# taz.de -- Die Wahrheit: Mein Leben als Raumthermostat
> Wenn Nachbarn sich über Kinderlärm beschweren, haben sie vermutlich ihre
> eigene Kindheit auf fingerdicken Teppichen in dreifachen Socken
> verbracht.
Homeoffice ist schon was Schönes, vorausgesetzt man ist Kevin allein zu
Haus und statt irgendwelcher Räuber mit Maske kommt nur der junge Mann, der
die Fußbodenheizung richten soll. Der starrt dann lange – das hier ist eine
Art Live-Bericht – auf Rohre und Schrauben, die sich hinter einer Klappe
auf Kleinkindhöhe befinden, wechselt ab und zu den Raum, tippt auf den
kleinen Displays herum, die das „Smarte“ am Haushalt sein sollen und gibt
am Ende an, alles gerichtet zu haben. Aber wir beide wissen, dass er in
sechs Wochen noch mal angewackelt kommt.
Zwischendurch telefonieren wir mit jeweils anderen Leuten, und er muss sich
die Musik anhören, die ich zur Untermalung meiner Arbeit brauche. Das ist
gern mal Freundinvergrämungsmusik, früher einfach Indierock genannt. Jetzt
gerade läuft Der Plan.
Nach Plan läuft auch seine Arbeit, scheint es. Apropos Musik: Gestern hat
tatsächlich ein Nachbar aus einem enganliegenden Haus geklingelt, um eine
Beschwerde wegen Lärm vorzubringen. Das war ganz witzig, denn es lief ja
gar keine Musik, nur meine Tochter hatte ein Play Date, und da hat sich der
Nachbar über das Gepolter und Geschrubbe der Kinder beschwert. Haha! Der
Mann hatte offensichtlich keine Ahnung, was echter Lärm ist. Immerhin hat
er mehrere Wände, die ihn dauerhaft von der Lärmquelle trennen!
Man muss aber sagen, dass er Chuzpe hatte, sich am helllichten Tag in einem
Mehrparteienhaus, das dazu von der Firma „Familienbau“ instandgesetzt
wurde, über Kinderlärm zu beschweren. Mag sein, dass er seine eigene
Kindheit auf fingerdicken Teppichen in dreifachen Socken verbracht hat und
derlei Lärmschutzmaßnahmen für normal hält. Ich empfehle eine Altbauwohnung
in Berlin, mit Nachbarn, die Techno mögen, egal, welche Uhrzeit es ist.
Was soll ich machen?, sagte ich ihm auf der Türschwelle, die Kinder
abschaffen? Problem ist, geht nicht, sonst Knast. Hat man die einmal, hat
man die üblicherweise sehr lange. Aber wissen Sie was? Das wächst sich aus.
Dauert halt nur ein paar Jahre. Schönen Tag noch.
## Nadelstiche der Neunziger
Mittlerweile ist der Heizungsmensch auch schon wieder zur Tür raus. Er hat
mir vorher noch wie üblich sein Handwerkerdekolleté gezeigt und ein paar
hübsche Fachausdrücke benutzt, von denen ich nur Raumthermostat verstanden
habe. Ein neues soll dann kommen und er auch. Dauert paar Tage.
Zurück am Schreibtisch, aus Der Plan ist Elvis geworden, erinnere ich mich
an die erste Lärmbeschwerde über mich – ich selbst habe mich, glaube ich,
noch nie beschwert. Das war auch sehr lustig. Da habe ich noch studiert,
hatte einen Abgabetermin für eine Hausarbeit und selbstverständlich alles
auf den letzten Drücker fertig. Jetzt musste ich das Ding nur noch
ausdrucken.
Das war irgendwann um halb zwei Uhr in der Nacht. 40 Seiten. Wir schreiben
die späten neunziger Jahre. Ich hatte noch so einen alten
Nadelstichdrucker.
13 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) René Hamann
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