# taz.de -- Die Bauwende und die Kirchenfrage: Was tun mit obsoleten Sakralbauten?
> Das Kunstfestival „Manifesta“ will im Ruhrgebiet verwaiste Kirchen
> bespielen. Das könnte ein Schritt in Richtung Bauwende sein.
(IMG) Bild: Wie ein fantastisches Schloss wirkt die umgebaute Zementfabrik von Ricardo Bofill nahe Barcelona
Kirchen sind mit einer Abriss-Realität konfrontiert. Von den 45.000
deutschen Kirchenbauten werden in den nächsten Jahren bis zu 50 Prozent
infrage gestellt werden, [1][vermuten Experten]. Vor jedem Abriss, der nur
die Ultima Ratio sein sollte, müsste jedoch Erhalt und Weiternutzung der
aufgegebenen Sakralbauten diskutiert werden. Denn dass Sakralräume nicht
mehr in der gleichen Weise genutzt werden, wie einmal bei ihrem Bau
vorgesehen, könnte der Institution Kirche sogar weitere Perspektiven
verschaffen.
Obsolete Kirchenbauten sind ein gesellschaftliches, öffentliches Thema.
Wohl deshalb widmet sich ihnen auch im kommenden Sommer die „Manifesta 16
Ruhr“. Diese [2][wandernde europäische Kunstbiennale] wird von Juni bis
Oktober 2026 in den Ruhrgebietsstädten Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und
Bochum zwölf profanierte oder entwidmete Kirchen bespielen. Man wolle
erfahren, „welches Potenzial in den architektonischen und sozialen Räumen“
steckt, bekunden die Manifesta-Kuratoren.
Sakralbauten zu erhalten, stellt einen vor kirchenräumliche und
institutionelle Herausforderungen. Und die sind eng miteinander verknüpft,
auch wenn das noch nicht in allen theologischen Köpfen angekommen ist. Eine
„Bauwende in der Sakralarchitektur“ wird auch angesichts des Klimawandels
dringender.
Der Architekt Olaf Grawert sagte kürzlich: „Der Bausektor ist der größte
CO₂-Emittent der Welt.“ Er steht für 60 Prozent des weltweiten
Ressourcenverbrauchs. Aber Gebäude haben auch „ein großes ökologisches
Potenzial“, so Grawert, der sich als Mitbegründer der Initiative House
Europe! für nachhaltige EU-Normen im Bausektor einsetzt, „sie sind Hebel
für Veränderungen.“
## Unorte zu Oasen
Anlässlich [3][der Ausstellung „We transform“ in der Bonner Kunsthalle]
empfahl Grawert ein Beispiel aus Salzburg zur Nachahmung. Dort sei es
nämlich gelungen, ein Parkhaus mit 400 Stellplätzen in ein Quartier mit
Wohnung und Gewerbe zu transformieren, inklusive Entsiegelung, Begrünung
und Wassermanagement.
Auch Unorte in städtische Oasen umzugestalten, ist in der jüngeren
Architekturgeschichte immer wieder gelungen. [4][Bereits in den 1970er
Jahren verwandelte der Architekt Ricardo Bofill] im kleinen katalanischen
Sant Just Desvern eine riesige, menschenabweisende Zementfabrik, eine
Betonwüste aus Rotoren, zahllosen Silos und Schornsteinen, in eine
einzigartige Wohn- und Arbeitswelt. In den acht Silos nistete Bofill Büros
ein. Die Maschinenhalle wurde zu einem Kunstsalon. Außen ließ er Oliven-
und Eukalyptusbäume, Zypressen und Palmen pflanzen.
Auch das Ruhrmuseum der Essener Zeche Zollverein entstand Anfang der 2000er
Jahre aus einem Transformationsprozess. Rem Koolhaas und [5][sein
Rotterdamer Architekturbüro OMA bauten das Kohlenwäsche-Ungetüm] zu einem
abenteuerlichen Ausstellungshaus inmitten stillgelegter Maschinen um und
ließen in einer industriellen Naturlandschaft ein außergewöhnliches
Weltkulturerbe entstehen.
Koolhaas realisierte damals, was für seinen Londoner Lehrer Cedric Price,
dem Erfinder des London Eye, mit dem Umbau einer verfallenen
Industrieanlage in eine mobile, teils auf Bahngleisen angelegte Hochschule
noch Vision blieb. Koolhaas’ Umbau fällt in die Phase einer Neubewertung
von Bestandsbauten, man rückte von der heute wieder so wild um sich
greifenden Abrisswut ab.
## Keine „Cowboy Economy“
Der aktuelle Ruf nach einer „Bauwende“ angesichts des Klimawandels, in den
auch Oliver Grawert mit House Europe! einstimmt, geht eigentlich auf alte
Forderungen zurück, [6][auf 1972 und den Bericht „Grenzen des Wachstums“
vom Club of Rome] oder, noch früher, auf 1966 und den US-amerikanischen
Ökonomen Kenneth Boulding. Der John-F.-Kennedy-Berater Boulding hatte auf
dem Höhepunkt des Vietnamkriegs vorausschauend ein „zyklisches ökologisches
System“ gefordert, das die vorherrschende „Cowboy Economy“ mit ihrer
grenzenlosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen hätte ersetzen sollen.
Ihm schwebte eine „Architecture of Change“ als Katalysator des Wandels vor.
Die in den letzten Jahren entstandenen europaweiten Initiativen für ein
Umdenken in der Baubranche, der Green Deal der Europäischen Kommission, das
New European Bauhaus oder Bauhaus der Erde knüpfen an Bouldings
„Architecture of Change“ an.
Dass sich die ökologischen Lasten bei Umbaumaßnahmen drastisch verringern,
CO₂-Emissionen bei der Materialherstellung etwa um 69 und bei der
Bauausführung um weitere 38 Prozent reduzieren könnten, [7][ergab 2022 der
Bericht „Neue Umbaukultur“ der Bundesstiftung Baukultur]. In der
Gesamtbetrachtung liefe dies auf eine Emissionssenkung von 31 Prozent
hinaus. „Die ganze Gesellschaft muss den Wert unserer gebauten Umwelt
stärker erkennen und Visionen für eine neue Umbaukultur entwickeln“,
fordert der Stiftungsbericht.
Zurück zu den Kirchen: Dieser Mehrwert könnte also auch für sie ein
beträchtliches Plus darstellen. Im Bistum Essen, wo zwischen 2006 und 2022
bereits 36 Kirchen planiert wurden, beherzigt man den Umbaudiskurs
mittlerweile. Erst kürzlich wurde die expressiv-moderne
Heilig-Geist-Kirche, entworfen vom Pritzker-Prize-Träger und Kölner
Nachkriegsarchitekten Gottfried Böhm, zu einem Kunstraum umgewandelt, sie
ist auch eine der zwölf Kirchen auf der Liste der diesjährigen Manifesta.
## Gemeinwohlorientiert?
Solch eine Umwidmung ist nicht nur Teil einer ökologischen, sondern auch
einer sozialen und stadtpolitischen Bauwende. Im Ruhrgebiet mit seiner
hohen Bevölkerungsdichte steigt nämlich der Druck, für die profanierten
Sakralbauten, angepasst an die jeweilige lokale Situation, neue soziale und
kulturelle Programme zu entwickeln.
Die heute durch die soziale Kirchenkrise entstandene Möglichkeit von Umbau
und Umnutzung von Sakralräumen sollte nicht als Krisensymptom, sondern als
Herausforderung angenommen werden. Bestenfalls als eine Chance zur
gemeinwohlorientierten Weiternutzung.
Aus diesem Grunde entstand 2024 die initiative kirchenmanifest.de. Unter
dem Motto „Kirchen sind Gemeingüter! Manifest für eine neue
Verantwortungsgemeinschaft“ wurden bis Ende 2024 ca. 21.000 Unterschriften
gesammelt. Deren Gründerinnen erinnern daran, dass die Kirche mal ein
Kulturraum war, den es heute wiederzugewinnen gelte.
Denn historisch wurden in Kirchenbauten neben Gottesdiensten auch
kulturelle Veranstaltungen, Versammlungen und Märkte abgehalten. Sie wurden
wörtlich als ekklesia (griechisch: „Versammlung“, „Versammlungsplatz“,
„Gemeinde“; lateinisch ecclesia: „Volksversammlung“) wahrgenommen.
Als solche tauchen Kirchenräume etwa in der flämisch-niederländischen
Malerei der Alten Meister auf, etwa bei Pieter Neefs dem Älteren (1578–ca.
1659), einem Malerkollegen [8][Peter Paul Rubens]’ im gegenreformatorischen
Antwerpen. Oder bei Pieter Saenredam (1597–1665). Der malte den Kirchenraum
von Haarlems Nieuwe Kerk, als handelte es sich um einen überdachten
Marktplatz, wo sich die Menschen zum Plausch treffen.
## Neue Lage, neue Formen
„Wer diese Bauten heute allein privatwirtschaftlich als Immobilien
betrachtet, beraubt die Communitas. Staat und Gesellschaft können und
dürfen sich ihrer historisch begründeten Verantwortung für dieses
kulturelle Erbe nicht entziehen“, heißt es im Kirchenmanifest. Der „neuen
Lage“ müsse man daher „mit neuen Formen der Trägerschaft begegnen: mit
einer Stiftung oder Stiftungslandschaft für Kirchenbauten und deren
Ausstattungen“.
Ob die „Manifesta 16 Ruhr“ solch längerfristige, institutionelle
Veränderungen anschieben kann, wird sich noch zeigen. Zunächst wollen die
Kuratoren die obsolet gewordenen Sakralräume – laut Programm – „mithilfe
von künstlerischen Interventionen in gemeinschaftsfördernde, partizipative
Handlungsräume“ verwandeln.
Wie man einen Kirchenraum als Versammlungsort neu denken und gleichzeitig
der Bauwende folgen kann, erprobt gerade der Architekt Jaume Mayol von
Ted’A Arquitectes aus Palma de Mallorca. Er baut jetzt im flämischen
Herentals eine Kapelle aus den Abbruchziegeln einer benachbarten Kirche und
wiederbelebt dabei die Bedeutung von ekklesia. Mayol hatte dabei den
Versammlungsraum einer Höhle aus dem antiken Syrakus vor Augen, in der sich
die erste Christengemeinde getroffen hatte.
„Das ist für mich ein starkes Bild: Eine große Höhle. Eine Halle, die nicht
geschlossen, sondern offen ist, die keine Glasfenster hat. Dieser
Schutzraum ist ein Ort, der Menschen dazu einlädt, sich zu versammeln, im
religiösen oder nicht-religiösen Sinne. Das bedeutet ‚iglesia‘: ‚Öffnen‘
heißt ‚Türen öffnen.‘“ Und, so der an der Düsseldorfer Kunstakademie
lehrende Mayol, „was die neue Sakralarchitektur betrifft: Es kommt auf
Öffnung und Einbeziehung an. Die architektonische Umgestaltung sollte die
Kirchen durchlässiger machen“.
20 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://baukultur.nrw/projekte/zukunft-kirchen-raume/
(DIR) [2] /Kunstausstellung-Manifesta-im-Kosovo/!5871938
(DIR) [3] /Ausstellung-ueber-nachhaltiges-Bauen/!6097426
(DIR) [4] /Ausstellung-in-der-Bundeskunsthalle-Bonn/!5962104
(DIR) [5] /Bauhaus-des-21-Jahrhunderts/!394396
(DIR) [6] /Neues-Buch-Ueberfluss-und-Freiheit/!5891487
(DIR) [7] https://www.bundesstiftung-baukultur.de/publikationen/baukulturbericht/2022-23
(DIR) [8] /Ausstellung-ueber-Wettstreit-in-der-Kunst/!5884014
## AUTOREN
(DIR) Klaus Englert
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