# taz.de -- Wen Russland für den Krieg rekrutiert: Stanislav weiß nicht, wofür er kämpft
> Daten aus dem Moskauer Rathaus zeigen: Potenzielle Rekruten werden –
> trotz dass sie offensichtlich einfache Fragen nicht beantworten können –
> in den Dienst der Armee gestellt.
(IMG) Bild: Sie werben auf den Straßen: Ein Plakat des Militärs in Sankt Petersburg, Russland
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Am 21. Januar 2026 öffnet [2][Verstka] mit dem folgenden Beitrag ein
Fenster nach Russland.
Im vierten Kriegsjahr wurde es für Kreml schwieriger, Russen für den Krieg
gegen die Ukraine zu rekrutieren. So schickte Moskau beispielsweise ein
Viertel weniger Rekruten an die Front als noch 2024. Und Militärs beklagten
sich über die schlechte „Qualität“ der Rekruten.
[3][Der Text (auf Russisch) basiert auf Tonbandaufnahmen und statistischen
Daten, die Verstka von einer Quelle im Moskauer Rathaus zur Verfügung
gestellt wurden]. Verstka hat die Namen der Vertragssoldaten sowie die
Orte, aus denen sie beim Verteidigungsministerium angeworben wurden,
geändert.
„Waren Sie schon einmal bei einem Psychiater?“„Ja.“„Ja?“„Nein.“„Nein? Waren
Sie schon einmal dort?“„Wo?“
Ein solcher Dialog fand im vergangenen Herbst im Moskauer Auswahlzentrum
für den Wehrdienst auf Vertragsbasis statt. Der Sprecher, Stanislav, kam
aus einem Dorf in der Region Swerdlowsk in die Hauptstadt, um einen Vertrag
mit dem Verteidigungsministerium abzuschließen. Mit dem Standardfragebogen
kam er nicht zurecht: Er konnte 17 von 25 Fragen nicht beantworten. Und
hatte im Vorstellungsgespräch Schwierigkeiten, seine Gedanken zu
formulieren, und konnte kein einziges Ziel für seine Teilnahme im Krieg zu
nennen.
„Worüber denken Sie nach?“ (fragt der Mitarbeiter der Auswahlstelle
Stanislav)„Über meine Frau.“„Wann haben Sie geheiratet?“„Am Freitag.“„Und
heute ist Sonntag. Wo haben Sie geheiratet?“„Hier, in Moskau.“„Ist sie
Moskauerin? Sind Sie schon lange hier?“„Seit Donnerstag.“„Sie sind am
Donnerstag angekommen, am Freitag haben Sie geheiratet und am Sonntag sind
Sie zu uns gekommen, um in den Krieg zu ziehen?“
Daraufhin erklärte Stanislav, dass er eigentlich schon am Samstag kommen
wollte, aber etwas dazwischen gekommen sei. Seine Frau habe er im Internet
kennengelernt, warum er in den Krieg ziehe, wisse er nicht, auch die Ziele
dieses Krieges verstehe er nicht.
„Was glauben Sie, worum geht es in diesem Krieg, welche Ziele werden
verfolgt?“„Ich weiß es nicht.“„Sie wissen es nicht, aber Sie möchten sich
daran beteiligen und sind bereit, dafür Ihr Leben und Ihre Gesundheit zu
riskieren?“„Ja.“
Stanislav unterzeichnete den Vertrag. Wie sich Stanislavs Schicksal an der
Front entwickelte, konnte „Verstka“ nicht feststellen. Fälle wie seiner
häuften sich im vergangenen Jahr, berichtet Verstka.
## Anweisung, die Auswahlkriterien zu lockern
Dennoch geht die Zahl der Freiwilligen zurück, sagt eine Quelle von Verstka
im Moskauer Rathaus. Er übermittelte der Redaktion Daten zur Rekrutierung
von Vertragssoldaten in der Hauptstadt in den letzten zwei Jahren.
Die Zahlen und Trends wurden auch von einem zweiten Gesprächspartner in der
Verwaltung des Moskauer Bürgermeisters gegenüber Verstka bestätigt: „Unsere
Einstellungspläne sind faktisch gescheitert. Anstelle des versprochenen
Wachstums von 30 bis 40 Prozent ist genau das Gegenteil eingetreten. Das
ist mit bloßem Auge zu erkennen: Es gibt weniger Menschen, keinen Zustrom“.
Insgesamt wurden laut des Mediums im Jahr 2025 24.469 Menschen über Moskau
in den Krieg geschickt – ein Viertel weniger als im Jahr zuvor. Im Jahr
2025 war laut den Gesprächspartnern von Vestka der Rückgang des Interesses
an der Vertragsdienstleistung besonders am Ende des Jahres spürbar – im
Dezember schlossen in Moskau nur 879 Personen Verträge ab. Der Rückgang sei
damit verbunden, dass diejenigen, die wirklich an die Front wollten, dies
bereits längst getan hätten.
„Wir wissen, dass der Krieg bereits länger dauert als der Zweite Weltkrieg.
Und jeder Krieg führt zu einer zunehmenden Ermüdung, sodass der Zustrom
natürlich zurückgehen wird“, sagt der Gesprächspartner im Rathaus und
prognostiziert einen weiteren Rückgang der Zahlen aufgrund der „sich
verschlechternden finanziellen Lage“ in Russland.
„Es gab direkte Anweisungen von der Führung, die Auswahlkriterien zu
lockern und nur in Extremfällen abzulehnen. Und diese Anweisungen zur
Lockerung der Kriterien galten für alle Mitarbeiter der Auswahlstelle“,
sagt eine Quelle im Rathaus gegeüber Verstka.
Die medizinischen Anforderungen wurden im August 2025 gelockert –
beispielsweise sind Schizophrenie und einige andere psychiatrische
Diagnosen nun kein Hindernis mehr für den Abschluss eines Vertrags mit der
russischen Armee oder ein Grund für die Entlassung aus dem
Verteidigungsministerium. Soldaten mit diagnostizierten
Persönlichkeitsstörungen und anderen psychiatrischen Diagnosen werden
manchmal direkt aus Krankenhäusern abgeholt.
Kandidaten werden nur aufgrund „besonderer Artikel“ abgelehnt:
beispielsweise aufgrund von Straftaten im Zusammenhang mit sexueller Gewalt
gegen Minderjährige. Eine Ablehnung erhalten diejenigen, die in einer
Drogen- oder Psychiatrieklinik registriert sind – allerdings nur, wenn sie
dort aktuell geführt werden.
[4][Wie Verstka bereits im letzten Jahr berichtete], hat sich in Russland
eine ganze Branche privater Kriegsrekruter gebildet, die staatliche
Aufträge ausführen und Hunderttausende Rubel verdienen.
Auch private Rekrutierer sprechen heute von einem Rückgang der „Qualität“
derjenigen, die bereit sind, gegen die Ukraine zu kämpfen. Einer von ihnen
berichtete, dass in den letzten Monaten nur noch diejenigen ans den Front
gehen, die vorbestraft sind- Mörder und Räuber.
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21 Jan 2026
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(DIR) Tigran Petrosyan
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