# taz.de -- 4.000 Tonnen geschenkte Kartoffeln: „Den regionalen Erzeugern wird vors Schienbein getreten“
       
       > In Berlin sollen bis zu 4.000 Tonnen Gratiskartoffeln verteilt werden.
       > Ein Marketinggag auf dem Rücken lokaler Landwirte, kritisiert ein
       > Biobauer.
       
 (IMG) Bild: Die Geschenkaktion im Vorfeld der „Wir haben es satt“-Demo lenke von wichtigen Fragen ab, sagt Landwirt Johann Gerdes
       
       taz: Herr Gerdes, Sie bewirtschaften einen Biokartoffelbetrieb im
       Märkisch-Oderland. Was sagen Sie zu der Aktion der Osterland Agrar GmbH mit
       der Berliner Morgenpost und Ecosia, [1][4.000 Tonnen „geretteter“
       Kartoffeln kostenlos überwiegend in Berlin zu verteilen]? 
       
       Johann Gerdes: Das ist an Absurdität nicht zu überbieten. Hier wird ein
       traurigerweise wertlos gewordener Agrarrohstoff in einer riesigen Menge
       verschenkt und so getan, als sei das eine gute Aktion, um Lebensmittel zu
       retten. Wir glauben, damit wird vor allem ein Publikum adressiert, das
       vermutlich sonst regionale oder Biokartoffeln kaufen würde. Denen wird
       jetzt eine konventionelle Kartoffelsorte, die normalerweise als
       Verarbeitungskartoffel angebaut wird, von weit her angekarrt. Und die Leute
       werden nun horten. Am Ende ist dann die Enttäuschung groß, weil die Leute
       selbst zu Lebensmittelverschwender:innen werden.
       
       taz: Können Sie veranschaulichen, wie viel 4.000 Tonnen Kartoffeln sind? 
       
       Gerdes: Das ist in etwa die Menge, die alle Biobetriebe aus dem Umland in
       einem Jahr insgesamt für den Berliner Naturkostmarkt produzieren. In der
       Menge wird hier also das Arbeitsprodukt eines Jahres von einem Dutzend
       Betrieben verschenkt. Eine Tonne Rohware hat in normalen Jahren einen Wert
       von etwa 500 Euro. Das heißt, es geht um einen Marktwert von 2 Millionen
       Euro. Das hat Potenzial, den Gesamtmarkt zu beeinflussen.
       
       taz: Was vermuten Sie für eine Motivation hinter der Aktion? 
       
       Gerdes: Im besten Fall ist es gut gemeint, aber schlecht gemacht. Der
       Bauernbund Brandenburg hat die Vermutung aufgestellt, dass hier ein
       Agrarunternehmen aus Sachsen den Markt schwemmt, um ihren eigenen
       Markteintritt vorzubereiten. Das ist nun erst mal eine Unterstellung.
       Letztlich handelt es sich um einen Marketinggag für die Berliner Morgenpost
       und Ecosia, und natürlich auch für die Osterland Agrar GmbH. Damit treten
       sie uns regionalen Erzeuger vors Schienbein – und die Leute glauben, dass
       sie was Gutes tun.
       
       taz: Die Kartoffeln der Osterland Agrar GmbH wurden bereits bezahlt. Der
       Käufer hat Geld dafür gezahlt, diese Kartoffeln nicht annehmen zu müssen.
       Wie kann das eigentlich passieren? 
       
       Gerdes: Der konventionelle Markt ist dieses Jahr so voller Kartoffeln, dass
       der Handelspartner, der diese Menge ursprünglich kaufen wollte, es als
       billiger erachtet, erneut günstige Kartoffeln in der Nachbarschaft zu
       kaufen und diese Kartoffeln zu entschädigen. Der Betrieb hat also sein Geld
       erhalten, die Ware aber immer noch da liegen – und jetzt verschenkt er sie.
       Eigentlich werden die Kartoffeln also total billig entsorgt.
       
       taz: Was wäre denn ein sinnvollerer Umgang mit der Ware? 
       
       Gerdes: Kartoffeln können auf den Teller kommen, als Futter in den Trog
       oder als Kraftstoff in den Tank. Die Osterland Agrar GmbH stellt ihren
       Viehbetrieb gerade auf Bio um, die Kartoffeln werden aber noch
       konventionell produziert. Das heißt, sie können die Kartoffeln nicht
       verfüttern. Wenn sie als Speisekartoffeln nicht absetzbar sind, wäre die
       sinnvollste Lösung, sie in die Biogasanlage zu fahren, wo sie zur
       Energieproduktion genutzt werden. Das ist traurig, aber die Realität.
       
       taz: Warum ist denn der Markt dieses Jahr so voll? 
       
       Gerdes: In den letzten Jahren hatten wir aufgrund des Wetters immer eine
       Minderernte, sodass sich Angebot und Nachfrage bei einem akzeptablen Preis
       ausgleichen konnten. Deswegen sind viele neue Produzent:innen auf den
       Markt gekommen, weil die Preise gut waren. Dieses Jahr hat die Ernte alle
       Erwartungen übertroffen. Jetzt muss diese gesamte Ware innerhalb von zwölf
       Monaten vom Markt, weil sie sonst vergammelt ist. Das Resultat ist eine
       unheimliche Preisrally nach unten.
       
       taz: Können sich in dieser Preisrally große Agrarholdings wie die Osterland
       besser halten, als kleine Landwirte? 
       
       Gerdes: Ja. In allen Krisen der vergangenen Jahre haben sich großen
       Betriebsstrukturen immer gehalten, häufig durch Investitionen aus
       internationalen Konsortien. Viele kleine Landwirtschaftsbetriebe haben
       deshalb aufgehört zu produzieren, weil sie für sich keine Perspektive mehr
       gesehen haben. Die Tendenz ist: Die Kleinen geben auf und die Großen werden
       größer.
       
       taz: Am Wochenende ist die „Wir haben es satt“-Demo, an der Sie auch jedes
       Jahr teilnehmen. Wird das auch ein Thema dort sein? 
       
       Gerdes: Ja, klar. Bei der Demonstration werden wir ganz viel darüber
       sprechen, dass im Hinblick auf Ernährungssouveränität und auf Resilienz von
       Landwirtschaft eine bäuerliche Agrarstruktur immer besser ist als Holdings,
       die alle paar Jahre unter komplexen Beteiligungen den Besitzer wechseln.
       Weil kleinbäuerliche Strukturen ökonomisch immer im Nachteil sind, muss es
       darum gehen, sie zu unterstützen. Das ist auch eine Kritik: Dass diese
       Aktion bewusst im Kontext der „Wir haben es satt“-Demo gesetzt wurde, ohne
       mit den Organisator:innen oder mit der örtlichen Landwirtschaft
       abgestimmt zu sein – und nun die kritischen Debatten, die wir über die
       Agrar- und Ernährungswirtschaft führen wollen, überschattet.
       
       15 Jan 2026
       
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