# taz.de -- Krise auf dem russischen Arbeitsmarkt: Letzter Ausweg Krieg
       
       > Während der russische Arbeitsmarkt in einer tiefen Krise steckt, lebt der
       > Kreml in einer Fantasiewelt. Wie die Kriegswirtschaft den zivilen Sektor
       > in Russland aushöhlt.
       
 (IMG) Bild: Mitarbeiter arbeiten an der BAZ-Lkw-Montagelinie im Werk der Firma Romanov in St. Petersburg, Russland, am 26.12.2025
       
       Die taz präsentiert unter [1][taz.de/unserfenster] jeden Mittwoch eine
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       In der Zeit vom 8. bis 14. Januar 2026 öffnet [2][Doxa] mit dem folgenden
       Beitrag [3][ein Fenster nach Russland]. 
       
       Es liest sich wie aus Putins Wunschbuch, was der Kreml kürzlich verkündet
       hat. Die russische Wirtschaft habe sich demnach erfolgreich auf Krieg
       umgestellt, die Sanktionen seien wirkungslos verpufft und hätten sogar neue
       Wachstumschancen eröffnet.
       
       Die Realität in den Unternehmen sieht jedoch anders aus. Überall gibt es
       eine sinkende Nachfrage, explodierende Kosten und fehlende Bauteile.
       [4][Eine Recherche des russischen Exilmediums Doxa zeigt], wie die
       vermeintliche Kriegswirtschaft den zivilen Sektor aushöhlt. Der
       vollständige Text ist auf Russisch verfügbar.
       
       Herbst 2025: Als einer der Ersten kündigte der Konzern Zemros – der größte
       Zementhersteller Russlands mit 18 Fabriken und rund 13.000
       Mitarbeiter:innen – die Umstellung auf verkürzte Arbeitszeiten an. In
       den größten Industriebetrieben des Landes – GAZ, AvtoVAZ, Rostselmash und
       Uralvagonzavod – häufen sich Entlassungen, Produktionsstillstand und
       spürbare Einkommenseinbußen.
       
       Immer mehr russische Unternehmen beginnen in zahlreichen Industriezweigen,
       ihre Belegschaften massenhaft auf Drei- und Viertagewochen umzustellen. Die
       offizielle Begründung lautet: Nachfragerückgang und die angebliche
       Notwendigkeit, „Arbeitsplätze zu sichern“. Formal bleibt die Beschäftigung
       bestehen, doch de facto tragen Arbeitnehmer:innen die Kosten in Form
       gekürzter Arbeitszeiten, sinkender Einkommen und wachsender verdeckter
       Arbeitslosigkeit.
       
       Das drastischste Beispiel ist Rusal, das wichtigste Unternehmen der
       russischen Aluminiumindustrie. So wurde das Werk Kremnij in der Region
       Irkutsk zum 1. Januar 2026 geschlossen. Es ist eines von nur zwei
       russischen Unternehmen, die hochreines Silizium für die Chemie- und
       Elektronikindustrie produzieren.
       
       ## Eine Wirtschaft des „Abbaus“
       
       Expert:innen sprechen bereits von einer „Wirtschaft des Abbaus“. Zwar
       wurde die russische Wirtschaft kurzfristig durch hohe Militärausgaben
       angekurbelt. Staatliche Aufträge, eine rasche Ausweitung der
       Rüstungsproduktion und Investitionen in ausgewählte Fabriken und Regionen
       sorgten für Wachstum. Doch dauerhaft stabilisiert hat das nichts.
       
       Das liegt auch am hohen Leitzins. Er macht Kredite und Leasing für
       kapitalintensive Branchen unbezahlbar. Investitionsprogramme werden
       eingefroren und die Anschaffungen von Maschinen und Ausrüstung wird
       zurückgefahren. Gleichzeitig haben die 2024 und 2025 verhängten Sanktionen
       der EU, der USA und ihrer Verbündeten Russland den Zugang zu Technologien
       und Industrieausrüstung versperrt. Im Maschinenbau deckten Importe in den
       Hightech-Segmenten zuvor laut Schätzungen der russischen Beratungsfirma
       Delovoy Profil 70 bis 80 Prozent des Bedarfs. Es ist nicht gelungen, sie
       schnell zu ersetzen.
       
       Laut Daten der Jobplattformen Rabota.ru und SberPodbor bereiten sich
       derzeit etwa 12 Prozent der Unternehmen auf Entlassungen vor, das sind mehr
       als Ende 2024. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach neuen Angestellten.
       Nur jedes vierte Unternehmen stellt derzeit aktiv ein. Der Arbeitsmarkt ist
       allmählich nicht mehr „defizitär“. Aber nicht, weil es den Menschen besser
       geht, sondern weil den Unternehmen schlicht das Geld ausgeht.
       
       Besonders hart trifft es die Rohstoff- und verarbeitende Industrie. In der
       Kohleindustrie warnte Vizepremierminister Alexander Novak bereits im
       Frühjahr, dass rund 30 Unternehmen mit etwa 15.000 Beschäftigten von der
       Schließung bedroht seien. Zu Beginn des Herbstes bestätigten sich die
       Befürchtungen. Die Behörden von Kusbass teilten mit, dass bereits 17
       Unternehmen geschlossen wurden. Seit Jahresbeginn ist die Zahl der offenen
       Stellen in der Region um 40 Prozent zurückgegangen.
       
       ## Flucht in die Rüstungsindustrie – oder an die Front
       
       Die Möbelindustrie, die sich aufgrund des regen Wohnungsbaus bislang noch
       relativ gut behaupten konnte, verzeichnete einen Rückgang von 8,1 Prozent.
       Die Metallindustrie schrumpfte um 3,3 Prozent, was vor allem Unternehmen
       aus dem Transport- und Bausektor betraf. In Tjumen schloss das
       Sperrholzwerk Sveza, wodurch 325 Menschen ihre Arbeit verloren. In der
       Region Tscheljabinsk legt das Metallwerk Asha seine Edelstahlabteilung
       still und entlässt über 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vor allem aus
       exportorientierten Produktionsbereichen.
       
       Uralvagonzavod (UVZ) – der größte Hersteller von Güterwagen, gepanzerten
       Fahrzeugen und anderen militärischen Produkten – bietet
       Mitarbeiter:innen aus dem zivilen Sektor Umschulungen und einen
       Wechsel in „militärische“ Werkstätten an, die mit Aufträgen gesichert sind.
       
       Für viele bleiben nur zwei Auswege: Entweder ziehen sie als „Freiwillige“
       in den Krieg – sofern es sich um Männer handelt –, oder sie bewerben sich
       bei Unternehmen des Verteidigungssektors wie dem Uralwaggonwerk, wo
       staatliche Aufträge derzeit noch für stabile Auslastung sorgen und es kaum
       Entlassungen gibt.
       
       Die Rüstungsindustrie verschlingt den zivilen Sektor und zerstört damit
       ihre eigene Grundlage. Dass Russlands Kriegswirtschaft auf Zeit läuft, ist
       klar. Fragt sich nur, wie lange noch.
       
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       14 Jan 2026
       
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