# taz.de -- Drohnen über Polen: Katyn, Shakespeare und Putins Drohnen
       
       > Die aktuellen Drohnenflüge über Polen erinnern an den Einmarsch
       > sowjetischer Truppen in Polen und an die Instrumentalisierung des
       > Gedenkens.
       
 (IMG) Bild: Eine polnische Soldatin nimmt am 10. April 2017 am Gedenken zum 77. Jahrestag des Massakers auf dem polnischen Soldatenfriedhof in Katyn, Russland, teil
       
       Morgens, am 10. September, als die Nachricht kam, dass russische Drohnen in
       den polnischen Luftraum eingedrungen seien, musste ich an ein anderes Datum
       denken – den 17. September 1939. An diesem Tag marschierten sowjetische
       Truppen in Polen ein. Von Stalin und Hitler zerrissen, schien das Land von
       der Karte Europas ausgelöscht zu sein. „Das imperialistische, reaktionäre
       Polen hat sein historisches Ende gefunden“, schrieb triumphierend der Autor
       des Artikels über Polen im Band der „Großen Sowjetischen Enzyklopädie“ von
       1940.
       
       Darauf folgten gemeinsame Paraden sowjetischer und deutscher Truppen. In
       den von den Deutschen besetzten Gebieten begannen Erschießungen von Juden,
       während in den von der Sowjetunion besetzten Gebieten der NKWD
       Massenrepressionen durchführte – über 420.000 polnische Bürger wurden
       verhaftet, nach Kasachstan und Sibirien deportiert. Die sowjetische
       Wochenschau zeigte endlose Kolonnen polnischer Kriegsgefangener. Doch für
       [1][Stalin] waren sie weder Kriegsgefangene noch Bürger eines anderen
       Staates – für ihn existierte dieser Staat nicht mehr.
       
       Im April 1940 wurden 20.000 polnische Offiziere erschossen – „als
       unverbesserliche Feinde der Sowjetmacht“. Auf die Frage des polnischen
       Generals Władysław Anders, der im August 1941 aus dem Lubjanka-Gefängnis
       entlassen wurde und im Auftrag der polnischen Exilregierung eine Armee
       aufstellen sollte: „Wo sind Tausende von polnischen Offizieren?“,
       antwortete Josef Stalin zynisch: „Sie sind nach Mandschurien geflohen.“
       
       Sie wurden an drei Orten ermordet – bei Smolensk, bei Charkiw und bei Twer.
       Einer dieser Orte – Katyn bei Smolensk – wurde 1943 von den Deutschen
       entdeckt. Seitdem wurde das Wort „Katyn“ zum Symbol – für das
       stalinistische Verbrechen, für die sowjetische Propagandalüge, die dieses
       Verbrechen den Deutschen zuschrieb.
       
       ## Katyn blieb ein Stein des Anstoßes
       
       Das Gedenken an Katyn lebte – trotz aller Verbote – in der polnischen
       Gesellschaft weiter. Diese Erinnerung nährte den polnischen Widerstand. Und
       einer der ersten wichtigen internationalen politischen Schritte der
       Perestroika war die Anerkennung der geheimen Zusatzprotokolle [2][des
       Hitler-Stalin-Pakts] – und später auch die Anerkennung der Verantwortung
       der sowjetischen Führung [3][für Katyn].
       
       Der polnischen Regierung wurden Dokumente übergeben, die die sowjetische
       Schuld bewiesen. An den Erschießungsorten wurden von der polnischen
       Regierung Denkmäler errichtet. Es schien, als sei endlich ein historischer
       Schlussstrich gezogen.
       
       Doch mit dem Beginn des putinschen Geschichtsrevisionismus blieb Katyn,
       trotz offizieller Anerkennung, ein Stein des Anstoßes. Seit den 2000er
       Jahren zeigte sich immer deutlicher die Doppelzüngigkeit: Einerseits wurde
       das sowjetische Verbrechen nicht geleugnet, andererseits wurden die
       Formulierungen so gewählt, dass es relativiert und verharmlost wurde. In
       der Folge wurden Bände zur Ermittlung von Katyn unter Verschluss gehalten
       und die Opfer nicht rehabilitiert.
       
       Dies zeigte sich zunehmend offen in den letzten Jahren an den
       Erinnerungsorten: Gedenktafeln wurden entfernt, polnische Fahnen. Denn
       Katyn ist ein direkter Beweis für das, was die putinsche Propaganda heute
       leugnet: dass der Zweite Weltkrieg für die Sowjetunion nicht 1941, sondern
       1939 begann – als Stalin gemeinsam mit Hitler Polen teilte.
       
       Während der Perestroika, als das Katyn-Verbrechen anerkannt wurde, schien
       es, als habe sich dieser Birnam-Wald (Shakespeare, „Macbeth“) des
       Gedächtnisses endlich in Bewegung gesetzt und Lehren aus der Geschichte
       gezogen.
       
       Doch das war eine Illusion. Die russischen Drohnen über Polen und die
       ukrainischen Kriegsgefangenen, die in russischer Gefangenschaft gefoltert
       und dem Hunger ausgesetzt werden, zeugen davon.
       
       6 Oct 2025
       
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