# taz.de -- Nach dem Opern-Aus in Düsseldorf: Da gibt es noch in Ost und West die unscheinbare Moderne
> Wild sind die Träume für spektakuläre Bühnenneubauten wie die
> gescheiterte Oper in Düsseldorf. Dabei gibt es gute Pläne für die
> vernachlässigten Bestandsbauten.
(IMG) Bild: Einen Gang runtergefahren: Umbaupläne für die bestehende Oper Düsseldorf mit neuer Hülle und Terrasse zum Hofgarten
Dass Düsseldorf nun doch kein neues, Milliarden Euro kostendes Opernhaus
kriegt, mag als schlechtes Zeichen für die teuren Kulturgroßbauten
internationaler Architekturstars gedeutet werden, die gerade in deutschen
Städten entstehen. Man kann der Absage an den großgestischen Entwurf des
norwegischen Büros Snøhetta aber auch etwas abgewinnen. Denn nun rückt die
Aufmerksamkeit wieder auf die Möglichkeiten einer leiseren, aber nicht
minder guten Architektur, mit der zuletzt viel zu prekär umgegangen wurde:
auf die sachlichen Bühnenhäuser der Nachkriegsmoderne in Ost- wie in
Westdeutschland.
Das zu [1][DDR-Zeiten legendäre Volkstheater] in Rostock etwa. Es wurde
noch im Kriegsjahr 1943 gebaut und nach dem Krieg in einen ostmodernen Stil
umgewandelt. 1965 wurde dort Peter Weiss’ „Marat/Sade“ erstaufgeführt. Erst
kürzlich hat das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in Schwerin große
Teile des Theaters unter Schutz gestellt: „Die Anlage verbindet eine klare,
geometrisch-moderne Formensprache mit städtebaulicher Sensibilität und
lokalen Bezügen“, heißt es.
Die denkmalpflegerische Rettungsaktion war allerdings nicht im Sinne der
regierenden Rostocker CDU. Die hatte eigentlich geplant, das nicht
rechtzeitig sanierte Theater abzureißen, um an dessen Stelle schicke
Apartments entstehen zu lassen. Darauf wird sich die weisungsbefugte
Denkmalschutzbehörde sicherlich nicht einlassen. Ein Dilemma für die
Rostocker Stadtverwaltung. Denn das neue, sehr viel größere Theater des
Berliner Architekturbüros Hascher Jehle befindet sich schon längst in Bau.
Hascher Jehle haben versprochen, den neuen Kulturpalast für „nur“ 208
Millionen Euro zu errichten. Ob es bei diesem Betrag im Verlauf der
Bauarbeiten bleiben wird, darf, gelinde gesagt, bezweifelt werden. In
Düsseldorf, wo man ebenfalls bis vor Kurzem noch das alte Bühnenhaus von
Paul Bonatz, Julius Schulte-Frohlinde und Ernst Huhn aus der Nachkriegszeit
mit der spektakulären Snøhetta-Oper ersetzen wollte, stiegen die
kalkulierten Gesamtkosten für die letzten Neubaupläne auf exorbitante 1,8
Milliarden Euro. Die Stadt versuchte noch, sie auf 1 Milliarde Euro zu
deckeln, doch allein die Finanzierungskosten lagen schon bei rund 800
Millionen Euro. CDU-Oberbürgermeister Stephan Keller musste den Stopp des
Projekts verkünden.
## Das Haus zu klein, die Sanierung zu kostspielig
Lange war den Düsseldorfern, ähnlich wie den Rostockern, das bestehende
Bühnenhaus zu klein, dessen Sanierung zu kostspielig. Sie träumten von
einem Neubau just an der Stelle des denkmalgeschützten Altbaus und
initiierten einen Ideenwettbewerb. Der Großinvestor Uwe Reppegather wollte
sich aber mit so viel Gedöns nicht aufhalten und ließ derweil [2][von
Snøhetta] für Düsseldorf zwei spektakuläre Operntürme entwerfen. Doch die
Pläne lösten sich bald in Luft auf. Kürzlich meldete Reppegathers
Centrum-Gruppe sogar Insolvenz an und der großspurige Investor wurde wegen
Betrugs von der spanischen Polizei auf Ibiza festgenommen.
Auch René Benko von der Signa-Holding fantasierte von einer neuen
Düsseldorfer Oper und brachte den innerstädtischen Standort Am Wehrhahn ins
Spiel, wofür er zunächst den prominenten dänischen Architekten Bjarke
Ingels verpflichten wollte. [3][Bekanntlich sitzt auch Benko seit der
Signa-Pleite] hinter schwedischen Gardinen.
So fiel das Grundstück Am Wehrhahn unverhofft an die Stadt Düsseldorf, die
es für 137 Millionen Euro ankaufte. Nach einem neuerlichen
Architekturwettbewerb kam dann im November 2025 der zuletzt gehandelte
Snøhetta-Entwurf auf. Der wurde zwar als genialischer Wurf eines
Weltklasseteams gepriesen, doch die gesamten Pläne für eine neue Rheinoper
entpuppten sich als schlicht unfinanzierbar. Snøhetta muss jetzt in
Düsseldorf erneut leer ausgehen.
Nun, so Oberbürgermeister Keller, komme es darauf an, den Opernbestandsbau
am Hofgarten „zu ertüchtigen“. Was wohl mit dem nebulösen „ertüchtigen“
gemeint ist? Eine Kostenanalyse des Frankfurter Architekturbüros raumwerk,
das vor sieben Jahren mit der Umsetzung des Düsseldorfer Masterplans
Blaugrüner Ring beauftragt worden war, hat jetzt ergeben, dass eine
umfassende Modernisierung der Bonatz-Oper 400 bis 450, ja sogar bis zu 500
Millionen Euro kosten würde.
## Der ambivalente Paul Bonatz
Auch das ist nicht wenig. Doch sollte man jetzt endlich einmal schauen,
welche Möglichkeiten die Bonatz-Oper bietet, die sich mit ihrer
unaufgeregten Moderne auch städtebaulich gut einfügt. Man mag dem
[4][ambivalenten Paul Bonatz] zu Recht vorwerfen, er habe sich im Dritten
Reich den Nationalsozialisten angedient, doch seine Düsseldorfer Projekte –
der expressionistische Neue Stahlhof (1924), das spätmoderne „Haus der
Eisenindustrie“ (1936) sowie die nachkriegsmoderne Deutsche Oper (1956) –
zeigen, wie ästhetisch durchdacht er über die Stile hinweg bauen konnte.
Nun ließe sich gut auf die Pläne für einen Blaugrünen Ring von raumwerk
zurückzugreifen. Im Gegensatz zum maßlosen Snøhetta-Entwurf achtete
raumwerk nämlich auf eine immerhin finanziell gedämpfte Umbauoption:
Demnach würde das Opernhaus von 1956 mit einer zweiten, leicht
transparenten Hülle umgeben, das großzügige Foyer dann um eine Terrasse zum
Landskronenweiher im Hofgarten erweitert, die Raumkapazität der Oper um 25
Prozent erweitert.
Durch landschaftsarchitektonische Eingriffe würde die Oper auch mit der
nahe gelegenen Kunsthalle und der Kunstsammlung NRW visuell besser
vernetzt, in einer Metropole, die nach dem Krieg zum Prototyp einer
autogerechten Stadt entwickelt wurde. Entstehen könnte ein Kulturbau, der
dem in der planerischen Theorie viel behandelten und in der Praxis wenig
beachteten Genius Loci am klassizistischen Hofgarten wirklich angemessen
ist. Vielleicht ließe sich auf den „Geist des Ortes“ auch beim Volkstheater
in Rostock achten, das ja nun nicht mehr so leicht dem Abriss freigegeben
werden kann.
18 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klaus Englert
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