# taz.de -- Klage gegen Exiljournalisten: Vietnamesischer Konzern geht gegen Regimekritiker vor
> Transnationale Repression auf Vietnamesisch: Ein Konzernchef hilft der
> autoritären Regierung in Hanoi, in Deutschland zu klagen.
(IMG) Bild: Der Journalist und Unternehmer Trung Khoa Lê im März 2022 in seinem Berliner Büro
Wäre eine Gerichtsverhandlung ein Fußballspiel, lautete das am
Dienstagnachmittag von der Pressekammer des Berliner Landgerichts gefällte
Urteil 4:3. Das Gericht erklärte vier umstrittene Aussagen des
deutsch-vietnamesischen [1][Exiljournalisten Trung Khoa Lê] über Vietnams
Vingroup-Konglomerat und dessen Chef Pham Nhat Vượng für rechtlich
zulässig, während es drei Aussagen untersagte.
Lê betreibt als Gründer, Besitzer und Chefredakteur das in Vietnam und
unter Auslandsvietnamesen einflussreiche Exilmedium Thoibao („Die Zeit“).
Vom Berliner Dong Xuan Center aus publiziert er über die Webseite
thoibao.de, per Facebook und Youtube und kommt nach eigenen Angaben
monatlich auf bis zu 100 Millionen Zugriffe. Wegen wiederholter Drohungen
steht Lê in Berlin unter Polizeischutz.
Bei dem Verfahren, das nach Meinung von Lês Anwalt eine [2][Slapp-Klage
(Strategic Lawsuit against Public Participation oder strategische Klage
gegen öffentliche Beteiligung)] ist, ging es jetzt um sieben
vietnamesischsprachige Facebook- und Youtube-Reels. Die hatte der heute
54-jährige Lê zwischen März 2023 und August 2025 veröffentlicht.
Gemeinsam geklagt hatten der private Großkonzern Vingroup, vor allem
bekannt durch seine E-Autosparte [3][Vinfast], und dessen Gründer und Chef
Phạm Nhật Vượng. Der mehrfache Milliardär ist der reichste Vietnamese. Sein
Konzern hatte im August nach eigenen Angaben 68 vietnamesischsprachige
Medien, Blogger und Influencer inner- und außerhalb Vietnams zur Rücknahme
kritischer Berichte über das Unternehmen aufgefordert. Weil Lê dem nicht
folgte, zogen Vingroup und Vượng gegen Lê über eine Kölner Medienkanzlei in
Berlin vor Gericht.
## Berichte über angebliche Probleme bei Vingroup
Die angefochtenen kritischen Aussagen betrafen die Höhe von Vingroups
Schulden und angebliche Schwierigkeiten, die hohen Zinsen zu zahlen, die
angebliche Deklarierung chinesischer Produkte als vietnamesische Produkte
durch den Konzern sowie Gerüchte über ein von Vietnams Behörden verhängtes
Ausreiseverbot gegen Vượng. Angefochten wurden auch die angebliche
Verpflichtung von Konzernmitarbeitern auf E-Autos, angeblich mangelnde
Tests der Vinfast-Autos vor dem Export und der angebliche Verkauf von
Lagerbeständen bei einer Tochtergesellschaft.
Zur Verwunderung mancher erklärte sich das Berliner Landgericht bereits im
November für diese innervietnamesische Auseinandersetzung für zuständig –
bei [4][einem ähnlichen Verfahren von Vinfast gegen Lê]. Er wirft
Konzernchef Vượng damals wie heute vor, sich zum Handlanger des autoritären
Regimes in Hanoi zu machen. Dem sind Lês Berichte, eine Mischung aus
Krawalljournalismus und heiklen Insiderinformationen aus Führungszirkeln
des Einparteienstaates, ein Dorn im Auge.
So hatte Lê 2017 die Entführung eines nach Berlin geflohenen
Wirtschaftskaders aufgedeckt. Für das Kidnapping war laut Berliner
Kammergericht der [5][damalige Sicherheitsminister und heutige Parteichef
Tô Lâm] verantwortlich. Der will sich auf dem am 19. Januar beginnenden
Parteitag eine zweite Amtszeit sichern.
Nachdem Lê im November den von Vinfast angestrengten Prozess entsprechend
der Kostenaufteilung des Gerichts zunächst zu 80 Prozent gewinnen konnte,
klagte ihn plötzlich das Volksgericht in Hanoi an. Am 31. Dezember wurde er
für „das Verbrechen der Herstellung, Aufbewahrung, Verbreitung und
Weitergabe von Informationen und Dokumenten, die sich gegen die
Sozialistische Republik Vietnam richten“, [6][zu 17 Jahren Haft
verurteilt].
## Urteilsbegründung liegt noch nicht vor
Gleich zu Beginn des Prozesses am Dienstag lehnten beide Seiten eine
gütliche Einigung ab. Am Ende untersagte das Urteil Lê dann bei Androhung
von 250.000 Euro Strafe oder sechs Monaten Freiheitsentzug seine Äußerungen
zum Ausreiseverbot, zur Verpflichtung der Vingroup-Mitarbeiter auf
E-Fahrzeuge und zur Verschuldung des Konzerns. Seine anderen Aussagen
wurden aber akzeptiert. Eine Begründung legte das Gericht noch nicht vor.
„Dies ist die dritte Klage gegen mich innerhalb von drei Monaten“, sagte Lê
der taz nach dem Urteil. „Obwohl die meisten Anklagepunkte vom Gericht
abgewiesen wurden, stellt dies einen erheblichen Druck aus dem Ausland auf
meine Pressefreiheit in Deutschland dar.“ Laut der staatlichen [7][Zeitung
Vietnamnet] hatte die Regierung Unternehmen und Privatpersonen dazu
aufgerufen, Klagen gegen kritische Stimmen einzureichen. In der
[8][Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen] liegt Vietnam
auf Platz 173 von 180 Nationen.
14 Jan 2026
## LINKS
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(DIR) [7] https://vietnamnet.vn/cuc-truong-le-quang-tu-do-ung-ho-vingroup-khoi-kien-se-xu-ly-vi-pham-tren-mxh-2441273.html
(DIR) [8] https://media.reporter-ohne-grenzen.de/production/5010/01K71GSGYYP4WW1GCS1AJR7T34.pdf
## AUTOREN
(DIR) Thomas Berger
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