# taz.de -- Hausdurchsuchung zur Morgenstunde: Auf dem Kieker
       
       > Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat das Haus des Journalisten Lars
       > Winkelsdorf durchsuchen lassen. Zur Begründung schiebt sie einen
       > taz-Artikel vor.
       
 (IMG) Bild: Fühlt sich verfolgt und will deshalb das Land verlassen: Journalist und Waffenexperte Lars Winkelsdorf
       
       Lars Winkelsdorf sieht nicht gut aus an diesem Vormittag. Er schlurft
       gebückt heran, seine Augen sind dunkel umschattet. „Sie sehen nicht gut
       aus!“ – „Weiß ich doch“, sagt Winkelsdorf mit einer wegwerfenden
       Handbewegung und geht vor in das Restaurant neben der U-Bahn-Station, in
       dem er seine Geschichte erzählen wird.
       
       Auf X, ehemals Twitter, hat er schon darüber berichtet. Lars Winkelsdorf
       ist Journalist, einen Namen hat er sich [1][als Waffenexperte gemacht]. Er
       wird gefragt, wenn jemand Amok läuft wie vor zwei Jahren bei den Zeugen
       Jehovas in Hamburg. „Wie konnte das passieren? Wie konnte der Täter einen
       Waffenschein bekommen?“
       
       Lars Winkelsdorf weiß, wie illegale Waffen in die rechte Szene kommen, er
       gibt Hinweise auf Lieferungen nach Russland und in andere Kriegsgebiete.
       Man sieht ihn im Fernsehen mit einem Mikrofon vor der Nase, wenn einem
       Polizisten seine Waffe entwendet wurde. An der Führungsakademie der Polizei
       in Münster sollte er Vorträge halten, sogar im Bundestag war er als
       Sachverständiger geladen. Es gibt nicht viele, die sich mit Waffen so
       auskennen wie er.
       
       Und bei so jemandem steht morgens die Polizei vor der Tür, mit einem
       Durchsuchungsbefehl? Illegaler Waffenbesitz, so der Vorwurf. Er sei im
       Bademantel im Wohnzimmer seines Hauses festgehalten worden, Winkelsdorf
       spricht von einem „Rollkommando“. Er habe die erste Stunde nicht auf die
       Toilette gedurft, während die Beamten das Haus durchkämmten „bis hin zum
       Gefrierschrank meiner Mutter im Keller“.
       
       ## Polizei ignoriert Schreiben der Mainzer Staatsanwaltschaft
       
       Tatsächlich hatte Winkelsdorf lange einen Waffenschein, und er besaß
       Waffen. Zum Beispiel, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Selbstladegewehr
       „SLK Mod. 41“, mit dem allerdings etwas nicht stimmte, es schoss immer
       weiter. Er habe es „noch auf dem Schießstand“ selbst zerlegt und später bei
       der Hamburger Waffenbehörde abgegeben, bei der es in seiner
       Waffenbesitzkarte eingetragen war.
       
       Später war das Gewehr Beweisstück in einem Prozess in Mainz gegen den
       Waffenhersteller, aus dessen Produktion es kam. Winkelsdorf war als Zeuge
       geladen. Die Waffe landete am Ende beim BKA, von der Mainzer
       Staatsanwaltschaft hat Winkelsdorf ein Schreiben, das über den Verbleib der
       Waffe Auskunft gibt.
       
       Ein Gewehr mit genau derselben Seriennummer hat die Polizei bei ihm
       gesucht, so steht es im Durchsuchungsbeschluss. Sein Angebot, das Schreiben
       der Mainzer Staatsanwaltschaft zu zeigen, aus dem hervorgeht, dass er die
       Waffe nicht mehr besitzt, sei abgelehnt worden, sagt Winkelsdorf. Am Ende
       hätten die Beamten das Reststück von einem Lauf, ein Magazin und eine
       Schulterstütze für eine Maschinenpistole mitgenommen.
       
       Als Grund für den Verdacht des illegalen Waffenbesitzes nannte der
       Durchsuchungsbeschluss einen [2][Artikel in der taz] von 2024, in den sich
       ein Fehler eingeschlichen hatte. Dort stand, Winkelsdorf habe noch einen
       Waffenschein und besitze Waffen, was aber nicht mehr der Fall war.
       
       Winkelsdorf hatte seinen Waffenschein abgeben müssen, nachdem ihn das
       Hamburger Landgericht 2012 wegen „Anstiftung zum Führen von Waffen“ zu
       einer Geldstraße verurteilt hatte. Er soll einen Waffenhändler dazu
       angestiftet haben, seine Waffen im Kofferraum an den Drehort eines
       Fernsehbeitrages zu kutschieren – die Versicherung der
       Produktionsgesellschaft des Beitrages, Winkelsdorf sei nur interviewt
       worden, der Beitrag sei gar nicht von ihm, fand kein Gehör.
       
       Winkelsdorf kämpfte damals noch immer gegen das Urteil an. Der taz-Artikel
       handelte davon, wie die Hamburger Staatsanwaltschaft immer wieder
       versuchte, einen Journalisten, der für Fernsehbeiträge im Milieu des
       illegalen Waffenhandels recherchierte, [3][in die Nähe derer zu rücken,
       über die er berichtete].
       
       Doch reicht ein Satz in einem ein Zeitungsartikel für einen
       Durchsuchungsbeschluss? Christian Teppe, Winkelsdorfs Anwalt, glaubt das
       nicht. „Presseberichte sind keine Tatsachen im strafprozessualen Sinne,
       sondern lediglich Anstoß für Ermittlungen, nicht aber deren Ersatz“,
       schreibt er in seiner Beschwerde ans Amtsgericht, das den
       Durchsuchungsbeschluss ausgestellt hat.
       
       Die morgendliche Hausdurchsuchung, das Eindringen der Polizei in sein Haus
       hat Winkelsdorf mitgenommen. Er leide unter Burnout, sagt er, könne nicht
       mehr schlafen, fühle sich verfolgt „wie in der DDR“. Im Restaurant trinkt
       er einen Kaffee und noch einen, geht raus, um zu rauchen, zeigt Beweisfotos
       auf seinem Handy. Warum, fragt er sich, ermittelt die Staatsanwaltschaft
       schon wieder gegen ihn?
       
       ## Kritik an der Hamburger Waffenbehörde
       
       Seltsam ist, dass das Selbstladegewehr, das im Durchsuchungsbeschluss
       gesucht wird, genau dieselbe Seriennummer hat wie die Waffe, die er
       wirklich einmal besessen und dann abgegeben hatte. Aber der Name der
       Waffenfirma ist ein anderer. „So eine Waffe“, sagt Winkelsdorf, „gibt es
       von dieser Firma nicht.“
       
       Sein Verdacht: der Eintrag im Waffenregister wurde manipuliert, um ihm
       einen Waffenbesitz unterzuschieben, der dann wegen des Verlusts seines
       Waffenscheins illegal gewesen wäre. Winkelsdorf ist des Öfteren als
       Kritiker der Hamburger Waffenbehörde aufgetreten, [4][zuletzt 2023 im Fall
       des psychisch kranken Amokschützen bei den Zeugen Jehovas].
       
       Ist es denkbar, dass jemand in der Waffenbehörde sich an Winkelsdorf rächen
       will, weil er sie an den Pranger gestellt hat? Er glaubt das. Zuständig für
       die Hausdurchsuchung ist allerdings die Hamburger Staatsanwaltschaft. Die
       erklärt auf Anfrage, sie könne zu dem Fall bis auf Weiteres nichts sagen,
       weil die Akte noch nicht vorliege.
       
       ## Viele offene Fragen
       
       So bleiben doch viele Fragen offen. Was für Anhaltspunkte hatten die
       Behörden, zu glauben, Winkelsdorf besitze illegal Waffen? Er würde damit ja
       seine ganze Reputation aufs Spiel setzen. Wieso suchten sie dieses eine
       Gewehr, das er doch längst abgegeben hatte? Der Sinn der ganzen Aktion
       erschließt sich nicht.
       
       Winkelsdorf, der Mann mit Bundeswehrvergangenheit, dessen Vater bei der
       Hamburger Staatsanwaltschaft war, hat immer dafür gekämpft, dass Waffen
       nicht in die falschen Hände geraten. Es ist der Job, den eigentlich Polizei
       und Staatsanwaltschaft erledigen müssten. Und ausgerechnet die gehen gegen
       ihn vor.
       
       In einem Interview auf Youtube hat Winkelsdorf angekündigt, das Land
       verlassen zu wollen. „Mein Entschluss steht fest“, sagt er am Telefon.
       „Woanders brauche ich mich nicht zu verstecken.“
       
       23 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.tagesschau.de/video/video-1381236.html
 (DIR) [2] /Staatsanwaltschaft-auf-Abwegen/!6025951
 (DIR) [3] /Vorwuerfe-gegen-Hamburger-Polizei/!5865852
 (DIR) [4] /Nach-den-Schuessen-auf-Zeugen-Jehovas/!5920590
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Wiese
       
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