# taz.de -- Die Wahrheit: Fremde Worte, arg müde Stimmen
       
       > Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte
       > (Teil 2). Heute: Herbert Hermanns undurchsichtige Rolle.
       
 (IMG) Bild: Als Sohn eines Spions hat keiner einen Lauf
       
       Was bisher geschah: Heinz-Hermann beschäftigt sich mit seltsamen Dingen und
       mit Kraken und Spinnen. Und er geht Anrufen seines Vaters aus dem Weg, der
       ein Meisterspion war … 
       
       Heinz-Hermann schauderte. Er, der manchmal mit dem Schauspieler Herbert
       Hermann verwechselt wurde, natürlich des Aussehens wegen, das vortrefflich
       war, dunkelkastanienbraunes Haar in leichter Überlänge, ein wohlfeiles
       Gesicht, eine machtbewusste Nase, der Traum aller fernschauenden
       Hausfrauen.
       
       Allerdings hatte Hermann nie eine Schallplatte besungen, was schade war,
       aber vielleicht hatte Heinz-Hermann da irgendetwas verwechselt, vielleicht
       hieß der Sänger auch Herbert Herbert oder Hermann Hermann oder Herman Düne,
       jedenfalls wäre Heinz-Hermann lieber mit einem Sänger verwechselt worden
       als mit einem Schauspieler, obwohl, eigentlich war das egal, denn sein
       Erfolg bei Frauen blieb trotz seines bühnentauglichen Aussehens
       übersichtlich, was vermutlich an seinen spinnerten Hobbys lag oder an
       seiner Vatersöhnchenhaftigkeit. Oder es lag daran, dass Heinz-Hermann diese
       frappierende Ähnlichkeit zu dem alternden Schauspieler, bekannt aus der
       Familienserie „Ich heirate eine Familie“, erst spät in seinem Leben bewusst
       geworden war, also in Heinz-Hermanns, genauer gesagt, erst gestern.
       
       Hermann, dessen Todesursache schon vor seinem Ableben bekannt geworden war,
       was später in der Geschichte hoffentlich noch eine Rolle spielen sollte,
       kam ihm nämlich eines Morgens, genauer gesagt also gestern, aus dem kleinen
       Bettfernseher entgegen, den er vor Kurzem erst auf der Straße aufgelesen
       hatte; neben der Spinnen- und Krakenzucht war das eines seiner
       einschlägigsten Hobbys: alte Fernsehgeräte aufzunehmen, zu pflegen und
       wieder instand zu setzen.
       
       ## Große Kästen für kleine Kraken
       
       So hatte er mit der Zeit eine ansehnliche Sammlung zusammenbekommen. Was
       bedeutete, dass kein Quadratzentimeter seiner Wohnungswände mehr frei war,
       vor allem, seitdem die Leute immer größere Bildschirme herzlos auf die
       Straße setzten. Was doppelt schade war: Denn die großen Kästen aus alten
       Zeiten hatten, wenn sie absolut nicht mehr reparabel waren, wenigstens noch
       als Aquarium dienen können für die zahlreichen Kleinkraken. Vielleicht,
       überlegte Heinz-Hermann während des Telefonats mit seinem Vater, sollte er
       die gesundgepflegten Fernseher wieder aussetzen, mit Zettel versehen, die
       „Geht noch!“ lauteten, mit den kranken hätte er ohnehin noch lange genug zu
       tun, und überhaupt, da waren ja noch die Kraken und, nicht zu vergessen,
       die Spinnenzucht, die er mittlerweile in den Keller verlagert hatte.
       
       Wie dem auch sei: Heinz-Hermann streichelte K, eine kranke Kleinkrake, und
       lauschte den Anweisungen seines Vaters, wie er schon immer den Anweisungen
       seines Vaters gelauscht hatte: Nämlich nur oberflächlich, während seine
       Gedanken weit abschweiften, weit raus aufs Meer. Dunkle Wellen, sonare
       Frequenzen fremder Schiffe, Walgesänge, einschläfernde Schaukelbewegungen,
       irgendwann verloren sich die Bilder, von weit her kam eine Stimme, die
       klang wie die von Freddy Quinn, richtig, die Stimme seines Vaters, schon
       immer hatte der Vater diese einschläfernde Wirkung auf Heinz-Hermann, das
       musste etwas sein, das in seiner Kindheit begründet lag, also in der von
       Heinz-Hermann, nicht in der des Vaters, von der er, also Heinz-Hermann,
       überhaupt nicht so viel wusste, geschweige denn sein Vater selbst, der der
       üblichen Kindheitsamnesie anheimgefallen war wie so viele vor ihm, und das
       schon in jungen Jahren.
       
       Aber Moment, wo waren wir? Die Geschichte muss doch irgendwie weitergehen.
       Herbert Hermann, genau, dachte Heinz-Hermann, es war fast so, als ob er
       selbst, Heinz-Hermann also, in dieser Serie einen Werbefuzzi gespielt
       hätte, und sah nicht dieser Weck aus wie sein Bürokollege P.? Führen diese
       Spuren irgendwohin? Wohin denn nur? „Kann ich dir sagen“, sagte da die
       Stimme im Telefon, die der seines Vaters und des lange schon
       dahinverblichenen Schlagerstars Quinn sehr ähnlich war. Tatsächlich nannte
       die Stimme, die mit leicht schaukelndem Singsang daherkam, eine Hamburger
       Adresse, Große Freiheit Nummer 7, da sollte Heinz-Hermann ihn treffen, den
       Dackel, Rupert Schulte, den Mann mit dem Auftrag, und zwar rasch, möglichst
       schnell …
       
       23 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) René Hamann
       
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