# taz.de -- Desinformation auf Social Media: KI-generierte „anständige Polinnen“ für EU-Austritt
> Videos junger Frauen, die sich für einen Austritt Polens aus der EU
> starkmachten, kamen auf Tiktok gut an. Derartige Einflussnahmen häufen
> sich in dem Land.
(IMG) Bild: Polnische 'Patriotinnen' vom Kanal Prawilne Polki
Links auf dem T-Shirt der Adler, rechts die weiß-rote Flagge. Auf Tiktok
sprachen Ende des Jahres junge normschöne Polinnen über ihre
Unzufriedenheit mit der polnischen Politik. Die Videos wurden auf dem Kanal
Prawilne Polki veröffentlicht. Das große Thema: ein polnischer Austritt aus
der Europäischen Union, der sogenannte Polexit.
„Ich erinnere mich nicht an ein Polen vor der EU, aber ich will den
Polexit, auch wenn es teurer wird, weil ich Entscheidungsfreiheit will“,
spricht eine braunhaarige junge Frau in die Kamera. „Ja, ich will den
Polexit, genug davon, dass Polen von Brüssel aus regiert wird, genug davon,
dass uns Angst gemacht wird, wir würden es ohne Zustimmung von außen nicht
schaffen“, erklärt eine andere Frau. Keine von ihnen kommt ein zweites Mal
auf dem Kanal vor.
Die Seite ist mittlerweile gelöscht, in nur wenigen Tagen erreichte sie
mehrere Tausend Nutzer*innen, doch die Videos und die jungen Frauen waren
KI-generiert. Res Futura, eine europäische Stiftung, die sich mit
Informationssicherheit auseinandersetzt, machte als eine der Ersten auf die
Videos aufmerksam. Laut einem [1][X-Beitrag] geht sie davon aus, dass die
Inhalte mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt wurden. Die Videos
sollten sich gezielt an ein junges Publikum richten.
Doch welche Rolle spielen junge Frauen bei der Erstellung von KI-Inhalten,
und wie versuchen Akteur:innen mithilfe von Fakevideos und Desinformation
die polnische Gesellschaft zu beeinflussen?
## Erst machen sie nichts, dann löschen sie alles
Laut der [2][polnischen Faktencheckseite Konkret24] wurde ein bestehender
Tiktok-Account Mitte Dezember in Prawilne Polki umbenannt. Übersetzt
bedeutet der Name „wahre“ oder auch „anständige Polinnen“. Dazu kam auch
eine neue Beschreibung: „Hier sagen schöne polnische Mädchen offen ihre
Meinung und, was sie denken.“
Aleksandra Wójtowicz forscht zu Desinformation und Cybersicherheit am
Polnischen Institut für Auswärtige Angelegenheiten. Für sie handelt es sich
bei Prawilne Polki, trotz des Namens, ganz klar um KI-generierte Videos.
„Die Videos sind sehr günstig produziert. Anhand der Stimme, die künstlich
wirkt und nicht ganz zu den Mundbewegungen passt, kann man erkennen, dass
es sich nicht um reale Frauen handelt.“ Das Gefährliche dabei: Es gebe
Personen, die solche Unterschiede nicht mehr erkennen, warnt sie. Die
Videos seien bedrohlich, weil sie Menschen beeinflussen könnten, auch wenn
sie eher schnell und günstig erstellt worden seien.
Zudem werde es immer schwieriger, „mit bloßem Auge zu erkennen, ob es sich
um KI-generierte Inhalte handelt“, sagt Mateusz Łabuz. Er beschäftigt sich
mit internationaler Cybersicherheit am Institut für Friedensforschung und
Sicherheitspolitik. Man könne KI-Erkennungssoftware nutzen, doch auch die
könne nicht zu hundert Prozent KI-generierte Inhalte von realen Videos und
Fotos unterscheiden. Im Fall des polnischen Tiktok-Kanals wurde ein Video
im Nachhinein von Tiktok als „KI-generiert“ gekennzeichnet, kurz vor der
Löschung.
Tiktok hat nicht nur Prawilne Polki Anfang des Jahres entfernt, sondern
auch, laut Wójtowicz, alle Videos entfernt, die im vergangenen halben Jahr
mit dem Hashtag Polexit gekennzeichnet wurden. „Es ist fast schon lustig,
erst machen sie nichts, und jetzt löschen sie alles“, sagt sie. Daher sei
es für die Analystin auch schwieriger herauszufinden, was zuvor zu dem
Thema auf Tiktok gepostet wurde und wer in den Videos vorkam.
## Junge Männer ansprechen
Dass junge Frauen für die Verbreitung von rechtem bis extrem rechtem
Gedankengut im Internet genutzt werden, ist nicht neu. Bereits während des
Präsidentschaftswahlkampfs in Polen im Frühjahr 2025 gab es KI-generierte
Bilder von Unterstützer*innen rechts außen stehender Kandidaten.
Besonders viel Aufmerksamkeit [3][erhielt ein KI-Bild, das Frauen bei einem
Junggesellinnenabschied] zeigen soll. In der Mitte des Gruppenfotos halten
sie ein Banner mit dem Namen des damaligen Kandidaten und heutigen
Präsidenten Karol Nawrocki. Doch die linke Hand einer Frau verschmilzt mit
ihrem Kleid – ein Indikator dafür, dass es sich um ein generiertes Bild
handelt. Besonders bei Händen und Fingern kommt es häufig zu Problemen mit
KI-generierter Software.
Sowohl 2025 als auch an der Parlamentswahl 2023 haben sich mehr Frauen als
Männer beteiligt. Sie wählten progressiver, sind aber über mehrere
Wahlperioden auch unbeständiger in ihrem Wahlverhalten. Daher versuchen PiS
und Konfederacja in Polen seit Jahren verstärkt Frauen anzusprechen. Videos
wie diese sollen dabei helfen, sagt Łabuz. „Attraktive, selbstbewusste
junge Frauen, die über Souveränität und Polexit sprechen – das normalisiert
die Forderung nach einem EU-Austritt.“ Da höre man als Nutzer*in eher zu
und nehme die Videos als harmlosen Content wahr.
Doch die KI-Frauen sollen auch junge Männer ansprechen, die bereits mit
rechten Inhalten sympathisieren. Diese sind auch die Kernwählerschaft der
polnischen Konfederacja. „Wenn junge Männer normschöne Frauen sehen, die
über ihre Zukunftsängste und Träume in einem starken Polen reden, dann
spricht sie das an“, sagt Łabuz. Ganz bewusst wurden daher auch die Details
auf den T-Shirts der Frauen platziert. „Patriotische Frauen sind cool“, sei
das Motto.
## Ein russischer Angriff
Doch wer steckt hinter den KI-Videos? „Natürlich würden einige Leute sagen,
es ist ganz bestimmt Russland, aber wir finden, dass die Zuordnung dieser
Videos sehr schwierig ist – vor allem, weil es nur wenige gab, sie nur auf
Tiktok stattfanden und schnell gelöscht worden sind“, sagt Wójtowicz.
Auch wenn es bei diesem konkreten Beispiel keine klare Rückverfolgung geben
kann, gibt es eindeutig Fälle, in denen Russland versucht, die Meinungen
der polnischen Gesellschaft mit gezielten Desinformationskampagnen zu
beeinflussen.
Einer dieser Fälle ist die [4][„Operation Doppelgänger“,] die vermutlich im
Februar 2022 begann. Dabei nutzt Russland laut einer Analyse des
EU-DisinfoLab-Teams Klone von legitimen Websites und Netzwerke, etwa
Medienhäuser, um antiukrainische Narrative zu verbreiten. Die Kampagne war
nicht nur in Polen, sondern unter anderem auch in Deutschland, Frankreich
und den USA aktiv.
Laut Wójtowicz wird es in Zukunft außerdem mehr hybride russische Angriffe
geben wie zum Beispiel die [5][Verletzung des polnischen Luftraums im
Herbst 2025.] Kurz vor dem Vorfall am 9. September hätten
Social-Media-Accounts mit einer großen Reichweite, die dafür bekannt sind,
russische Desinformation zu verbreiten, Posts über angebliche Provokationen
aus der Ukraine veröffentlicht. Sie gingen davon aus, dass die Ukraine
plane, Polen in den Krieg einzubeziehen.
Dazu kommen Inhalte, die ukrainische Geflüchtete in Polen diskreditieren
sollen. So wird etwa verbreitet, [6][dass Wohnkomplexe nur für
Ukrainerinnen gebaut würden] oder ukrainische Soldatinnen einen einfacheren
Zugang zu Ärzt*innen hätten. Letzteres thematisierte das polnische
Gesundheitsamt [7][in einem Meta-Post im Herbst 2025] und warnten vor einer
Manipulation durch Russland.
Neben der Migration aus der Ukraine gehörten auch antieuropäische Inhalte
zu den am meisten verbreiteten Narrativen, sagt Wójtowicz. „Ich nehme an,
dass die Videos der KI-Frauen als Vorbereitung einer größeren Kampagne vor
den bevorstehenden Parlamentswahlen im Jahr 2027 dienen sollten.“ Dass es
sich nur um ein Konto und den Fokus auf eine Plattform handele, spreche
dafür.
Bereits jetzt steigt laut Umfragen der Frust der Pol*innen wegen der
Europäischen Union. Eine Befragung von Ende Dezember kommt zu dem Ergebnis,
[8][dass knapp ein Viertel der Befragten die EU verlassen will.] Viele der
stark diskutierten Themen, zum Beispiel die Migrations- oder Agrarpolitik,
hängen mit der EU zusammen, sodass einige Bürger:innen offener für
antieuropäische Desinformation sind.
Dariusz Standerski, Staatssekretär im polnischen Ministerium für
Digitalisierung, hat Ende Dezember in einem offenen Brief an die
EU-Kommission ein Verfahren gegen Tiktok aufgrund der Verbreitung von
KI-Inhalten beantragt. Aleksandra Wójtowicz unterstützt den Schritt der
Regierung. Sie sagt jedoch auch, dass noch einiges nachzuholen sei: „Der
beste Anfang wäre, das Gesetz über digitale Dienste zu verabschieden. Das
haben wir als letztes EU-Land noch nicht getan.“
Dieses Gesetz ist aktuell das stärkste Werkzeug der EU zur Regulierung von
Plattformen. Problematisch sei, dass der polnische Präsident das bisher
abgelehnt habe. „Aber die Tatsache, dass er erst jetzt sein Veto einlegen
konnte, liegt auch in der Verantwortung der Regierung, denn länger als ein
Jahr war sie nicht in der Lage, einen Gesetzentwurf zur Umsetzung
vorzubereiten.“
Sie wünscht sich außerdem, dass mehr in den Informationsaustausch zwischen
verschiedenen Ländern investiert wird. Russische Desinformationskampagnen
beträfen oft mehrere EU-Länder. Sollte man herausfinden können, wer
einzelne Kampagnen finanziere, müsse die EU Sanktionen beschließen.
2 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://x.com/Polityka_wSieci/status/2005200301805142037
(DIR) [2] https://konkret24.tvn24.pl/polska/prawilne-polki-eurokolchoz-i-polexit-antyunijna-propaganda-napedzana-przez-ai-st8821335
(DIR) [3] https://demagog.org.pl/wypowiedzi/kobiety-popierajace-nawrockiego-zdjecie-wygenerowala-sztuczna-inteligencja/
(DIR) [4] https://www.bpb.de/themen/europa/russland-analysen/nr-456/555774/dokumentation-eu-vs-disinfo-doppelgaenger/
(DIR) [5] https://www.pism.pl/publications/russia-launches-drone-and-disinformation-attack-on-poland
(DIR) [6] https://www.tvp.info/91140035/sprawdzamy-uprzywilejowani-ukraincy-moga-pozyskiwac-lokalne-socjalne-falszywe-nagranie-ma-antyukrainska-narracje
(DIR) [7] https://www.facebook.com/MinisterstwoObrony/posts/stop-dezinformacji-nie-ma-w-polsce-%C5%BCadnych-przepis%C3%B3w-prawa-kt%C3%B3re-gwarantowa%C5%82yby-/1278462570992536/
(DIR) [8] https://notesfrompoland.com/2025/12/22/quarter-of-poles-now-favour-leaving-eu-finds-new-poll/
## AUTOREN
(DIR) Anastasia Zejneli
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