchten, dass ihr Lebensraum weiter unter Druck
       gerät. Solche Stimmen muss man sehr, sehr ernst nehmen.
       
       taz: Wie finden Sie, dass die EU-Kommission den größten Teil des Abkommens
       jetzt auch ohne Zustimmung des Parlaments in Kraft setzen könnte? 
       
       Cavazzini: Ich finde das legitim. Wir sind normalerweise als Parlament
       immer darauf bedacht, dass wir mit dem Rat zusammen ratifizieren oder dass
       Abkommen nicht vorläufig angewandt werden, solange wir nicht ratifizieren.
       Aber in dieser besonderen Lage ist das ein Kompromiss, der geopolitisch
       Sinn macht. Wir stimmen ab, sobald der EuGH sein Gutachten veröffentlicht
       hat. Dann können alle eine informierte Entscheidung treffen. Rechtliche
       Bedenken auszuräumen, kann auch einige Kritik am Abkommen entkräften. Wenn
       das Abkommen außerdem bereits vorläufig in Kraft ist, haben wir schon erste
       Erkenntnisse, wie es in der Praxis wirkt.
       
       22 Jan 2026
       
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