# taz.de -- Wie Putin die Russen indoktriniert: Perfide Narrative
       
       > Irgendwann begann Putin den Menschen weiszumachen, im Westen würde es vor
       > queeren Russen-Hassern nur so wimmeln. Leider ist seine Propaganda
       > wirkungsvoll.
       
 (IMG) Bild: Gesundheitsinspektor:innen in St. Petersburg schauen einen Fernsehauftritt von Putin als Premierminister 2009
       
       Putin sah mich an – ob lächelnd oder ernst, das weiß ich nicht mehr. Aber
       ich erinnere mich daran, wie mich vor genau zehn Jahren ein Plakat des
       russischen Machthabers in der Wohnung meiner Verwandten überraschte, als
       ich sie in den Winterferien in meiner Geburtsstadt Nowosibirsk besuchte.
       Der Fernseher im Wohnzimmer zeigte hasserfüllte Propaganda-Talkshows, und
       die Frauen aus meiner Familie waren zu Kirchgängerinnen geworden. Ich
       staunte und verstand, dass sich etwas fundamental verändert hat.
       
       Als ich zuvor im Sommer 2008 zu Besuch gewesen war, noch als Kind, gab es
       kein Putin-Poster, keine Kirche, lediglich den Fernseher. Auf dem
       Bildschirm verfolgte ich damals, wie russische Panzer durch georgisches
       Territorium rollten.
       
       Ich verstand noch nicht, was ich da sah. Ich verstand nicht, dass der Kreml
       Separatisten in Südossetien und Abchasien mit eigenen Truppen unterstützte,
       um seine Macht über [1][das Richtung EU blickende Georgien]
       zurückzuerlangen. Und ich verstand nicht, dass er dieselbe Taktik bereits
       1992 in Transnistrien getestet hatte und später, 2014, im Donbass einsetzen
       würde.
       
       Lange Zeit war Menschen wie meinen Verwandten, man könnte sie
       „durchschnittliche russische Bürger“ nennen, Politik ziemlich egal gewesen.
       Im totalitären sowjetischen Staat aufgewachsen, war „die Politik“ für sie
       etwas, in das man sich besser nicht einmischte. Ihre Sorge bestand vielmehr
       darin, genügend Geld zum Leben zu beschaffen – in den neunziger Jahren
       buchstäblich zum Überleben. Für die Einmischungen und Kriege des eigenen
       Staats interessierte man sich nicht sonderlich.
       
       ## In einem heiligen Krieg
       
       Doch das begann sich zu ändern. Mit Putins Machtantritt zur
       Jahrtausendwende stabilisierte sich die wirtschaftliche Lage, die
       ausufernde Kriminalität kam unter Kontrolle. Um seine Macht zu festigen,
       begann Putin, die Menschen mit hasserfüllten Lügen zu indoktrinieren –
       vermittelt durch das Fernsehen, die staatlich gelenkte Kirche, die Schulen.
       Über diese Kanäle wurde den Menschen weisgemacht, dass der Westen vor
       satanistischen, queeren Russenhassern nur so wimmele, die man in einem
       heiligen Krieg zu bekämpfen habe.
       
       Die Menschen sollten verstehen: Man ist zwar arm und unfrei, aber dafür
       Teil eines großartigen, überlegenen Imperiums – ein Teil der russischen
       Welt. Viele gaben der Verlockung nach und wurden zu glühenden Anhängern des
       Systems.
       
       Bei meinem Besuch vor zehn Jahren habe ich die Propaganda vor allem als
       Kuriosum betrachtet. Doch ihre Mechanismen erwiesen sich als perfide wie
       wirkungsvoll. So nutzt sie beispielsweise aus, dass wir dazu tendieren,
       Dinge zu glauben, die wir einfach nur oft genug hören, auch wenn sie wenig
       mit der Realität gemein haben. Oder sie wählt eine Tatsache, reißt sie aus
       dem Kontext und bauscht sie extrem auf. Diese beiden Strategien kombiniert
       erklären, wie das abstruse Narrativ von den „ukrainischen Nazis“ selbst
       hierzulande Fuß fassen konnte. Es diente dem Kreml als „moralische“
       Rechtfertigung seines Krieges in der Ukraine, nämlich als vermeintliche
       Fortsetzung des [2][Kampfs gegen die Nazis] im Zweiten Weltkrieg.
       
       ## Fakten bedeuten nicht viel
       
       Für die Aktivierung derartiger historischer Konstruktionen, auch unter
       Zugabe althergebrachter imperialer Mythen, war maßgeblich [3][Wladimir
       Medinski] verantwortlich – erst Duma-Abgeordneter, dann Kulturminister und
       heute wichtiger Putin-Berater. Er schrieb die Geschichte buchstäblich um,
       indem er neue, patriotische Schulbücher gestaltete.
       
       „Fakten an sich“ bedeuten ihm „nicht viel“, wie es in einem seiner Werke
       heißt: „Alles beginnt nicht mit Fakten, sondern mit Interpretationen. Wenn
       Sie Ihr Vaterland und Ihr Volk lieben, wird die Geschichte, die Sie
       schreiben, immer positiv sein.“
       
       Doch in naher oder ferner Zukunft wird die Realität in diese Propagandawelt
       einfallen. Dafür, dass die Kriegsopfer Gerechtigkeit erfahren, müssten
       nicht nur Reparationen gezahlt und die russische Führung vor Gericht
       gebracht werden, sondern auch deren Giftmischer – die Propagandisten.
       
       26 Dec 2025
       
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 (DIR) Yelizaveta Landenberger
       
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