# taz.de -- Fotomuseum Rotterdam in altem Hafensilo: Wie ein goldenes Gebirgsmassiv über altem Geld
> Rotterdams Hafenviertel ist im Umbruch. In einem umgebauten Kaffeesilo
> eröffnete dort nun das Niederländische Fotomuseum.
(IMG) Bild: Fotomuseum in Kaffeesilo: Das goldene Dach auf der Beaux-Arts-Architektur geht auf das Designkaufhaus Stilwerk zurück
Noch vor gut zehn Jahren war das Hafenviertel Katendrecht in Rotterdam
selbst unter Rotterdamern kaum bekannt. Und nun eröffnet dort ein
kulturelles Leuchtturmprojekt nach dem anderen: letztes Jahr das
Migrationsmuseum Fenix in einem ehemaligen Kaffeelager und nun das
Niederländische Fotomuseum im Santos-Kaffeespeicher.
Beides sind denkmalgeschützte Silobauten, doch die Museen könnten kaum
unterschiedlicher sein. Für das [1][Fenix hatte das Pekinger
Architekturbüro MAD] weite, lichte Ausstellungshallen in das kastenförmige
Lagerhaus aus der Zeit des Neuen Bauens hineingeplant und ihm eine
kinoreife Aussichtsplattform aufgesetzt, die sich als spiegelnde Spirale
aus dem flachen Dach windet.
Die Bausubstanz des einstigen Santos-Speichers, in dem jetzt das Nederlands
Fotomuseum eingerichtet ist, blieb hingegen fast unverändert. Geradezu
hermetisch schirmt seine geschlossene Backsteinfassade das achtgeschossige
Innere ab. Das Pakhuis Santos war schon immer Vorzeigearchitektur. Es ist
ein Beispiel dafür, wie im frühen 20. Jahrhundert auch der eigentlich
funktionale Typus eines Silos zur Repräsentationsfläche des Geldes werden
konnte. Seine Fassaden sind reich im Beaux-Arts-Stil verziert.
Im Inneren des Fotomuseums staunt man über die zweigeschossige
Dachaufstockung, die wie ein goldenes Gebirgsmassiv über dem Klinkergebäude
zu schweben scheint. Die filigrane Aluminiumkonstruktion betont den
Kontrast zwischen Alt und Neu, zwischen dem historischen Lagerhaus und der
skulpturalen Dachkrone.
## Erst wollte Stilwerk den Kaffeespeicher
Auch das Atrium ist grandios: Sein gläsernes Dach lenkt das Tageslicht in
sämtliche Ausstellungsebenen und entlang der ursprünglichen Speicherböden,
ihrer gusseisernen Stützen und Eisenträger.
Heute sind die Rotterdamer froh, dass das deutsche Designkaufhaus Stilwerk
in den Pandemiejahren daran scheiterte, aus dem Pakhuis Santos eine
niederländische Filiale zu machen, mit Geschäftsflächen, Gastronomie,
Co-Working und Apartments. Beauftragt hatte Stilwerk seinerzeit die auf
Wohnungsbau spezialisierten Hamburger Architekten Renner Hainke Wirth Zirn
und die Rotterdamer WDJ Architekten, bekannt für die Renovierung der
Van-Nelle-Fabrik in ihrer Stadt.
Im Sommer 2023 erwarb das Niederländische Fotomuseum den bereits
größtenteils von Stilwerk renovierten Altbau. Der Kontrast zwischen den
historischen Klinkerfassaden und dem modernen Aluminiumdach erwies sich
nicht nur als pfiffige Marketingidee, es ist auch ein schlüssiges
architektonisches Konzept.
Denn auf diese Weise entstand ein für alle Besucher nachvollziehbares
Raumprogramm: Die öffentlichen Bereiche – Café, Museumsshop und Bibliothek
– wanderten ins Hochparterre, das Schaudepot, das über 6,5 Millionen
Objekte verfügt, breitet sich auf den einzelnen Geschossen aus, während
Restaurant, Außenterrasse, Büros und 16 Kurzzeit-Apartments in den
Dachgeschossen untergebracht sind.
## Der grimmige Pinochet bei seiner Segnung in Santiago
Zu den Höhepunkten der jetzt zu sehenden Ausstellung gehört die
Ehrengalerie niederländischer Fotografie, unter anderem mit einem
ikonischen Foto des Pinochet-Porträtisten Chas Gerretsen. Gerretsen
lichtete den Diktator mit grimmiger Miene, Sonnenbrille und verschränkten
Armen im Kreis seiner Putschgeneräle bei seiner Segnung in einer
katholischen Kirche Santiago de Chiles ab, kurz nach dem Militärputsch.
Auch eine Schau über Rotterdam gehört zum Eröffnungsprogramm, erzählt
anhand von Fotografien von 1843 bis heute. Zur jüngeren Geschichte der
Stadt an der Rotte zählt auch, dass die Fußgängerbrücke Rijnhavenbrug von
2012 eine fatale Entwicklung in Katendrecht wieder rückgängig machte.
Historisch war es nämlich das Sommerfrischlerrefugium für Rotterdams Reiche
gewesen, bis Ende des 19. Jahrhunderts die boomende Hafenwirtschaft zum Bau
von Rijnhaven und Maashaven drängte.
Katendrecht wurde geflutet, siebenhundert Häuser mussten abgerissen,
Tausende Menschen zwangsumgesiedelt werden. Seit die Rijnhavenbrug die gut
100 Jahre getrennten Viertel wieder besser vernetzt, ist das lang von der
City abgeschnittene Katendrecht in einem ziemlichen Umbruch, mit angestoßen
von den beiden neuen Museen, dem Migrationsmuseum im Fenix-Speicher und dem
Niederländischen Fotomuseum im Santos-Speicher.
Beide Häuser werden von der einflussreichen Kulturstiftung „Droom en Daad“
(Traum und Tat) finanziert. Ihr Leiter ist Wim Pijbes, der ehemalige
Generaldirektor des Rijksmuseum. Hinter der Stiftung verbirgt sich das
Vermögen einer der weltweit reichsten Industriellenfamilien.
## Die Industriellenfamilie Van der Vorm und ihre Schiffsflotte
Die Rotterdamer Familie Van der Vorm besaß einst die legendäre
Holland–Amerika-Linie, über 100 Jahre ein erfolgreicher transatlantischer
Passagierliniendienst, der über Jahrzehnte quasi ein Monopol für die
Auswanderung aus den Niederlanden in die USA besaß. Später vermehrten die
Van de Vorms durch Firmen- und Immobilieninvestments ihren Reichtum.
Keine drei Jahre betrug die Bauzeit des Niederländischen Fotomuseums. Ob
das nur mit der finanziellen Ausstattung durch Droom en Daad zusammenhängt?
Zum Vergleich ein Blick nach Düsseldorf: Dort ist ungewiss, ob [2][das 2019
beschlossene Deutsche Fotoinstitut] wie geplant 2031 fertig sein wird und
wo.
In Rotterdam hält man sich – dank der Stiftung – an eine andere
Zeitrechnung. Noch in diesem Monat beginnen [3][die chinesischen MAD
Architects] mit dem Umbau des östlichen Endes von Fenix, um dort Platz für
internationale Tanzkompanien zu schaffen. Kürzlich investierte Droom en
Daad auch in den Umbau einer Mennonitenkirche aus der Nachkriegszeit und
finanzierte die Renovierung des Veerhuis, einer in die Jahre gekommenen
Schriftstellerresidenz an der Maas.
23 Feb 2026
## LINKS
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(DIR) [2] /Deutsches-Fotoinstitut/!5961380
(DIR) [3] /Neues-Museum-fuer-Migration-in-Rotterdam/!6085875
## AUTOREN
(DIR) Klaus Englert
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