# taz.de -- Tagebuch aus Kasachstan: Ihnen ist egal, was Putin sagt
       
       > Unser Autor lebt in Almaty im Südosten Kasachstans. Während der russische
       > Einfluss lange Zeit groß war, distanzieren sich die Menschen seit dem
       > russischen Angriffskrieg.
       
 (IMG) Bild: Mit Weihnachtsmann rüberrutschen: Neujahrsfest in Almaty, 29. Dezember 2025
       
       Auch in [1][Kasachstan] wird das [2][Neujahr] in der Nacht vom 31. Dezember
       auf den 1. Januar gefeiert. Das Besondere jedoch ist, dass die festliche
       Stimmung bis zum 13. Januar anhält. Auf diesem Tag liegt nämlich das
       Neujahrsfest nach dem alten Kalender. Das ist im ganzen postsowjetischen
       Raum so. Nicht einmal, dass zwischen den Festen etliche reguläre
       Arbeitstage liegen, hat daran etwas geändert.
       
       Der Weihnachtsbaum, verziert mit Girlanden und anderem Christbaumschmuck,
       bleibt bis zum Ende des Winters stehen. Auf zahlreichen zentralen Plätzen
       und vor Verwaltungsgebäuden schmücken Weihnachtsbäume und festliche
       Dekorationen weiterhin das Stadtbild. Und natürlich muss der heimische
       Tisch festlich gedeckt sein. In vielen Familien gibt es bis zum 13. Januar
       jeden Tag ein großes und gutes Mahl.
       
       Gewiss, wir leben in einem säkularen Staat, der in keiner Weise mit
       Religion verbunden ist. Zudem überwiegt in Kasachstan [3][derzeit der
       Islam] gegenüber anderen Religionen. Wir haben sehr viele Muslime, und ihre
       Religion ist in der Gesellschaft präsent. Immer mehr Menschen weigern sich,
       Neujahr zu feiern, denn dies ist im Islam nicht üblich.
       
       Das merkt man auch in der Politik. Zum Beispiel trat [4][Nursultan
       Nasarbajew], Kasachstans erster Präsident von 1990 bis 2019, immer vor
       einem Weihnachtsbaum auf, immer mit einem Glas Champagner in der Hand. Bei
       dem heutigen Präsidenten [5][Qassym-Schomart Tokajew] ist das nicht mehr
       so. Kein Champagner, kein Christbaum, stattdessen steht Tokajew vor seiner
       Residenz und erzählt, wie er die großen Herausforderungen gemeistert hat
       und welche grandiosen Pläne er für die Zukunft hat.
       
       Tokajew hält seine Rede in zwei Sprachen. Zuerst auf Kasachisch, das dauert
       etwa drei, vier Minuten, und dann auf Russisch. Manchmal geschieht dies in
       Abschnitten, also zuerst auf Kasachisch, dann auf Russisch, dann wieder auf
       Kasachisch, um sozusagen die Interessen aller Bürger:innen zu
       befriedigen. Denn bei uns sprechen die meisten Menschen sowohl Kasachisch
       als auch Russisch.
       
       ## Die Dauerpräsenz des Wladimir Putin
       
       Zudem gibt es bei uns auch einen Teil der Bevölkerung, der noch auf
       [6][Wladimir Putins] Rede wartet. Denn der russische Einfluss auf
       Kasachstan ist ziemlich groß, und wir haben russische Fernsehsender, die
       Putins Rede im Ganzen übertragen können.
       
       In meiner Familie ist es so, dass für meine Großmutter und meinen
       Großvater, die beide über 70 Jahre alt sind und in der Sowjetunion geboren
       wurden, Putins Auftritt sogar wichtiger ist als der von Tokajew. Sie
       interessieren sich mehr für die russische Politik, schauen nur das
       russische Fernsehen und bekommen nur die russischen Nachrichten mit. Für
       das, was in unserem Land passiert, interessieren sie sich nicht.
       
       Mein Großvater sagt manchmal: „Unser Präsident“, und er meint nicht
       Tokajew, sondern Putin, und er macht sich mehr Sorgen um Russland. Wie ist
       die Lage dort mit dem [7][Krieg], wie ist die Lage in der Ukraine und so
       weiter? Das heißt, sie warten mehr auf Putins Glückwünsche als auf die
       Glückwünsche des kasachischen Präsidenten.
       
       ## Im Zweifel nach Russland ziehen
       
       In kasachischsprachigen Familien findet sich so etwas nicht. Putin
       interessiert hier überhaupt nicht. Das Warten auf eine Rede Putins und das
       Interesse an der russischen Agenda findet sich hauptsächlich bei
       russischsprachigen Kasach:innen.
       
       Je näher kasachische Städte an der russischen Grenze liegen, besonders im
       Norden, Osten und Nordwesten, desto stärker sind die Menschen von
       russischen Informationen abhängig. Viele haben sogar eine doppelte
       Staatsbürgerschaft, weil die Grenze so nah ist. Manche denken: Wenn es
       nötig ist, können wir ja nach Russland ziehen.
       
       Aber mit dem Krieg in der Ukraine haben viele Menschen in Kasachstan
       aufgehört, die russische Agenda zu verfolgen, auf das zu hören, was Putin
       sagt. Das gilt vor allem für uns im Süden, etwa in meiner Stadt Almaty. Je
       weiter weg von Russland, desto geringer ist der Einfluss, desto weniger
       Russisch wird gesprochen. Deshalb verfolgen die Menschen in diesen Städten
       Putins Auftritte nicht so sehr. Den Menschen ist es egal, was Putin sagt,
       es hat keinen Einfluss auf sie. Und so ist es gut. Frohes Neues.
       
       [8][ Nikita Danilin ] , Jahrgang 1996, ist ein Journalist aus Almaty
       (Kasachstan). Er war Teilnehmer eines [9][Osteuropa-Workshops der taz
       Panter Stiftung]. 
       
       Aus dem Russischen von [10][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch [11][Spenden an die taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       10 Jan 2026
       
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