# taz.de -- Grünen-Politikerin über die Brandmauer: „Politik wird zu sehr von der Stadt her gedacht“
> Wie umgehen mit AfD-Wählern im Osten? Die Schriftstellerin Juli Zeh hat
> im taz-Interview Antworten gegeben, die Katrin Göring-Eckardt ärgerten.
(IMG) Bild: Eine Brandmauer des Gesprächs darf es nicht geben, sagt Katrin Göring-Eckardt
Ende Dezember erschien in der taz [1][ein Interview mit Juli Zeh]. Darin
erzählte die Schriftstellerin von ihren Nachbarn in Brandenburg. 54 Prozent
in ihrem Dorf wählen AfD. Sie sagte auch, dass die Brandmauer zu nichts
geführt habe. Katrin Göring-Eckardt, langjährige Grünen-Abgeordnete, hat
das Gespräch gelesen und sagte uns, sie sehe manches anders. Sie wohnt
selbst in einem Dorf in Ostdeutschland. An einem Montagnachmittag treffen
wir sie in ihrem Bundestagsbüro Unter den Linden.
taz: Frau Göring-Eckardt, was hat Sie am wochentaz-Gespräch mit Juli Zeh
geärgert?
Katrin Göring-Eckardt: Mich hat vor allem geärgert, dass sich Juli Zeh so
unumwunden, vielleicht auch nur scheinbar, aber am Ende doch gemeinmacht
mit den AfD-Wählern in ihrem Dorf. Sie beschreibt deren Sorgen,
beispielsweise den Fall einer Mutter, deren Kind einen Schulplatz mit sehr
langer Anfahrt zugewiesen bekommen hat. Juli Zeh hat so viel Verständnis,
dass es klingt, als müssten die Leute aus solchen Gründen zwangsläufig AfD
wählen. Aber das müssen sie nicht. Juli Zeh ist Verfassungsrichterin. Sie
sollte sich hinstellen und sagen: Das finde ich nicht gut, überleg doch
noch mal, was es bedeutet, die AfD zu wählen.
taz: Juli Zeh sagt, dass sie in politischen Gesprächen im Dorf sehr wohl
klarmacht, dass sie Dinge anders sieht.
Göring-Eckardt: Im Interview verteidigt sie vor allem dieses Wahlverhalten.
Auch bei ihren Auftritten in Talkshows hatte ich bislang den Eindruck:
Immer sind die anderen die Blöden, die diese Menschen nicht verstehen, die
ja so wütend sein müssen. Die Leute ernst zu nehmen, heißt für mich auch,
Dinge auszudiskutieren und nicht nur mildernde Umstände geltend zu machen.
taz: Sie leben seit vielen Jahren in einem Dorf in Ostdeutschland. Wie
viele Menschen haben denn da bei der Bundestagswahl für die AfD gestimmt?
Göring-Eckardt: Etwas über 40 Prozent.
taz: Und wie gehen Sie im Dorfalltag damit um?
Göring-Eckardt: Es steht ja niemandem auf der Stirn geschrieben, wen er
oder sie wählt. Aber klar, ich begegne AfD-Wählern im Alltag. Von einem
Handwerker weiß ich sogar, dass er Mitglied ist. Freunde aus der Stadt
denken, ich habe eine Macke, wenn sie hören, dass ich mir freiwillig einen
AfDler ins eigene Haus hole.
taz: Gibt es keinen anderen Handwerker, der die Reparatur übernehmen
könnte?
Göring-Eckardt: Nein. Ich würde aber auch nicht von der politischen
Gesinnung abhängig machen wollen, welchen Handwerker ich bestelle. Wichtig
ist, dass er seine Arbeit kann.
taz: Die Grünen sind im ländlichen Osten für viele ein Feindbild. Wenn nun
der AfD-Handwerker kommt, wie läuft das dann?
Göring-Eckardt: Immerhin kommt er. Das ist schon mal gut, er könnte ja auch
sagen, da will ich nicht hin. Erst mal geht es um die Sache, beispielsweise
die Reparatur des Wasserhahns. Ich versuche dann über das zu reden, was das
alltägliche Leben betrifft: was im Ort so los ist oder warum so viele
Häuser verfallen. Wenn es dann ein politisches Thema gibt, das ihn betrifft
oder das ihn aufregt, sage ich dazu auch noch was. Zum Beispiel zur
Elektromobilität. Vor meiner Tür steht ein E-Auto. Viele fragen, ob man
damit tatsächlich von A nach B kommt und auch wieder zurück.
taz: Spoiler: Man kommt sehr gut von A nach B.
Göring-Eckardt: Ja, klar. Über solche Dinge wird geredet, im Garten, im
Laden, im Alltag eben. Das ist ganz normal.
taz: Wie geht es Leuten in Ihrem Dorf, die zu einer Minderheit gehören?
Göring-Eckardt: Die kriegen Schiss. Weil sie queer sind, eine andere
Einstellung haben, weil ihre Cousine schwarz ist und auch zum Geburtstag
kommen will. Wenn ich mit Leuten rede in Berlin, dann sagen die mir
manchmal: So, wie ich aussehe, fahre ich gar nicht erst nach Brandenburg.
Das verstehe ich total. An die denkt niemand, wenn man darüber spricht,
dass man doch Verständnis haben muss für die Leute, die sich abgehängt
fühlen.
taz: An dem Abgehängtsein ist schon was Wahres dran, oder?
Göring-Eckardt: Das stimmt. Ich verstehe auch, dass Leute wütend sind. Das
ist doch aber kein Grund, eine Partei zu wählen, die rechtsradikal ist und
menschenfeindliche Politik macht.
taz: Die Frage ist: Wie kriegt man die Leute dazu, nicht AfD zu wählen?
Göring-Eckardt: Es gibt nicht das eine Rezept. Ich finde allerdings schon,
dass Politik zu sehr von der Stadt her gedacht wird. Der progressive Teil
der Gesellschaft geht häufig davon aus, dass die Stadt die Norm ist und das
Land die Abweichung, die sich der Stadt annähern muss. Aber das passt nicht
zu einer Gesellschaft, die zusammengehören will. Da bin ich wahrscheinlich
nicht so weit weg von Juli Zeh. Wenn die Hälfte der Leute auf dem Land
wohnt, gibt es genügend Gründe, sich das einmal umgekehrt anzuschauen.
taz: Tun Sie das doch mal bitte.
Göring-Eckardt: Ich habe mit einer Frau geredet, die ein cooles
Kulturprojekt auf dem Land macht. In dem Gespräch habe ich zu ihr gesagt:
Das ist ja blöd, dass abends kein Bus mehr fährt, dann könnt ihr gar nicht
in der Stadt ins Theater gehen. Die Frau entgegnete: Noch viel blöder ist,
dass die Leute aus der Stadt nicht rauskommen können und gucken, was wir
hier machen. Genau dieser Perspektivwechsel würde uns allen guttun. Ich
habe das bei dieser Begegnung gelernt.
taz: Gerade die Grünen gelten vielen auf dem Land als Großstadtpartei.
Göring-Eckardt: Ich würde sagen, das gilt für meine Partei eins zu eins wie
für das politische Berlin insgesamt, dass wir diese sehr städtische
Perspektive haben. Wir reden zwar immer wieder über die ländlichen Räume,
und trotzdem endet es meistens damit, dass man sagt, da soll jede Stunde
der Bus hinfahren.
taz: Soll er nicht?
Göring-Eckardt: Doch. [2][Öffentlicher Nahverkehr] ist total wichtig, ich
bin Grüne und zu 180 Prozent dafür. Trotzdem sage ich: Auf dem Dorf bist du
nicht mobil, wenn du kein Auto hast. Selbst wenn bis abends ein Mal in der
Stunde ein Bus fährt. Wer meint, es gehe ohne Auto, überträgt die
Städtersicht auf das Dorf.
taz: Das war auch der Vorwurf [3][beim Gebäudeenergiegesetz].
Göring-Eckardt: Zu Recht. Als ich das durchgestochene Papier zum
Heizungsgesetz gelesen hatte, wusste ich: Das passt nicht auf die
Wirklichkeit.
taz: Sie sagen Heizungsgesetz? Das ist die Sprache der Bild-Zeitung.
Göring-Eckardt: Sorry, aber ich will ja, dass die Leute mich verstehen. Als
also dieses Gesetz, dessen Name nicht genannt werden darf, bekannt wurde,
hat mein Nachbar richtig Angst gekriegt. Da hat man sich im Ministerium
keine Gedanken darüber gemacht, wie Leute das hinkriegen sollen, die ein
Einfamilienhaus geerbt haben und nicht viel Geld verdienen. Gerade in
Ostdeutschland ist das ziemlich oft der Fall.
taz: Es kommt noch mehr dazu. Die liberale Demokratie ist derzeit nicht in
der Lage, Sicherheit und Wohlstand zu garantieren, wie wir das gewohnt
sind. Das Misstrauen wächst, die digitalen Medien bündeln es, die
Rechtspopulisten profitieren. Was tun und mit welchem Werkzeug?
Göring-Eckardt: Ja, es gibt ein großes Misstrauen und eine verbreitete
Elitenverachtung. Auch wir sollten alles, was es an [4][sozialen
Netzwerken] gibt, nutzen, um dagegenzuhalten. Dabei dürfen wir nicht
übersehen, dass die Macht der Algorithmen missbraucht werden kann. Es muss
mehr Transparenz und [5][Regulierung der Plattformen] geben. Vor allem aber
dürfen wir nicht aufhören, miteinander zu reden. Wir brauchen immer eine
Brandmauer, wenn es um die politische Zusammenarbeit geht. Aber was es
nicht geben darf, ist eine Brandmauer des Gesprächs.
taz: Eine gesellschaftliche Brandmauer auch nicht?
Göring-Eckardt: In allen Jahrzehnten, die ich überblicken kann, ist es auf
dem Dorf immer so gewesen, dass man nicht unbedingt wusste, was der andere
politisch denkt. Man ist trotzdem miteinander klargekommen. Wenn man sagen
würde, mit diesem oder jenem rede ich nicht, würde vieles nicht
funktionieren. Nur wenn ich im Gespräch bleibe, kann ich auch sagen, dass
ich es nicht okay finde, wenn Lesben, Schwule oder Ausländer beschimpft
werden. Ich bin auch überzeugt, dass man Menschen langfristig davon
abbringen kann, AfD zu wählen, etwa indem man vermittelt, dass deren
Verachtung im Zweifel auch sie selbst oder ihre Freunde treffen kann.
Allerdings nicht, wenn die ganze Zeit gesagt wird: Mit euch wollen wir
nichts zu tun haben.
taz: Sie sagen, eine politische Zusammenarbeit darf es mit der AfD nicht
geben. In den Kommunen ist das teils schwierig umzusetzen.
Göring-Eckardt: Die Kommunen kommen da manchmal an Grenzen. Auch da gilt:
Niemand muss einem AfD-Antrag zustimmen, auch wenn der vielleicht sinnvoll
erscheint. Es ist aber nicht gleich die Aufkündigung der Brandmauer, wenn
man den Spielplatz instand setzen will und die AfD dem zustimmt. Wenn die
AfD jedoch Geflüchtete drangsalieren will, dann darf die Antwort nur klarer
Widerspruch sein.
taz: Sie sind auch [6][für ein AfD-Verbot]. Das ist ja dann kein
Miteinanderreden mehr.
Göring-Eckardt: Doch. Klar.
taz: Ihre Dorfleute könnten sich entmündigt fühlen, wenn ihre Partei
verboten würde.
Göring-Eckardt: Genau, und darüber diskutiere ich mit dem Klempner genauso
wie mit meiner Nachbarin. Jetzt schon. Sie fragt mich ja, warum ich für das
AfD-Verbot bin. Dann sage ich: Diese Partei ist in vielen ihrer
Gliederungen nachgewiesenermaßen verfassungswidrig. Das sagt uns der
Verfassungsschutz. Als Demokratin erkenne ich diese Institution an. Also
muss geprüft werden, ob diese Partei noch mit unserem System vereinbar ist
oder ob sie verboten werden muss. Ich kann doch nicht sagen, mir ist es
egal, dass jemand möchte, dass alle Leute, die anders aussehen, remigriert
werden.
taz: Was sagt die Nachbarin dazu?
Göring-Eckardt: Sie sagt: Möchtest du meine Meinung verbieten? Nein, ich
möchte die Partei verbieten, die die Demokratie, in der wir leben,
abschaffen will. Wir haben ’89 die Demokratie und die Freiheit erkämpft,
und ich werde immer alles dafür tun, die freiheitlich-demokratische
Grundordnung zu schützen.
taz: Wo endet Ihre Bereitschaft zuzuhören?
Göring-Eckardt: Wenn Leute beleidigt oder diffamiert werden, die scheinbar
nicht dazugehören. In unserem Dorf wohnen Geflüchtete, Leute mit
Rastalocken, auch lesbische Frauen. Wenn es gegen die geht, ist sofort
Schicht im Schacht.
taz: Geht es auch manchmal gegen Sie?
Göring-Eckardt: Mein Briefkasten vorne am Gartenzaun war voll mit
Hundekacke. Ich war gerade in Berlin. Nachdem die Polizei die Spuren
gesichert hat, hat meine Nachbarin den Briefkasten sauber gemacht.
taz: Warum das?
Göring-Eckardt: Das entsprach der Stimmung im Dorf, da haben viele gesagt:
Wir finden vielleicht falsch, was du politisch machst, aber das geht zu
weit. So sind wir hier nicht.
30 Jan 2026
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