# taz.de -- Sicherheit im Baltikum: Endlich hört Deutschland zu
> Die osteuropäischen EU-Nachbarstaaten Russlands stehen durch massive
> Aufrüstung und wirtschaftliche Herausforderungen vor einem grundlegenden
> Wandel.
(IMG) Bild: Flugabwehrsysteme der Bundeswehr am Flughafen im litauischen Vilnius im Juni 2023
Der frühere Feind ist hier noch gut sichtbar. Grimmig grau stapeln sich
noch die großen Betonquader vor dem sowjetischen Säulenbau am Neris-Ufer.
„Schieß nicht, Soldat“, steht in kyrillischen Schriftzeichen auf Russisch
neben einem aufgemalten Panzer. Und: „Laisvé Lietuvai“ – Freiheit für
Litauen in der Landessprache. Es sind steinerne Zeugen des Versuchs, die
1991 von Michail Gorbatschow zum Seimas, dem litauischen Parlament,
befohlenen sowjetischen Panzer zu stoppen. Moskau wollte Litauens
Unabhängigkeit aufhalten.
Am 13. Januar 1991 kamen beim Sturm des Fernsehturms und des von
zehntausenden Litauern umstellten Seimas mit Panzern 14 Zivilisten ums
Leben, mehr als 1.000 wurden verletzt. Nicht einmal einen Monat später
erklärte sich Litauen als erste Sowjetrepublik in einem Referendum mit über
90 Prozent endgültig für unabhängig. Nun geht wieder die Sorge um – nicht
nur hier in Vilnius –, dass der frühere Feind auch bald der künftige sein
könnte: Moskau.
In den Straßen der litauischen Hauptstadt Vilnius ist die Sorge überall
sichtbar: Schwarze Häuschen auf gelbem Hintergrund und der Aufschrift
„Priedanga“ (Schutzraum) kleben an Türen und Fenstern. Die Solidarität mit
der vom Kreml überfallenen Ukraine ist allgegenwärtig. Busse tragen in
Leuchtschrift den Slogan „Vilnius – Herz – Ukraina“.
All das ist nicht nur Symbolpolitik. Estland, Lettland, Litauen und Polen,
die vier Länder an der Ostgrenze zu Russland und Belarus, sind einen
Schritt gegangen, der deutlich größer ist als der ihrer westeuropäischen
EU-Partnerinnen: Die Nato-Staaten hatten im Juni 2025 unter Druck Donald
Trumps zugestimmt, bis 2035 ihre [1][Verteidigungsbudgets auf 3,5 Prozent
des BIP] (von bisher 2 Prozent) zu erhöhen und weitere 1,5 Prozent für
verteidigungsrelevante Infrastrukturinvestitionen auszugeben. Die Ost-Vier
tun dies jedoch viel schneller.
## Spitzenreiter in Verteidigungsausgaben
Litauen hat in seinem kurz vor Weihnachten verabschiedeten Haushalt das
Verteidigungsbudget für 2026 auf 5,38 Prozent des BIP erhöht. Damit steht
die Regierung von Inga Ruginienė an der Spitze der Nato, ausgerechnet mit
einer Sozialdemokratin. Das von der liberalen Partei der nach Brüssel als
EU-Außenbeauftragten gewechselten Kaja Kallas geführte Estland folgt mit
gut 5 Prozent und der Zusage, bis 2029 auf mindestens 5,4 Prozent zu
kommen. Das von der Konservativen Evika Siliņa geführte Lettland gibt
kommendes Jahr 4,9 Prozent für sein Militär aus. Polen 4,8 Prozent – stolze
fast 47 Milliarden Euro.
Polens Premier Donald Tusk hat, wie auch Deutschlands Kanzler Friedrich
Merz, als Ziel ausgegeben, künftig die größte Armee in der EU aufbauen zu
wollen. Im Gegensatz zum CDU-Chef hat Tusk, dessen Bürgerkoalition wie die
Union Teil der christdemokratischen Europäischen Volkspartei ist, klare
Zahlen genannt: Auf 500.000 Soldatinnen und Soldaten sollten [2][Polens
Streitkräfte] anwachsen. „Um eine russische Aggression zu verhindern“, so
Tusk.
Seit Russlands Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 ist die Zahl der
Streitkräfte bereits von 115.500 auf 223.800 Männer und Frauen angewachsen.
Die Ausrüstung wird beschafft: Neben der starken polnischen
Rüstungsindustrie liefern auch die USA F-35 Kampfjets und Südkorea fast
1.000 (zumeist in Polen gefertigte) K-2 Panzer sowie Haubitzen an die „Siły
Zbrojne“, die Armee der Republik.
Doch an der Ostflanke stellt sich immer stärker die Frage, wie all die
Rüstungs- und Personalpläne finanziert werden sollen. In Polen steigen
Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung drastisch. Das statistische Amt
der EU, Eurostat, beziffert Polens Haushaltsdefizit im laufenden Jahr auf
6,8 Prozent – Spitze in der ganzen EU, weshalb Ökonomen Polen als
„Defizit-Sorgenkind der Region“ bezeichnen.
## Kritik an Finanzpolitik
Auch in Riga, Vilnius und Tallinn machen die Kassenwarte die Schatullen
weit auf. Die Verteidigungsministerien dort lobten auf taz-Anfrage
einstimmig das Aufweichen der EU-Schuldenregeln, oder wie es im Brüsseler
Jargon heißt, die „Aktivierung der ´nationalen Ausweichklausel´“. Das
erlaubt temporär ein Abrücken von der 3-Prozent-Obergrenze. Doch es lässt
die Schulden weiterwachsen.
In einigen Ländern Mittel-Osteuropas werde „die Glaubwürdigkeit der
Finanzpolitik kritisch beäugt, und politische Unsicherheiten trüben das
Vertrauen der Investoren“, meint Richard Grieveson, Vizedirektor des Wiener
Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Diese Risiken
kommen zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Seit 2024 sinken die
Direktinvestitionen im Osten insgesamt und insbesondere die westlicher
Länder drastisch: „Die Krise der deutschen Industrie und die geopolitischen
Unsicherheiten schlagen jetzt voll auf die Region durch“, so die Ökonomin
Olga Pindyuk vom wiiw.
China hat sich indes zum größten Investor in neue Projekte im Osten Europas
gemausert und Deutschland dabei überholt. Davor warnt Žygimantas
Pavilionis: „Man muss sich von Autokratien entkoppeln, die Abhängigkeit von
ihnen frisst deine Wirtschaft“, sagt der frühere Diplomat und heutige
Abgeordnete der Konservativen im litauischen Seimas im Gespräch mit der
taz.
Litauen hat für die offizielle Anerkennung Taiwans einen Handelskrieg mit
Peking riskiert. Doch es sei zudem „schwer, Deutschland zu erklären, dass
wir eine [3][gemeinsame europäische Verteidigungspolitik] brauchen, wie es
schon schwer war, Berlin früher von einer gemeinsamen EU-Energiepolitik zu
überzeugen“. Damit spricht Pavilionis einen weiteren wunden Punkt an und
ist überzeugt: „Deutschland hat die baltischen Staaten erst richtig gesehen
nach der russischen Invasion in der Ukraine.“
## Raus aus der Rezession in Estland
Immerhin ist die Bundeswehr dabei, im litauischen
2.100-Einwohnenden-Örtchen Rukla mit einer 5.000 Soldat:innen umfassende
Panzerbrigade. Denn: „Der Schutz von Vilnius ist der Schutz von Berlin“,
hatte Merz beim Aufstellungsbefehl der Brigade 45 in der litauischen
Hauptstadt im Mai gesagt. Und der estnische Verteidigungsminister Hanno
Pevkur fordert bereits, dass das deutsch-niederländische Corps in Estlands
Hafenstadt Pärnu stationiert wird – um Nato-Kräfte in den kleinen
baltischen Staaten zu stärken, die „Russland bereits in einem Schattenkrieg
mit der Nato“ sehen, „in dem Moskau ständig eskaliert“.
Pevkur weiß, wovon er spricht: Er spricht fließend Russisch und ist in der
Provinz Ida-Viru aufgewachsen, wo neben der in Artillerieweite zu St.
Petersburg gelegenen Grenzstadt Narwa die größte russische Minderheit in
allen baltischen Staaten lebt. Sie wird wegen gezielter russischer
Desinformationskampagnen als „Moskaus Fünfte Kolonne“ angesehen. Und auch
wenn Estland große Probleme mit der Finanzierung der stark gestiegenen
Verteidigungsausgaben habe, seien 5 Prozent des BIP „noch immer deutlich
weniger, als die fast 40 Prozent, die die Ukraine während des Krieges
ausgeben muss“.
Nach drei Jahren Rezession kommt Estland 2025 immerhin auf 1,4 und 2026 auf
voraussichtlich 2,3 Prozent Wirtschaftswachstum. Polen ist laut wiiw im
kommenden Jahr mit einem erneut erwarteten Zuwachs der Wirtschaft von 3,5
Prozent Europas Wachstums-Lokomotive.
## Weg von Westeuropas verlängerter Werkbank
Da dies erhebliche Schulden-Probleme verursacht, hat Agnieszka Pomaska, die
Vorsitzende des Ausschusses für EU-Angelegenheiten im polnischen Sejm eine
Forderung: „Um höhere Verteidigungsausgaben nachhaltig zu gestalten, muss
Europa die wirtschaftlichen Grundlagen seiner östlichen Mitgliedstaaten
durch Investitionen in Infrastruktur, Energiesicherheit und
-unabhängigkeit, Innovation und industrielle Kapazitäten – einschließlich
der Verteidigungsindustrie – sowie durch die effektive Nutzung von
EU-Mitteln und eine engere Zusammenarbeit innerhalb der EU stärken.“
Die Abgeordnete, gegen die Russland ein Einreiseverbot verhängt hat, sagte
der taz: „Ein stärkeres und widerstandsfähigeres Osteuropa ist nicht nur in
der Lage größere Verteidigungsaufgaben zu übernehmen, sondern auch für die
Sicherheit und Stabilität der Europäischen Union insgesamt von
entscheidender Bedeutung.“
Die einst übersehenen Länder an der Ostflanke der EU haben seit dem
russischen Überfall auf die Ukraine Selbstbewusstsein entwickelt. Denn ihre
Warnungen vor dem großen Nachbarn werden endlich gehört. Zur nachhaltigen
Stärkung müssen sie nun aber ihr Wirtschaftsmodell umbauen – weg von der
verlängerten Werkbank Westeuropas mit niedrigen Löhnen, so Grieveson vom
wiiw, hin zu höherer industrieller Wertschöpfung. Und ausgerechnet die
Rüstungsindustrie könnte ihnen seiner Meinung nach dabei helfen.
6 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mathias Brüggmann
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