# taz.de -- Die Kirche in der Bundeswehr: Zeit, Schluss zu machen
> Feldprediger bei der Bundeswehr sind ein Relikt aus der Vergangenheit.
> Die staatlich finanzierte Missionierung muss ein Ende finden.
(IMG) Bild: Militärpfarrer der Bundeswehr. Kundus, 6. Oktober 2013
Die Bundeswehr soll wachsen: personell, technisch, strategisch. Doch
während über Panzer, Munition und Infrastruktur diskutiert wird, meldet
eine Institution ganz andere Ansprüche an: Die evangelische
Militärseelsorge forderte bei der Präsentation der Studie „[1][Was kann und
was leistet Militärseelsorge?]“ Ende Januar ein „proportionales Mitwachsen
der Militärgeistlichen“. Mehr Soldaten, mehr Pfarrer. Eine moderne
Parlamentsarmee braucht vieles, aber keine staatlich organisierte
Missionsarbeit. Wer ernsthaft über eine moderne Bundeswehr spricht, muss
auch den Mut haben, die Abschaffung der Militärseelsorge in den Blick zu
nehmen.
Historisches Erbe statt moderner Truppenbetreuung
Die [2][Militärseelsorge ist kein zeitgemäßes Instrument] psychosozialer
Betreuung, sondern ein historisches Relikt. Schon in der preußischen Armee
gehörten Feldprediger zur militärischen Ordnung, Kriege wurden religiös
legitimiert und moralisch flankiert. Während des Nationalsozialismus
garantierte das Reichskonkordat von 1933 ausdrücklich die katholische
Militärseelsorge. Geistliche begleiteten die Wehrmacht bei ihren
Eroberungs- und Vernichtungskriegen – mit Kenntnis von Kriegsverbrechen und
Massenmord.
Nach 1945 wurde dieses Modell nahezu bruchlos übernommen. Militärseelsorge
gilt bis heute als „res mixta“, als gemeinsame Angelegenheit von Staat und
Kirchen. Ernsthaft politisch überprüft wurde diese Sonderrolle nie.
Heute existieren rund 180 Militärpfarrämter für etwa 183.000 aktive
Soldaten. Laut der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid)
kam 2020 rechnerisch ein Geistlicher auf 500 katholische oder evangelische
Soldaten. Bei der Gründung der Bundeswehr war ein Geistlicher noch für
1.500 Soldaten zuständig, ein stillschweigend erhöhter Betreuungsschlüssel.
Die Forderung nach weiterem „Mitwachsen“ ist ein Versuch, kirchliche
Präsenz in der Bundeswehr dauerhaft abzusichern.
Besonders deutlich wird die Schieflage bei der religiösen Gleichbehandlung.
Für mehrere tausend muslimische Soldaten gibt es bis heute keine
Militärimame – angeblich wegen ihrer „Heterogenität“. [3][Seit 2021 baut
die Bundeswehr auch eine jüdische Militärseelsorge auf,] mit mehreren
Rabbinern für vermutlich nur dreihundert Soldaten. Laut fowid liegen die
Kosten bei rund 14.000 Euro pro jüdischem Soldaten.
Missionsarbeit und Pflichtethik aus kirchlicher Hand
Dass es sich bei der Militärseelsorge explizit um Missionierung handelt,
wird offen eingeräumt. Der frühere evangelische Militärbischof Sigurd Rink
sprach 2018 von einer „Chance“, um kirchenferne Menschen zu erreichen.
Besonders problematisch ist der sogenannte Lebenskundliche Unterricht
(LKU). Er ist für alle Soldaten verpflichtend und soll ethische
Orientierung und Lebenshilfe bieten. In der Praxis wird er ausschließlich
von Militärgeistlichen erteilt.
Die hohen Kosten sind weitgehend intransparent. Das
Verteidigungsministerium räumt ein, dass sich die Ausgaben für die
Militärseelsorge nicht genau beziffern lassen. Konservative Schätzungen
gehen von jährlich über 40 Millionen Euro aus und das, ohne Pensionen,
Immobilien und Leitungsstrukturen einzurechnen.
Dieses Geld wäre anderswo dringend nötig: für marode Kasernen,
funktionierende IT und moderne Ausrüstung. Was Soldaten wirklich brauchen,
sind professionelle Krisenintervention und psychologische Betreuung – keine
Militärbischöfe und keine Missionsarbeit in Uniform.
Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee in einem säkularen Staat. Ihre
Aufgabe ist die Landes- und Bündnisverteidigung, nicht die religiöse
Betreuung oder Missionierung ihrer Angehörigen. Die Militärseelsorge ist
ein historisch gewachsenes Sonderrecht der Kirchen. In der Nationalen
Volksarmee der DDR gab es übrigens keine Militärseelsorge.
Dass sich bis heute keine Partei an die Abschaffung der Militärseelsorge
heranwagt, zeigt vor allem eines: wie groß die politische Scheu ist,
kirchliche Privilegien selbst dort zu beenden, wo sie teuer und unzeitgemäß
sind.
8 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ralf Nestmeyer
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