# taz.de -- Atommülltourismus in NRW: Castor-Alarm in Sicht
       
       > Ein Berliner Gericht will hochradioaktive Atommülltransporte mitten durch
       > Nordrhein-Westfalen nicht stoppen. Der BUND prüft eine Beschwerde.
       
 (IMG) Bild: Das Zwischenlager Ahaus dürfte in den kommenden Monaten noch etwas voller werden
       
       Der Beginn der Nordrhein-Westfalen drohenden dutzenden Castor-Transporte
       [1][mit hochradioaktivem Atommüll mitten durch die Ballungsgebiete des
       bevölkerungsreichsten Bundeslands] rückt näher: Wie am Freitag bekannt
       wurde, hat das Verwaltungsgericht Berlin einen Eilantrag des Bunds für
       Umwelt und Naturschutz (BUND) abgelehnt, mit dem die
       Umweltaktivist:innen den Sofortvollzug des Transports von 288.161
       Brennelementen aus dem Reaktor des ehemaligen Kernforschungszentrums Jülich
       bei Aachen ins rund 170 Kilometer entfernte Zwischenlager Ahaus im
       Münsterland verhindern wollten.
       
       In einem Beschluss vom 8. Januar kommt die 10. Kammer des Gerichts zu dem
       Urteil, dass der BUND gegen das in Berlin ansässige,
       SPD-Bundesumweltminister Carsten Schneider unterstehende Bundesamt für die
       Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) „nicht antragsbefugt“ sei: Der
       Umweltverband könne juristisch nur gegen ein „anlagebezogenes Vorhaben“,
       nicht jedoch gegen einen „vorübergehenden Transportvorgang“ vorgehen – habe
       im konkreten Fall also kein Verbandsklagerecht.
       
       „Für uns ist der Gerichtsbeschluss in keiner Weise nachvollziehbar“,
       erklärte dazu die stellvertretende Landesvorsitzende des BUND in NRW,
       Kerstin Ciesla. Schließlich halte das Gericht die „Erfolgsaussichten eines
       etwaigen Hauptsacheverfahrens für offen“.
       
       Im Klartext bedeute das: „Es kann zwar sein, dass der BUND Recht hat – doch
       der Zugang zu einer umfangreichen Prüfung der Transportgenehmigung soll uns
       nicht gewährt werden“, ärgert sich Ciesla. Über eine zugelassene Beschwerde
       beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg werde der Umweltverband
       innerhalb der gesetzten Zweiwochenfrist entscheiden, sagte Ciesla der taz.
       
       ## Kosten vor Sicherheit
       
       Schließlich warnen Atomkraftgegner:innen schon seit Jahren, der
       Transport der knapp 300.000 hochradioaktiven Brennelementen aus dem
       Jülicher Hochtemperatur-Kugelhaufenreaktor sei [2][nicht nur „gefährlich“,
       sondern auch „unnötig“]. Denn angeordnet wegen angeblicher Erdbebengefahr
       in Jülich wurde die Verlagerung des Atommülls schon 2013 – doch
       [3][mindestens seit 2022 ist auch dem BASE klar, dass diese Gefahr
       überhaupt nicht existiert].
       
       Außerdem sei der Standort Ahaus nicht nur unzureichend etwa gegen
       Flugzeugabstürze oder mögliche Terroranschläge geschützt, sondern verfüge
       auch nur bis 2036 über eine Betriebsgenehmigung. Dennoch stimmte der
       Bundestag am 18. Dezember gegen einen Antrag der Linken, der die
       Castor-Fahrten verhindern wollte: Abgeordnete von Union, SPD und AfD
       votierten mit Nein, die Grünen enthielten sich lediglich.
       
       „Ein Lehrstück in Sachen politischer Verantwortungslosigkeit“ seien die
       drohenden Transporte, sagt dazu der atompolitische Sprecher der Linken in
       NRW, Hubertus Zdebel. „Nicht Sicherheit, sondern Kosten“ stünden im
       Vordergrund. Schließlich habe 2022 die damals im Bund regierende Ampel aus
       SPD, Grünen und FDP beschlossen, dass „der Transport nach Ahaus als
       kostengünstigere Variante zu bevorzugen wäre“.
       
       Falls die schwarz-grüne NRW-Landesregierung wie in ihrem Koalitionsvertrag
       vereinbart die „Minimierung von Atomtransporten“ umsetzen und „die Option
       eines Neubaus eines Zwischenlagers in Jülich vorantreiben“ wolle, müsse sie
       dafür auch die gesamten Kosten tragen, lautete die Linie der Ampel. Die
       lägen wohl im dreistelligen Millionenbereich – und werden von
       CDU-Ministerpräsident Hendrik Wüst offenbar ebenso gescheut wie von seiner
       für die Atomaufsicht zuständigen grünen Stellvertreterin,
       Wirtschaftsministerin Mona Neubaur.
       
       Dabei blicken nicht nur Atomkraftgegner:innen skeptisch auf die
       Transporte: Auch der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW,
       Patrick Schlüter, [4][hält die Pläne schlicht für „Wahnsinn“ mit „Folgen
       für die Sicherheit im Land“] – schließlich gelten die Castoren als mögliche
       Angriffsziele. „Spätestens wenn der erste Castor rollt, ist ein Rücktritt
       Neubaurs überfällig“, sagt deshalb der Linke Zdebel schon heute. Auch die
       Anti-Atom-Bewegung mobilisiert: Am Samstag, den 24. Januar, ist um 11 Uhr
       eine Demonstration mitten an der Transportstrecke geplant – am
       Autobahnrasthof Bottrop an der A2, die zu den vielbefahrensten Straßen
       Deutschlands gehört.
       
       9 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Atomkraft-in-NRW/!6066804
 (DIR) [2] /BUND-ueber-Atommuell-Fahrten-durch-NRW/!5980047
 (DIR) [3] /Protest-gegen-Castor-Transporte/!5968470
 (DIR) [4] /Heftige-Kritik-an-Castor-Transporten/!6102761
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Wyputta
       
       ## TAGS
       
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