# taz.de -- Interview mit Regisseurin Ildikó Enyedi: „Kommunikation ist immer unvollständig“
> Der Protagonist von Ildikó Enyedis Film „Silent Friend“ ist ein Ginkgo.
> Mit der taz sprach sie über die „zärtliche Empirie“, die ihre Arbeit
> prägt.
(IMG) Bild: Der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung) und der Ginkgobaum in „Silent Friend“
Ildikó Enyedi empfängt zum Gespräch in einer Berliner Hotelsuite. Ruhig,
präzise und mit großer Offenheit spricht die ungarische Regisseurin über
ihren neuen [1][Spielfilm „Silent Friend“, der 2025 in Venedig im
Wettbewerb lief] und in dem ein Ginkgobaum zum stillen Zentrum wird.
Ausgangspunkt ist nicht Botanik allein, sondern eine umfassendere Frage
nach Verbindung und Fremdsein: zwischen Menschen, zwischen Zeiten, zwischen
Arten.
taz: Frau Enyedi, wie kamen Sie auf die Idee, einen Baum in den Mittelpunkt
eines Films zu rücken?
Ildikó Enyedi: Tatsächlich kam ich auf den Ginkgo erst relativ spät. Am
Anfang stand der Botanische Garten in Marburg, den ich seit über dreißig
Jahren kenne. Er ist etwa 400 Jahre alt, viele Wege, Brücken und
Anordnungen sind unverändert; das kann man auf alten Zeichnungen sehen.
Auch der Kräutergarten liegt noch am selben Ort. Mich beschäftigte das
Thema Verbindung: wie Menschen zueinander finden, aber auch, wie schwierig
dieses Verbinden oft ist. Alle menschlichen Figuren im Film sind in
gewisser Weise Außenseiter. Und auch ich selbst war in dieser kleinen
deutschen Stadt nie wirklich verwurzelt. Also suchte ich nach einer
Pflanze, die ebenfalls ein Fremder ist – ein Außenseiter.
taz: Ursprünglich war das ein anderer Baum?
Enyedi: Meine erste Idee war ein subtropischer Baum mit riesigen, tiefroten
Blüten, die sich nachts öffnen und von Fledermäusen bestäubt werden – ein
wunderbares Wesen. Auch seine „Sexualität“ ist speziell, wenn man das so
sagen will: Fledermäuse statt Bienen. Aber sein nördlichstes Vorkommen in
Europa liegt in Portugal. Ich hing sehr am Marburger Garten, also musste
ich diese Idee aufgeben. Dann dachte ich an den Ginkgo. Und in gewisser
Weise ist er ein noch radikalerer Fremder.
taz: Inwiefern?
Enyedi: Einst bedeckten Ginkgos den ganzen Globus, in vielen Varianten. Vor
etwa sechs Millionen Jahren waren sie beinahe ausgestorben, und bis vor
rund 300 Jahren existierten sie nur noch in winzigen Regionen Japans und
Chinas. Als europäische Reisende sie im 18. Jahrhundert entdeckten, fanden
sie diese Bäume „interessant“ und „exotisch“ – und brachten sie aus reiner
Neugier nach Europa. Es ist vermutlich die einzige Pflanze, die dem
Menschen ihre Rettung verdankt. Normalerweise ist es ja umgekehrt.
taz: Und heute ist der Ginkgo überall.
Enyedi: Ja, weil er nahezu unzerstörbar ist. Seine natürlichen Feinde sind
vor Millionen Jahren ausgestorben. Insofern ist er auch ein schönes
Sinnbild. Im Marburger Garten gibt es drei Ginkgos, zwei jüngere und einen
sehr alten. Aber sie stehen nicht „richtig“, eher an der Mauer. Also musste
ich, wie jede Filmemacherin, ein bisschen schummeln. Ich fand schließlich
drei passende Bäume, alle in Ungarn.
taz: Ginkgos sind zweihäusig, es gibt weibliche und männliche Bäume.
Wussten Sie von Anfang an, dass es im Film ein weiblicher sein würde?
Enyedi: Ja. Aber es war wichtig, das im Film lange offen zu lassen. Auch
das ist eine Form des Wartens. Ginkgos haben eine sehr eigenartige Art der
Fortpflanzung. Das Material, das wir am Ende des Films sehen, zeigt
tatsächlich Sperma – es heißt wirklich so. Nach Monaten des Wartens wird es
durch die Herbstregen aktiviert und beginnt seine Reise. Das ist viel näher
an der Fortpflanzung von Säugetieren als an der anderer Pflanzen.
Hochkompliziert, unpraktisch – und faszinierend. Dieses Material ist extrem
selten. Wir verdanken es einem japanischen Forschungsteam.
taz: Der eigentliche Keim des Films war aber weniger Botanik.
Enyedi: Im Kern geht es darum zu akzeptieren, dass Kommunikation immer
unvollständig ist. Zwischen den Menschen im Film – etwa zwischen der
Gärtnerfigur von Sylvester Groth und dem von Tony Leung gespielten
Neurowissenschaftler – ebenso wie zwischen Pflanzen und Menschen. Wir
können nur Vermutungen darüber anstellen, was in einer Pflanze wirklich
geschieht. Aber allein die Anerkennung, dass es da ein anderes Wesen mit
einer eigenen Welt, eigenen komplexen Verbindungen und einer eigenen
Realität gibt, ist der entscheidende Schritt. Dasselbe gilt für menschliche
Beziehungen: Man kann einen anderen Menschen nie vollständig verstehen.
Aber das ist kein Problem, solange man die Realität des anderen anerkennt
und respektiert. Daraus entsteht Intimität.
taz: Ihre Filme kreisen oft um Wissenschaft. Was interessiert Sie daran als
Thema?
Enyedi: Ich lese seit meiner Jugend populärwissenschaftliche Texte. In den
1970er Jahren waren das Pflanzenexperimente, später die Physik des 20.
Jahrhunderts, nach dem Zweiten Weltkrieg dann die Biologie. Mich
faszinieren diese großen, vielleicht naiven Fragen: Zeit, Bewusstsein,
Realität. Heute werden sie mit hochentwickelter Technologie von riesigen
Forschungsteams untersucht, oft ohne unmittelbaren praktischen Nutzen. Ich
bin in engem Kontakt mit dem britischen Neurowissenschaftler Anil Seth, der
experimentell arbeitet und dabei ständig um die Frage kreist: Was ist
Bewusstsein? Für ihn ist es evident, dass alle Lebewesen eine Art inneres
Erleben haben – dass eine Fledermaus „weiß“, dass sie eine Fledermaus ist.
Unsere Sprache ist dafür extrem anthropomorph, aber das macht die Idee
nicht falsch. Vielleicht fehlt uns einfach der Sinn, um diese Kommunikation
wahrzunehmen.
taz: Der Film bereitet den Blick darauf regelrecht vor.
Enyedi: Genau. Nach der Prüfungsszene wollte ich, dass Greta, die junge
Botanikstudentin im Jahr 1910, und mit ihr das Publikum, Pflanzen anders
sieht. Sinnlicher. Aufmerksamer.
taz: Sie arbeiten mit drei Bildformaten. Warum?
Enyedi: Jedes Format steht für eine Wahrnehmungsweise. Das
Schwarz-Weiß-35-mm-Material ist sehr präzise, strukturiert – es passt zu
Gretas Suche nach zeitlosen Ordnungen. Das 16-mm-Material der 1960er und
70er Jahre ist körnig, impressionistisch, voller Farben, Gerüche,
Körperlichkeit. Und das Digitale steht für unsere Gegenwart: exakt, kühl,
auch ein wenig rigide – es passt zur Lockdown-Zeit.
taz: Sie beziehen sich auf Goethes Begriff der „zärtlichen Empirie“.
Enyedi: Goethes naturwissenschaftlicher Ansatz ist erstaunlich modern. Er
akzeptiert, dass der Beobachter Teil des Beobachteten ist. Dass es keine
Hierarchie gibt zwischen Subjekt und Objekt. Diese Haltung wurde lange vom
Newton’schen Wissenschaftsverständnis verdrängt. „Zärtliche Empirie“ fasst
das wunderbar zusammen: beobachten, ohne zu dominieren.
taz: Gilt das auch für Ihr Filmemachen?
Enyedi: Absolut. Ich möchte dem Publikum nichts aufzwingen. Mit Geduld
offenbart sich mehr als mit Druck. Und Geduld ist nur möglich, wenn man
sich auf derselben Ebene fühlt wie das Gegenüber.
taz: Eine besondere Rolle spielt Tony Leung als Neurowissenschaftler. Wie
kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Enyedi: Für diese Figur brauchte ich einen Außenseiter. Jemanden, für den
diese deutsche Stadt ebenso fremd ist wie der Ginkgo. Ich habe die Rolle
für Tony geschrieben, ohne zu wissen, ob er zusagt. [2][In den Filmen von
Wong Kar-Wai] ist er eine Ikone, fast hinter einem Schutzschild. In
Interviews aber sah ich einen offenen, neugierigen Menschen. Er sagte
schnell zu. Er ist praktizierender Buddhist und fragte gleich, ob es eine
buddhistische Denkweise hinter dem Film gibt. Wir sprachen monatelang über
Neurowissenschaft, kaum über Schauspiel. Er war einfach in dieser Welt.
taz: Glauben Sie, dass Kunst Erkenntnis hervorbringen kann?
Enyedi: Ich vertraue den Wissenschaften. Und ich wünsche mir, dass wir
ihnen mehr Freiheit geben. Alles, was wir nutzen, stammt letztlich aus
freier Neugier. Kunst kann vielleicht berühren, vorbereiten,
sensibilisieren, aber entdecken müssen andere.
11 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Thomas Abeltshauser
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