# taz.de -- Politische Graffit in Russland: „Du ziehst uns in die Hölle!“
> Auf russischen Straßen prangen Graffitis, die Putin und den russischen
> Angriffskrieg kritisieren. Eine Fotostrecke zeigt, wie die
> Kreml-Propaganda unterlaufen wird.
(IMG) Bild: Putin-Propaganda in Moskau, 15. Dezmeber 2025
Die taz präsentiert unter [1][taz.de/meduza] jeden Mittwoch eine
wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus russischen kritischen Medien.
Mit diesem Projekt stärkt die taz Panter Stiftung unabhängigen Journalismus
und ermöglicht es kritischen Redaktionen, ihre Arbeit auch unter
schwierigen Bedingungen fortzuführen.
In der Zeit vom 1. bis 7. Januar 2026 öffnet [2][Mediazona] mit dem
folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland.
Seit Beginn [3][der Vollinvasion in der Ukraine] suchen Menschen in
Russland nach anonymen Formen des Protests, um Strafen für
antikriegsbezogene Äußerungen zu vermeiden. Sie hinterlassen Botschaften im
öffentlichen Raum, indem sie Sticker und Flugblätter kleben, Graffiti
sprühen und Sprüche an Wände schreiben. Seit 2022 dokumentiert die
Anthropologin Alexandra Arkhipova diese Protest-Streetart in Russland
anhand von Fotografien, die ihr von Follower:innen zugeschickt werden.
Mediazona präsentiert eine Fotostrecke, die sichtbar macht, wie Menschen in
Russland über Krieg und Repressionen denken und einander Halt geben. Die
Fotostrecke ist auf[4][ Englisch] und [5][Russisch] verfügbar.
Die Anthropologin bezeichnet Menschen, die sich mithilfe von Streetart
gegen den Krieg stellen, als „semiotische Partisanen“, weil ihre
Kreativität die Bedeutung der offiziellen Propaganda untergräbt. „Sie
zeigen, dass es viele Menschen gibt, die diesen Krieg ablehnen“, sagt
Arkhipova. „Und sie kämpfen für die Möglichkeit, einen alternativen
Standpunkt im öffentlichen Raum sichtbar zu machen.“
Die politischen Botschaften variieren. Manche sind direkt, etwa das
Graffito „Nein zum Krieg!“. Andere richten sich an zwei imaginäre
Gesprächspartner:innen. Der eine ist „ein Russe“, der der Propaganda glaubt
oder sich selbst als „unpolitisch“ bezeichnet und sich von den
Geschehnissen distanziert. Genau diese Menschen versuchen semiotische
Partisanen zu erreichen.
Das zweite Ziel der semiotischen Partisanen ist Wladimir Putin. Im ersten
Kriegsjahr enthielt Streetart oft direkte Botschaften an Putin, ohne dass
sein Name immer erwähnt wurde: „Hau ab!“, „Du hast es vermasselt!“, „Du
ziehst uns in die Hölle!“.
## „Nein zum Krieg!“
In den vergangenen Jahren ist die Zahl direkter Botschaften – nicht nur an
Putin, sondern allgemein – zurückgegangen, sagt Arkhipova gegenüber
Mediazona. „Der Dialog findet innerhalb der Gruppe statt, nicht mit einem
externen Publikum“, sagt sie. „Gleichzeitig besteht kein Zweifel daran, wem
all diese Inschriften mit verschleierten Todeswünschen gewidmet sind.“
Auf dem Bürgersteig nahe einer Schule in Lobnja bei Moskau steht in Kreide
geschrieben: „Er ist noch nicht tot, aber am Ende seiner Kräfte! Nein zum
Krieg!“ In Sankt Petersburg zeichnet jemand minimalistisch ein Grab und
ergänzt die Worte „Blumen für Wolodja“. Auch das Motiv des Balletts als
Symbol für den Tod des „Führers“ fand sich in der russischen Protestkunst
wieder.
Es gibt viele weitere Symbole, darunter den Papierkranich als Zeichen gegen
den Krieg. Auch Russen lassen ihn an beliebigen Orten zurück. „Diese
kleine, unscheinbare Geste richtet sich weniger an ihre Mitmenschen als
vielmehr an sie selbst“, glaubt Arkhipova. Der deutsche Historiker Alf
Lüdtke bezeichnete solche Dinge als Eigensinn. Es handelt sich weniger um
eine politische Aussage als um eine Geste, die zeigen soll: Ich habe mich
nicht gebeugt, ich behalte meinen eigenen Willen, ich bin gegen diesen
Krieg.
An einem Eingang zur U-Bahn in Kasan, Tatarstan, ist ein Aufkleber mit der
Aufschrift „Freiheit für politische Gefangene“ zu sehen. OVD-Info, ein
Menschenrechts- und Medienprojekt, verzeichnet in seinem Bericht
„Repression in Russland im Jahr 2025“ 142 Fälle von Verfolgung wegen
kriegsfeindlicher Äußerungen. Das ist eine geringere Zahl als in allen
Jahren zuvor, in denen der Krieg in vollem Umfang geführt wurde. Alle diese
Fälle stehen im Zusammenhang mit Äußerungen gegen den Krieg in der Ukraine.
## Anklagen wegen „Diskreditierung“ der Armee
Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Repressionen in Russland nachgelassen
haben, betonen die Autoren des Berichts. Der Fokus des Staates liegt nun
auf besonders schwerwiegenden Anklagen: Hochverrat und „Terrorismus“.
„Aufrufe zum Terrorismus“ waren 2025 die häufigste politische Anklage:
Mindestens 81 Fälle von Verfolgung gab es, davon 46 wegen
Kriegsgegnerschaft. An zweiter Stelle steht die Verbreitung von „Fake News“
über die russische Armee mit mindestens 46 Fällen im Jahr 2025, die
„Diskreditierung“ der Armee folgt mit mindestens 15 Fällen.
Zitate aus Liedern von Künstler:innen, die sich offen gegen den Krieg in
der Ukraine ausgesprochen haben, sprechen oft für sich selbst. „Gegen die
Regierung zu sein bedeutet nicht, gegen das Vaterland zu sein. Ich liebe
Russland wegen des Dufts von Schwarzen Johannisbeeren“, so lautet eine
Zeile aus dem Lied „Labyrinth“ des Rappers Face.
Der Borisowskoje-Friedhof in Moskau, auf dem am 1. März 2024 der in der
Strafkolonie [6][ermordete Alexej Nawalny] beigesetzt wurde, ist laut
Arkhipova zu einem echten „Volksdenkmal“ geworden. Die Menschen bringen bis
heute Blumen und Nachrichten zum Grab des Politikers. „Das ist eine
Möglichkeit, eine kollektive Aussage zu machen und zu zeigen: ‚Wir sind
viele.‘“
Mit Ihrer [7][Spende an die taz Panter Stiftung] helfen Sie, kritischen
Journalismus zu stärken und auch unter schwierigen Bedingungen zu
ermöglichen.
7 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Unser-Fenster-nach-Russland/!t5916992
(DIR) [2] https://en.zona.media/
(DIR) [3] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
(DIR) [4] https://en.zona.media/article/2026/01/06/street
(DIR) [5] https://zona.media/article/2026/01/06/streets
(DIR) [6] /Alexei-Nawalny/!t5473156
(DIR) [7] https://secure.spendenbank.de/form/1705?langid=1--
## AUTOREN
(DIR) Tigran Petrosyan
## TAGS
(DIR) Unser Fenster nach Russland
(DIR) Russland
(DIR) Wladimir Putin
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) GNS
(DIR) Unser Fenster nach Russland
(DIR) Unser Fenster nach Russland
(DIR) Unser Fenster nach Russland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Meduza-Auswahl 25.–31. Dezember: Macht Putin bald in einem Palast auf der Krim Urlaub?
Dem russischen Präsidenten soll auf der Halbinsel eine luxuriöse Villa
gebaut worden sein. Früher befand sich auf dem Gelände eine sowjetische
Erholungsanlage.
(DIR) Meduza-Auswahl 18.–24. Dezember: Immer mehr Urteile wegen Spionage und Hochverrat
Im Jahr 2025 wurden in Russland so viele Menschen wie noch nie unter diesen
Vorwürfen inhaftiert. Darunter sind auch viele Ukrainerinnen und Ukrainer.
(DIR) Meduza-Auswahl 10.–17. Dezember: Keine Konsularleistungen für Kritiker
Die russische Föderation plant ein neues Register für im Ausland lebende
„Staatsfeinde“. Wer darauf landet, muss mit harten Konsequenzen rechnen.