# taz.de -- Die Wahrheit: Mein Leben als Handyverbot
       
       > Die Prohibition sozialer Medien ist ambivalent, auch für schöne
       > Influencerinnen, die Flachwitze erzählen und dabei unsicher in die Kamera
       > schauen.
       
       Negativität ist nicht immer schlimm. Neulich zum Beispiel habe ich draußen
       an einer Verkehrsampel einen Typen mit einem Aufnäher auf der Jacke – einem
       Patch, wie man wohl sagt – gesehen, der besagte: „Tattoos are ugly.“ Ein
       Satz, der in seiner Klarheit und Richtigkeit eigentlich eingebrannt gehört,
       dachte ich, schön auf den Unterarm, damit es im Sommer auch jede und jeder
       lesen kann.
       
       Verboten gut. Verbote sind ja so eine Sache, sie bewirken mitunter das
       Gegenteil, machen das Betreffende unnötig reizvoll und schwierig, am Ende
       wird niemand glücklich, siehe Drogen. Aber ein Tatöwierungsverbot fände ich
       nicht nur schlecht. Auch ein Graffiti-Verbot würden meine Partei und ich
       durchaus mittragen, hätten wir was zu bestellen in dieser Gesellschaft.
       Tatsächlich ist die Taggerei eine Kunst, die ich nicht verstehe und trotz
       aller Sympathie für juvenile Subkulturen auch niemals verstehen werde.
       Sagen wir, wie es ist: So eine tätowierte Hauswand sieht einfach beschissen
       aus, Sistas und Bros.
       
       Verboten werden sollen ja auch soziale Medien, jedenfalls für Jugendliche
       und Kinder. Gerade angehende Sprayer würden somit aber ein Reel verpassen,
       der von einem Künstler, ich glaube irgendwo in Italien, handelt, der nachts
       maskiert durch die Straßen seiner Stadt streift und heimlich Hauswände neu
       malert oder anstreicht oder bemalt – auch bei Verben sollte man regional
       divers sein. Jedenfalls kundschaftet er Wände aus, recherchiert die
       richtigen Farben und lässt dann nachts, wenn alles schläft, die Rollen
       sprechen. Im Anschluss lässt er kleine Zettel da – auf denen „For the
       beauty of the city“ oder so steht. Die Resultate am nächsten Morgen
       sprechen für sich: Es sieht einfach schöner aus so.
       
       Schön ist auch eine amerikanische Schauspielerin, sie heißt Mercedes, die
       im selben Medium dad jokes erzählt, also Witze mit Bart, Altherrenwitze,
       Flachwitze. Der Flachwitz erfährt ja überhaupt eine unglaubliche
       Renaissance, ganze Bühnenkarrieren gehen mittlerweile dank gekonnt
       erzählter Flachwitze durch die Decke, der deutsche Name dazu lautet Marcus
       Krebs.
       
       ## Mercedes’ Trick
       
       Einer dieser Witze, die Mercedes erzählt, geht so – er funktioniert aber
       nur auf Englisch und hat einen doppelten Boden: What do you call a line of
       men waiting for a haircut? Barbecue. Dieser Witz ist einfach auf allen
       Ebenen korrekt.
       
       Mercedes’ Trick ist, nach der Pointe nicht gleich das Reel zu beenden,
       sondern noch so einen Verzögerungsmoment zuzulassen, bei dem sie
       Unsicherheit zeigt, eine fast neurotische Angststörung, ob der Witz jetzt
       wirklich okay war. Das ist natürlich leider Fake, man kippt aber trotzdem
       rein: Schöne Frauen mit leichten Angstneurosen, so was triggert den
       Beschützerinstinkt. Obwohl, vielleicht ist es auch komplizierter.
       
       Kompliziert wie die Minikarrieren vieler dieser Influencer und -innen: Auf
       Dauer gehen ihnen nämlich die Ideen aus, also wird geklaut, abgekupfert,
       kopiert, was das Zeug hält. Macht aber nichts, der Handysüchtige scrollt
       einfach weiter, solange es noch nicht verboten ist. Es ist auch einfach zu
       lustig.
       
       29 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) René Hamann
       
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