# taz.de -- Geschlechtersensible Medizin: „Es gibt einen riesigen blinden Fleck“
> Die Medizin muss geschlechtersensibler werden, sagt die Ärztin Sylvia
> Stracke. Denn der männliche Körper gilt in der Forschung noch immer die
> Norm.
(IMG) Bild: Wird überwiegend von Frauen studiert: Medizinvorlesung an der Uni
taz: Frau Stracke, was verstehen Sie unter einer geschlechtersensiblen
Medizin?
Sylvia Stracke: Der Ansatz ist, dass Unterschiede im biologischen und
sozialen Geschlecht systematisch in Forschung, Prävention, Diagnostik,
Therapie und Versorgung berücksichtigt werden, weil es eben Unterschiede
bei den Krankheitsrisiken, bei den Symptomen, bei den Krankheitsverläufen,
beim Ansprechen der Therapie und bei den Nebenwirkungen zwischen den
Geschlechtern gibt.
taz: Aber ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?
Stracke: Nein, zum Beispiel ist das Geschlecht in den meisten medizinischen
Leitlinien als relevante Kategorie gar nicht vorhanden. Es gibt also keine
geschlechtsspezifischen Empfehlungen, obwohl man weiß, dass es Unterschiede
gibt. Ich glaube, [1][dass die Forschung da nicht die Realität abbildet und
dass es einen riesigen blinden Fleck gibt, weil der männliche Körper
weiterhin als die Norm gilt] und deshalb sowohl bei Frauen wie auch bei
Männern Sachen übersehen werden.
taz: Was wäre dafür ein praktisches Beispiel?
Stracke: Der Herzinfarkt drückt sich bei der Frau anders aus. Zu den
anerkannten Symptomen zählen Engegefühl in der Brust und dass der Schmerz
in den linken Arm ausstrahlt. Aber bei Frauen ist es teilweise eher ein
allgemeines Unwohlsein mit Schmerzen im Magen, im Rücken und zwischen den
Schultern. Wenn eine Frau diese Symptome schildert, wird sie meist wieder
nach Hause geschickt. Aber wenn man die für Männer typischen Symptome
schildert, liegt die Person wahrscheinlich innerhalb der nächsten Stunde
auf dem Herzkatheter-Tisch. Da geht bei den Frauen zu viel Zeit verloren,
weil es nicht erkannt wird. Aber zumindest beim Herzinfarkt haben das
inzwischen viele verstanden.
taz: Und welche Fehldiagnosen gibt es bei den Männern?
Stracke: Ein Beispiel dafür ist die mentale Gesundheit. Bei Männern werden
psychische Störungen oder Krankheiten öfter zu spät erkannt, weil es für
einen Mann gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, zum Beispiel depressiv zu
sein. Also begehen Männer häufiger einen Suizid, weil sie vorher nicht
behandelt wurden.
taz: Und worin sehen Sie die Gründe für diese mangelnde Gleichbehandlung?
Stracke: Im Gesundheitswesen wird die Gesundheit von Frauen am besten von
Frauen in Führungspositionen beachtet. Wären mehr Frauen in
Führungspositionen, [2][würde auch mehr zu Themen geforscht werden, die
Frauen betreffen.]
taz: Und sind Führungspositionen immer noch mehrheitlich von Männern
besetzt?
Stracke: Ja, und dies obwohl viele Frauen Medizin studieren. Mittlerweile
sind es 70 Prozent Studentinnen, aber die 30 Prozent der Männer reichen
immer noch aus, um 80 Prozent der Führungspositionen zu besetzen.
taz: Nun wurden Sie für ihren Vortrag am Mittwoch in Lübeck ja vom dortigen
Sonderforschungsbereich „Sexdiversity“ eingeladen. Sollte eine
geschlechtersensible Medizin nicht auch von einem nonbinären
Geschlechtsverständnis ausgehen?
Stracke: Ja, aber [3][bei der Intersexualität stehen wir noch ganz am
Anfang.]
taz: Existieren dazu überhaupt schon Forschungsansätze?
Stracke: Es gibt eine große Studie aus den USA, die heißt „All of Us“. In
diese sind über 300.000 Menschen aus der Allgemeinbevölkerung
eingeschlossen und darunter sind um die 30.000 genderdiverse Personen. Es
wurde darauf geachtet, welche Krankheiten in diesem Kollektiv vertreten
sind, die Prävalenzen verschiedener Krankheiten erfasst. Dabei wurde eine
Häufung von Angsterkrankungen und Depressionen festgestellt. Das scheint
mit den Diskriminierungserfahrungen zusammenzuhängen. Ansonsten sind in
dieser Gruppe Herz-, Nieren- und Kreislauferkrankungen seltener. Und das
könnte damit zusammenhängen, dass die Community sowohl jünger als auch
gesundheitsbewusster ist. Aber davon abgesehen fehlen weitere Studien.
11 Jan 2026
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