# taz.de -- Zum Tod des Regisseurs Béla Tarr: Wie Zweige im Regen
       
       > Näher kann ein Atheist und Anarchist dem Religiösen nicht kommen: Mit
       > Béla Tarr ist ein Meistererzähler des europäischen Kinos gestorben.
       
 (IMG) Bild: Der Filmregisseur Béla Tarr ist tot
       
       Sein Leben lang sei er Anarchist geblieben, bekannte Béla Tarr noch vor
       wenigen Jahren. Von der herrschaftslosen Gesellschaft freilich ist die Welt
       und sind auch die Figuren in den Filmen des 1955 in der Volksrepublik
       Ungarn geborenen Regisseurs weit entfernt. Es sind Dämonen, die ihre Finger
       nach den Menschen ausstrecken – den großen Einfluss [1][Andrei Tarkowskis]
       kann und wollte Béla Tarr nie verleugnen –, aber auch die realen
       Verhältnisse, die seine Figuren erdrücken.
       
       Tarrs berühmteste Filme zeigen das Elend in der ungarischen Tiefebene, rau
       und matschig erstreckt sich das Leben vor den Füßen der Dorfbewohner:innen,
       sinnentleert; politische Systeme und Wirtschaftsordnungen taugen zur
       Glaubenslehre hier nicht.
       
       „Beide Uhren zeigen unterschiedliche Zeiten an“, bringt der dunkle Prophet
       Irimiás, gespielt von dem für den existenziellen Soundtrack der Tarr-Filme
       verantwortlichen Mihály Víg, dieses Gefühl in „Satanstango“ (1994) auf den
       Punkt. „Beide sind natürlich falsch. Diese hier ist zu langsam. Die andere
       scheint die Wehrlosigkeit anzuzeigen. Wir verhalten uns zu ihr nur wie die
       Zweige zum Regen. Wir sind nicht in der Lage, uns zu verteidigen.“
       
       „Satanstango“ gilt als Tarrs Opus magnum, der Film wird regelmäßig zu den
       wichtigsten aller Zeiten gezählt. Er zählt auf jeden Fall zu den längsten;
       minutenlang folgt die Kamera einer Kuhherde, verharrt in sicherem Abstand
       zu einer Häuserfront, hinter deren Fenstern die Bewohner:innen dem
       Nichts entgegenstarren. Einen Meister des „Slow Cinemas“ nannte man Tarr,
       der für einen Atheisten dem Religiösen in seinen filmischen Meditationen
       doch recht nahekam.
       
       ## Zusammenarbeit mit László Krasznahorkai
       
       Sieben Stunden dauert „Satanstango“, so lange, wie man zum Lesen der
       gleichnamigen Romanvorlage von László Krasznahorkai brauche. Mit dem
       gleichaltrigen Schriftsteller verband Tarr eine langjährige kreative
       Partnerschaft. Auch die meisterhaften, dämmerlichternen „Werckmeisterschen
       Harmonien“ (2000) basieren auf einem Roman Krasznahorkais, der noch für
       drei weitere Filme Béla Tarrs die Drehbücher verfasste.
       
       Während der Schriftsteller weiter Romane schrieb und 2025 mit dem
       Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, setzte Tarr 2011 einen
       Schlussstrich: [2][„Das Turiner Pferd“ war sein letzter Spielfilm.]
       
       Aus der Welt war Tarr freilich nicht, 2013 gründete er die Sarajevo Film
       Factory, eine internationale Filmhochschule, an der internationale Größen
       wie [3][Apichatpong Weerasethakul,] Tilda Swinton oder der Philosoph
       Jacques Rancière lehrten. [4][2019 kehrte er mit „Missing People“ noch mal
       ins Rampenlicht zurück,] wobei er den Scheinwerfer allerdings auf die am
       äußersten Rand Stehenden lenkte und mit 250 Obdachlosen eine Performance
       für die Wiener Festwochen konzipierte.
       
       Am 6. Januar ist Béla Tarr nach langer und schwerer Krankheit gestorben.
       
       7 Jan 2026
       
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