# taz.de -- 21 Jahre nach dem Femizid in Berlin: Spandau will Hatun Sürücüs Grab zu einer Gedenkstätte machen
       
       > Schon 2025 endete die Ruhezeit für die Grabstätte der 2005 von ihrem
       > Bruder ermordeten Frau. Der Bezirk sichert nun eine dauerhafte Lösung zu.
       
 (IMG) Bild: Grabstein auf Hatun Aynur Sürücüs Grab auf dem islamischen Friedhof in Gatow
       
       Es ist eine gute Nachricht, rund einen Monat bevor sich der Mord an Hatun
       Aynur Sürücü zum 21. Mal jährt: Das Bezirksamt Spandau wird Sürücüs Grab
       auf dem Landschaftsfriedhof Gatow dauerhaft als Gedenkstätte erhalten und
       neu gestalten. Wie der Bezirksstadtrat für Bauen, Thorsten Schatz (CDU),
       der taz auf Nachfrage bestätigte, hat er diese Entscheidung gemeinsam mit
       dem Bezirksbürgermeister Frank Bewig (CDU) getroffen.
       
       Eine Entscheidung war auch dringend notwendig. Denn nach 20 Jahren war
       gemäß der Friedhofsordnung die Ruhezeit für ihr Grab ausgelaufen. Damit
       endete auch das Nutzungsrecht. Rein theoretisch hätte der Friedhof ihr Grab
       also schon im März 2025 einebnen können. Hatun Sürücüs letzte Ruhestätte
       drohte damit zu verschwinden. Auf dem Friedhof in Gatow ist sie begraben,
       weil dies damals noch Berlins einziger Friedhof mit Grabfeldern für
       muslimische Bestattungen war.
       
       Sürücü war [1][am 7. Februar 2005 von ihrem eigenen Bruder in Tempelhof
       erschossen] worden. Sie war damals 23 Jahre alt und hatte sich nach der
       Flucht aus einer Zwangsheirat in Berlin ein eigenes Leben aufgebaut.
       Spandaus Bürgermeister Bewig und Stadtrat Schatz wollen mit ihrer
       Entscheidung das Grab dauerhaft als „Ort des Erinnerns und der Mahnung“
       bewahren. Dazu will der Bezirk das Grab nun in eine Gedenkstätte umwandeln.
       
       Der Stadtrat bestätigte, dass der Bezirk bereits erste vorbereitende
       Maßnahmen getroffen habe. So sei Sürücüs Grab dazu an einen neuen Ort
       innerhalb des Friedhofs verlegt worden, ihre sterblichen Überreste wurden
       umgebettet. Nach der Frostperiode im Frühjahr solle das Grab dann neu
       eingefasst, neu bepflanzt und mit einem Gedenkstein ergänzt werden. Der
       Bezirk plant eine Gedenkfeier, um die Gedenkstätte einzuweihen.
       
       „Mit der Gedenkstätte entsteht ein dauerhafter Ort des Gedenkens, der
       Mahnung und der öffentlichen Auseinandersetzung“, erklärte Stadtrat Schatz.
       Ihm und dem Bezirksbürgermeister sei es wichtig gewesen, dass das Grab von
       Hatun Sürücü auf dem Landschaftsfriedhof Gatow erhalten bleibt. „Der Tod
       von Hatun Sürücü war grausam und hat viele Menschen bis heute tief
       erschüttert. Diese Gedenkstätte soll ein Ort des stillen Erinnerns sein –
       für Hatun Sürücü, für ihr Leben und für all jene, die Gewalt erfahren
       haben, weil sie selbstbestimmt leben wollten“, sagte Schatz. „Wir dürfen
       nicht wegsehen und wir dürfen nicht vergessen.“
       
       Alles andere als ein Erhalt des Grabes wäre angesichts der Bedeutung des
       Mordes an der jungen Frau für Berlin und der anhaltenden Erinnerung an
       Hatun Aynur Sürücü auch inakzeptabel gewesen. Aynur war der Name, den sie
       sich selbst gegeben hatte, ein Name, der den kurdischen Teil ihrer
       Identität betonte. Schon 2024 hatte sich die CDU im Bezirk zusammen mit den
       Grünen dafür eingesetzt, dass der Senat die Grabpflege dauerhaft übernehmen
       und gleichzeitig das Nutzungsrecht für die Grabstätte verlängern solle.
       Doch ein entsprechender Antrag war im Abgeordnetenhaus auch an der
       Zustimmung der CDU auf Landesebene gescheitert. Auch die Idee, das Grab zu
       einem Ehrengrab zu machen, für das das das Land dann die Verantwortung
       hätte, war gescheitert.
       
       ## Sohn besucht das Grab
       
       Wie wichtig ein Erhalt ist, zeigt sich auch an den jüngsten neuen
       Entwicklungen im Fall von Hatun Sürücü. Erst vor wenigen Monaten hatte
       [2][Can Sürücü das Grab besucht]. Er ist ihr Sohn. Can Sürücü war fünf
       Jahre alt, als sein Onkel seine Mutter in der Nähe ihrer Wohnung mit
       mehreren Schüssen tötete. Erst im September 2025 war er überraschend in die
       Öffentlichkeit getreten und berichtet seitdem auf Youtube und in den
       sozialen Medien davon, wie er die gemeinsame Zeit mit seiner Mutter
       erinnert und wie er danach in einer Adoptivfamilie in Süddeutschland
       heranwuchs.
       
       Es habe gedauert, bis er die Kraft gefunden habe, zu dem Grab zu gehen,
       [3][sagt Can Sürücü in einem der Videos], die er gemeinsam mit einem Freund
       derzeit auf ihren gemeinsamen Kanälen veröffentlicht. Und erst am Mittwoch
       vergangener Woche kam dort ein Video einer neuen Gesprächsreihe der beiden
       heraus. In dieser Folge sprechen Can Sürücü und sein Freund Cemo mit Said
       Ibrahim, er ist ihr erster Gast in dem Format. Ibrahim hat ebenfalls ein
       eigenes Talkformat auf YouTube und er war einer von den YouTubern, bei
       denen Can Sürücü im vergangenen Jahr seine Geschichte erzählte.
       
       Doch noch etwas verbindet die beiden: Ibrahim hat seine Schwester verloren,
       auch sie ermordet von einem Mann. Ihr Ehemann hätte sie aus Eifersucht
       verdächtigt, hätte behauptet, sie habe ein Verhältnis zu einem anderen
       Mann, erzählt [4][er nun in dem Video]. Auch er beschreibt, was dieser
       Verlust mit ihm gemacht hat. Er und Can Sürücü verständigen sich darüber,
       was ähnlich ist in ihren Erfahrungen.
       
       Und sie machen klar, [5][dass sie den Begriff „Ehrenmord“ entschieden
       ablehnen]. Mit diesem Wort war der Mord an Sürücü damals bundesweit
       diskutiert worden. „Deswegen gibt es das Wort Femizid“, sagt Ibrahim, ein
       Wort wie Ehrenmord dagegen diene letztlich dazu, die Tat zu rechtfertigen.
       Die beiden reden darüber in einem [6][gesellschaftlichen Kontext, der dafür
       gesorgt hat, dass der Mord an Hatun Sürücü bis heute unvergessen] ist.
       
       Hatun Aynurs Geschichte [7][bewegt noch immer viele Menschen, besonders in
       Berlin]. Bürger*innen hatten zwischenzeitlich Unterstützung und Geld für
       die Grabpflege angeboten. Jedes Jahr kommen viele, auch Politiker*innen,
       zum Todestag an dem Gedenkstein in Tempelhof zusammen, an dem Ort, wo sei
       ermordet wurde. Auf TikTok halten junge Frauen die Erinnerung an sie wach
       und äußern ihre Bewunderung dafür, mit welchem Mut sie für ihre
       Selbstbestimmung eingetreten ist. Dass es [8][nun der Bezirk ist, der ihre
       Grabstätte sichert, ist entlarvend für den Senat und das Abgeordnetenhaus],
       die diese Chance auch gehabt hätten. Spandau ist daher umso mehr dafür zu
       loben, hier nun Verantwortung übernommen zu haben.
       
       11 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] https://www.tiktok.com/@ramocemo99/video/7570343319776201986
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=4LFHzqb_lW0
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=Y2j564yeldQ
 (DIR) [5] /20-Jahre-nach-dem-Sueruecue-Mord/!6063936
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uta Schleiermacher
       
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