# taz.de -- Die Wahrheit: Mein Leben als Arbeit
       
       > Tagein, tagaus einer Tätigkeit nachzugehen, ist per se nicht schlecht,
       > solange das Ackern nicht in wullacken ausartet.
       
       Ein Leben mit und in Arbeit, das ist doch auch irgendwie nichts. Klar,
       Arbeit muss sein, es ist ein Beitrag zur Gesellschaft und finanziert
       gleichzeitig die eigenen Umlagen, eigentlich recht praktisch, wenn man
       Arbeit hat. Und wenn die Arbeit dann noch sinnstiftend ist, was selten
       genug vorkommt, weil sie Spaß macht, dann ist überhaupt nichts gegen Arbeit
       als solche zu sagen, schließlich macht sie ja angeblich frei, wie mal
       irgendwo höhnisch zu lesen stand, ich habe vergessen wo, aber wer möchte
       das am Ende nicht sein, frei.
       
       Das Problem an der Arbeit ist, dass sie meist althergebracht organisiert
       ist. Heißt, man muss zu bestimmten Uhrzeiten an bestimmten Orten sein, wo
       man sich dann in bestimmten Hierarchien einordnen lassen muss, weil isso.
       Das andere Problem sind einerseits die Mitarbeitenden, denen man sozial
       ausgesetzt ist, und andererseits die Übergebenen, also die, die das
       Gegenteil der Untergebenen darstellen, die Chefs. Die sind dann oft
       starrsinnig und halten an überholten Prinzipien fest, die die Arbeit
       unnötig erschweren, und man muss wie viele Teile der Gesellschaft warten,
       bis die Altvorderen endlich ihre Stühle räumen, dass sich, wenn auch nur
       geringfügig, überhaupt irgendetwas zum Besseren ändert.
       
       Am Montag wurde im Fernsehen ein streikender Straßenbahnfahrer aus Freiburg
       porträtiert. Er streikte für Nachtzulagen, da nachts seine Arbeit aufgrund
       der Dunkelheit beschwerlicher vonstattengehe. Fahrradfahrende ohne Licht,
       überhaupt diese Lichtlosigkeit, das sei schlecht für die Augen. Seine
       tarifgeregelten Einkünfte waren schon vor der kommenden Einigung doppelt so
       hoch wie meine.
       
       Nur kein Neid, sagte ich mir auf meinem Sofa, schließlich arbeitet der Mann
       vermutlich auch die doppelte Zeit. Und geht einer wahrscheinlich auf Dauer
       eher stumpfen Betätigung in eher isolierter Umgebung und dann auch noch im
       Sitzen nach. Gut, ich sitze als freier Autor und Redakteur auch viel, aber
       wenn ich will, kann ich einfach aufstehen. Jetzt zum Beispiel.
       
       ## Straßenbahnfahrer fahren Auto
       
       Wieder da. Was ich mich aber gefragt habe, was will der Mann mit dem vielen
       Geld? Fährt er mit dem Auto zur Arbeit? Fliegt er viermal jährlich in den
       Urlaub und verschandelt die Umwelt? Wohnt er in einem hässlichen Reihenhaus
       in einer Freiburger Vorstadt und pflegt am Wochenende seinen Rasen? Sammelt
       er ausgediente Straßenbahnsitze und bestückt damit seine reihenhauseigene
       Kegelbahn?
       
       Ich finde ja, die Leute da draußen arbeiten einfach zu viel. Der
       Straßenbahnfahrer aus Freiburg sollte dafür streiken, weniger arbeiten zu
       müssen fürs gleiche Geld – bis sich sein Beruf überlebt hat, die KI wartet
       nämlich schon. Ich wette, er würde auch lieber öfter mit seinen wenigen
       Freunden im Reihenhauskeller kegeln als immer nur auf der Linie 6 oder 7
       hin- und herzugurken. Türen auf, Türen zu, anfahren, Spiegelblick,
       Durchsage, auf zur nächsten Station. So etwas zermürbt doch auf Dauer.
       
       4 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) René Hamann
       
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