# taz.de -- Kartoffeln in Berlin: Bitte nur 4 Kilo pro Person
> 1.300 Initiativen wollen die kostenlosen Erdäpfel verteilen. Die ersten
> Lieferungen, etwa in Schöneberg Nord und der Tafel, finden reißenden
> Absatz.
(IMG) Bild: Immer rein in die Kartoffeln
Eine Tonne Kartoffeln passt in den Big Pack, der in der Pallasstraße vor
dem Laden der Stadtteilkoordination Schöneberg Nord steht. Frauen jeden
Alters umringen den weißen Plastiksack, viele tragen Kopftücher und lange
Mäntel. Mit beiden Händen wühlen sie in den sandigen braunen Erdäpfeln,
stopfen sie in mitgebrachte Einkaufstaschen und Beutel. Kleine und mittlere
Kartoffeln sind besonders begehrt. „Drei, vier Kilo pro Person“, mahnt eine
Stadtteilmutter vom Stadtteilbüro, die die Verteilaktion begleitet. Bei
Müttern, wo sie weiß, dass große Familien zu ernähren sind, lässt sie
größere Mengen durchgehen.
Am Donnerstagmorgen sind die Kartoffeln in Berlin angekommen. Es handelt
sich um den ersten Teil einer Lieferung. [1][Insgesamt sind es 4.000
Tonnen], die das in der Nähe von Leipzig gelegene sächsische
Landwirtschaftsunternehmen Osterland Agrar der Bevölkerung in diesen Tagen
kostenlos vermacht. Initiativen, Sozialprojekte und Kindergärten konnten
sich um die Lieferung bewerben. Bedingung war, mindestens eine Tonne
abzunehmen. Der Löwenanteil geht an Berlin. [2][Begleitet wurde die Aktion
von der Berliner Morgenpost und der Öko-Suchmaschine Ecosia].
1.300 Berliner Projekte hatten sich bereits auf der Website um die
Kartoffeln beworben, als Tina Waleschkowski, Leiterin des Stadtteilbüros
Schöneberg Nord, den Hut in den Ring warf. Riesig sei die Freude gewesen,
dass man am Donnerstag zu den ersten Belieferten gehörte, erzählt
Waleschkowski der taz. Über Instagram und Whatsapp haben die
Stadtteilmütter die Nachbarschaft rund um das Pallasseum informiert.
So heißt der [3][Komplex in der Pallasstraße], in dem es 500 Wohnungen
gibt, aber wohl mehr als 2.000 Menschen leben. Viele Familien haben ein
geringes Einkommen, viele haben einen türkischen oder arabischen
Hintergrund. Das letzte Monitoring aus dem Jahr 2024 besage, dass der Kiez
in Deutschland der mit der höchsten Kinderarmut sei, sagt Waleschkowski.
Eigentlich wollte die sächsische Osterland Agrar eine Pommesfabrik mit den
Kartoffeln beliefern. Die hatte vor der Saison auch schon bezahlt, die
Abnahme lehnte sie jedoch ab. Nicht nur in Deutschland war die Ernte 2025
größer als in den Vorjahren. Dazu kam, dass die Kartoffelanbauflächen im
vergangenen Jahr ausgedehnt worden waren. Geschehen in der Hoffnung, andere
Teile Europas beliefern zu können, wie der Spiegel unter Berufung auf
Agrarexperten schreibt. Aber überall in Europa sei die Kartoffelernte sehr
gut ausgefallen. Fazit: Es gibt zu viele Kartoffeln.
An der Geschenkaktion von Osterland Agrar regt sich aber auch Kritik. Der
Markt werde mit Gratisware zugeschwemmt, die den regionalen Erzeugern
schade.
## Auch die Tafel verteilt
Am Donnerstag wurde gleich in der Frühe auch die Berliner Tafel beliefert.
22 Tonnen Big Packs lud der aus Sachsen kommende Lastwagen mit einem Kran
im Logistikzentrum in der Beusselstraße ab. Die Weitergabe der Kartoffeln
in Kistenform hat bereits begonnen. 400 soziale Einrichtungen vom
Seniorenheim bis zum Frauenhaus würden beliefert, [4][sagt Sabine Werth,
Tafelgründerin und ehrenamtliche Vorsitzende]. Dazu kämen die 48
Abgabestellen von Laib und Seele und sieben Pop-up-Ausgabestellen. Dort
werden die Kartoffeln in Tüten weitergereicht.
Dass es auch [5][Kritiker der Geschenkaktion] gibt, verwundert Werth nicht.
Auch die Tafel müsse sich für die Verteilung von Lebensmitteln, die sonst
verderben würden und vernichtet werden müssten, oft rechtfertigen. Die
Kritik: dass sich an der Armutssituation der Leute dadurch nichts ändere.
In der Pallasstraße ist der Big Pack um 12 Uhr mittags schon halb leer.
Eine alte Frau transportiert den vollen Jutebeutel auf ihrem Rollator ab,
eine andere auf der Ablage unter dem Kinderwagen.
Kartoffeln in besonderen Formen, die aussehen wie ein Herz oder wie
Wichtelmänner, werden auf Bitte von Tina Waleschkowski aus dem Plastiksack
aussortiert. Sie will davon Fotos machen. „Guck mal, sieht aus wie ein
Faultier“, sagt sie und deutet auf eine der aussortierten Kartoffeln, die
in dem Nachbarschaftsladen auf ihrem Schreibtisch liegen.
Ihrem achtjährigen Sohn habe sie versprochen, dass er am Nachmittag nach
der Schule bei der Verteilaktion helfen könne, erzählt Waleschkowski. Aber
nun sei sie nicht mehr sicher, dass der Vorrat bis dahin reiche. Mit so
einer Mundpropaganda habe sie nicht gerechnet. „Aber was weg ist, ist weg“,
freut sie sich.
15 Jan 2026
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## AUTOREN
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