# taz.de -- Buch über Superdiversität: Weniger Gebildete kommen oft besser mit Diversität klar
       
       > Maurice Crul und Frans Lelie schauen pragmatisch auf superdiverse Städte.
       > Auch migrationskritische Menschen tragen oft zum guten Zusammenleben bei.
       
 (IMG) Bild: Vielfalt ist die neue Norm. Was gemeinsame Traditionen wie den Frittenkonsum in Brüssel nicht ausschließt
       
       Die Migration aufhalten, das ist ein zentrales Versprechen rechter
       europäischer Parteien – und es ist ein leeres. Das schreiben die
       Soziolog:innen der Freien Universität Amsterdam Maurice Crul und Frans
       Lelie in ihrem Buch „Gesellschaft der Minderheiten. Leben in der
       Superdiversität“. Allein wegen seiner Realitätsferne sollte man den Wunsch
       nach einer inexistenten Vergangenheit getrennter Kulturen aufgeben. Crul
       und Lelie möchten die politisch aufgeladene Frage des Ob in die
       pragmatische Frage des Wie überführen.
       
       Ihre Ausgangsthese: Auch eine schärfere Einwanderungspolitik könne den
       allgemeinen menschlichen Drang zur Mobilität und den globalen Trend zur
       Superdiversität langfristig nicht stoppen. In Brüssel, Amsterdam oder
       Frankfurt sind Menschen ohne Migrationshintergrund längst selbst eine
       Minderheit unter vielen anderen. Und immer mehr Städte sind auf dem Weg zu
       solchen „Mehrheitlich-Minderheiten-Städten“. Der Begriff „Superdiversität“
       [1][soll dabei nicht nur ethnische Diversität umfassen], sondern auch
       religiöse, soziale, sexuelle und andere Pluralitäten.
       
       Wenn Vielfalt die neue Norm wird, muss sich auch das Paradigma der
       Integration ändern, so das Plädoyer. Weg von der Forderung nach
       Assimilation, hin zu „Integration in Vielfalt“. Ein funktionales
       Zusammenleben zwischen diversen Gruppen hängt dann nicht mehr nur von
       Migrant:innen ab, sondern von allen. Diversität wird in zunehmend
       superdiversen Vierteln und Berufsumfeldern ein Skill, den es sich zu üben
       lohnt.
       
       ## Zwischen Meinung und Praxis können weite Diskrepanzen liegen
       
       Spätestens nach dieser Botschaft würden Migrationsgegner:innen
       tendenziell wohl angesäuert das Buch zuklappen. Dann würden sie aber eine
       selten bewusste Wahrheit über sich selbst verpassen. Die „Becoming a
       Minority“-Studie, in der Crul, Lelie und andere Forschende von 2017 bis
       2023 Tausende Einwohner:innen ohne Migrationshintergrund in
       superdiversen Vierteln europäischer Großstädte befragt haben, zeigt:
       Zwischen Meinung und Praxis können weite Diskrepanzen liegen. So geben
       unter Migrationsgegner:innen circa genauso viele positive Kontakte
       zu Nachbar:innen mit Migrationshintergrund an wie neutrale oder
       konflikthafte.
       
       Aber auch diejenigen, die sich politisch links verorten, bekommen den
       Spiegel der Praxis vorgehalten. Tatsächlich beteilige sich gerade diese
       Gruppe aus Kontaktscheu und Angst, etwas falsch zu sagen, selten aktiv an
       einer multikulturellen Gesellschaft. Hingegen tragen vor allem Menschen mit
       einem niedrigen Bildungsgrad, die Vielfalt seltener als Bereicherung
       ansehen, zum funktionierenden Zusammenleben bei. Durch das häufigere
       Aufwachsen in migrantischen Vierteln sind sie diverse Beziehungen gewohnt.
       
       ## Geteilte Gemüsegärten und gemeinsames Chorsingen
       
       Die Autor:innen räumen manchmal repetitiv und wenig überraschend mit
       Migrationsmythen auf. Die Erinnerung, dass Menschen nicht immer logisch
       denken und handeln, ist trotzdem erhellend – und ernüchternd. Sowohl bei
       dem Viertel der Befragten, die Diversität als Bedrohung, als auch der
       Mehrheit, die sie als Bereicherung sieht, sitzen die Voreinstellungen fest.
       Selbst positive Erfahrungen mit Menschen mit Migrationshintergrund ändern
       oft nichts an negativen Einstellungen gegenüber der Gruppe, die sie
       repräsentieren.
       
       Was aber, wenn das nicht das oberste Ziel ist? Auch hier plädieren Crul und
       Lelie für Pragmatismus. Wenn es statt politischer Überzeugung erst einmal
       darum geht, gewaltvolle Eskalation zu vermeiden und das Wohlbefinden im
       eigenen Viertel zu stärken, können geteilte Gemüsegärten und gemeinsames
       Chorsingen sehr wohl helfen. Auch könnten kontaktscheue Linke hier
       interethnische Freundschaften knüpfen: einer der effektivsten Wege, um
       Unsicherheiten im Umgang mit superdiversen Kontexten zu überwinden.
       
       ## Probleme nicht zu benennen hilft nur den Ultrarechten
       
       Die Herausforderungen, die Superdiversität mit sich bringen kann, lassen
       Crul und Lelie derweil nicht unerwähnt. Diese aus Angst vor
       Rassismusvorwürfen unter den Tisch zu kehren, sei eine indirekte
       Wahlempfehlung für rechte Parteien, warnen sie. Lokale Probleme wie
       Kriminalität, Lärm und Vermüllung sollen Einwohner:innen am besten
       gemeinsam angehen, um zu merken: Auch Menschen mit Migrationshintergrund
       wünschen sich – Überraschung! – ein sicheres Viertel. Die Beispiele einer
       „Bewegung von unten“, wie sie Crul und Lelie befürworten, beschränken sich
       aber eher auf Beschwerdebriefe an die Stadtverwaltung. Der Verweis auf
       politische Maßnahmen wie die Schaffung von öffentlichen Begegnungsräumen
       bleibt unverzichtbar.
       
       Neben der menschlichen Unverbesserlichkeit erinnert das Buch auch an eine
       schöne Wahrheit. Was alle Menschen verbindet, unabhängig von Hintergrund
       oder Einstellung, ist wohl der Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben.
       Für Lelie und Crul können auch die größten
       Migrationspessimist:innen dieses Angebot des Pragmatismus nicht
       ausschlagen. Das Buch droht jedoch an dieser Stelle die Macht der Emotionen
       zu unterschätzen. Ein transkontinentaler Blick in die USA, eigentlich
       Vorzeigeland der Superdiversität, und die [2][aggressive Migrationspolitik
       unter Trump] zeigt, dass Verlustgefühle sich nicht leicht in Gewinngefühle
       wandeln lassen.
       
       19 Jan 2026
       
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