# taz.de -- Menschen ohne Aufenthaltsrecht: Dem Albtraum „Kettenduldung“ entkommen
       
       > Mit dem Chancenaufenthaltsrecht sollten Dauer-Geduldete wie James Taylor
       > in der deutschen Gesellschaft ankommen. Jetzt lief die Regelung aus.
       
 (IMG) Bild: Warten auf Asyl: zwei Männer vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BamF) in Berlin Spandau, 17. August 2015
       
       Es war 2009, als die deutschen Behörden den Asylantrag von James Taylor
       endgültig ablehnten und ihm das Aufenthaltsrecht entzogen. Doch er blieb –
       und weil es im Pass des damals 19-Jährigen Nigerianers Ungereimtheiten gab,
       konnten die deutschen Behörden ihn auch nicht abschieben. So bekam Taylor
       eine auf einige Monate befristete Duldung. Und als die ablief, noch eine.
       Und noch eine. 13 Jahre lang.
       
       Einen „Albtraum“ nennt Taylor diese Zeit heute. Expert*innen sprechen
       von dem lähmenden Schwebezustand als „Kettenduldung“, in der die
       Betroffenen weder vor noch zurückkommen. Rund 140.000 Menschen steckten bis
       vor wenigen Jahren deutschlandweit in diesem rechtlichen Limbo. Aber seit
       2022 sinkt die Zahl der Betroffenen dramatisch. Und auch Taylor hat es aus
       der Kettenduldung heraus geschafft.
       
       Das liegt [1][am Chancenaufenthaltsrecht], das die Ampel damals eingeführt
       hat, einem von Expert*innen hochgelobten Mechanismus, um Menschen zum
       legalen Aufenthalt zu verhelfen. Doch zum Jahresende ist die Regelung
       ausgelaufen. Und das, was die schwarz-rote Bundesregierung stattdessen
       einführen will, wird wohl kein guter Ersatz.
       
       ## Höchst prekär
       
       Wichtig ist, zunächst verstehen, was genau eine Duldung eigentlich ist. Es
       handelt sich nicht um einen Aufenthaltstitel, sondern eher um das
       zähneknirschende Eingeständnis der Behörden, dass man jemanden nicht
       loswird. Eine höchst prekäre Situation für die Betroffenen, denn nie ist
       sicher, dass die Behörden nicht plötzlich doch noch eine Möglichkeit zur
       Abschiebung finden.
       
       Auch Taylor berichtet von einer beständigen Angst über alle die Jahre. „Es
       hätte mich kaputt gemacht, wenn es so weiter gegangen wäre“, so Taylor.
       Seine erste Beziehung sei gescheitert, weil seine Freundin den Verdacht
       nicht abschütteln konnte, ihm sei es nicht um Liebe gegangen, sondern
       darum, durch eine mögliche Ehe einen Aufenthaltstitel zu bekommen.
       
       Um Menschen wie Taylor zu helfen, [2][beschloss die Ampelkoalition das
       Chancenaufenthaltsrecht]. Alle Geduldeten, die zum Stichtag 31. Oktober
       2022 mindestens fünf Jahre in Deutschland waren, konnten durch den
       Mechanismus einen regulären Aufenthaltstitel samt Arbeitserlaubnis
       beantragen, allerdings befristet auf 18 Monate. Wer es in dieser Zeit
       schaffte, seinen Lebensunterhalt zu sichern – also einen dauerhaften Job zu
       finden – und einige weitere Bedingungen zu erfüllen, der bekam anschließend
       eine reguläre Aufenthaltserlaubnis.
       
       Wer bislang eine ungeklärte Identität hatte, konnte die achtzehn Monate
       außerdem nutzen, um seine Papiere in Ordnung zu bringen. Ganz ohne die beim
       dafür nötigen Behördenbesuch sonst ständig drohende Abschiebung fürchten zu
       müssen. Zum Chancenaufenthalt gehörte aber auch: Wer nach Ablauf der
       Probezeit keinen Job gefunden hatte oder seine Identität nicht geklärt
       hatte, fiel zurück in die Duldung.
       
       Taylor hatte Glück. Ihm gelang es, seine Identität eindeutig klären zu
       lassen. Und im Gegensatz zu vielen anderen Geduldeten hatte er schon eine
       Arbeitsstelle. Nachdem er einen Realschulabschluss gemacht hatte, konnte er
       eine Ausbildung zum Pflegefachmann und anschließend eine Weiterbildung zur
       Intensivpflegekraft machen. Die Arbeit sei hart, sagt er, aber er sei froh,
       dass er sie habe. Als sogenannter Springer wird er dort eingesetzt, wo
       gerade Personal fehlt. Zwei Wochen arbeitet er dann meist am Stück, bevor
       er wieder einige Tage freihat.
       
       ## 140.000 Menschen nahmen das Angebot an
       
       Viele andere Kettengeduldete sind arbeitslos. Denn eine Duldung bedeutet
       für die ersten vier Jahre zunächst, dass die Behörden jedes Arbeitsangebot
       langwierig prüfen. Auch danach ist sie ein gewaltiges Hindernis bei der
       Jobsuche. Warum sollten Arbeitgeber jemanden anheuern, langwierig
       einarbeiten oder eigens ausbilden, wenn der oder die Betreffende womöglich
       im nächsten Augenblick abgeschoben wird? Noch dazu bedeutet allein die
       Einstellung einer Person ohne Aufenthaltserlaubnis zusätzliche Bürokratie.
       
       „Arbeitgeber finden eine Duldung wirklich nicht verlockend“, sagt Caroline
       Mohrs vom Flüchtlingsrat Niedersachsen. Wenn überhaupt, landen Geduldete
       deshalb oft in Leih- oder Zeitarbeit. Dabei spiele auch eine Rolle, dass
       Geduldete oft der Wohnsitzauflage unterliegen und für einen Job nicht
       unmittelbar umziehen können. Außerdem haben sie keinen Anspruch auf
       Integrationskurse und daher oft nicht die Chance, schnell Deutsch zu
       lernen.
       
       Auch in diese Richtung wirkte das Chancenaufenthaltsrecht. Indem man den
       Betroffenen zunächst einen Aufenthaltsstatus samt sofortiger
       Arbeitserlaubnis gab, ohne dass sie dafür einen Job brauchten, machte man
       es ihnen dann auf dem Arbeitsmarkt sehr viel leichter. Auch die
       Integrationskurse durften sie nun besuchen. Und wer dann einen Job fand,
       erfüllte die wichtigste Bedingung, um anschließend einen dauerhaften
       Aufenthaltstitel zu bekommen.
       
       Kein Wunder, dass nicht nur Taylor James das Chancenaufenthaltsrecht in
       Anspruch nahm, sondern bis April 2025 etwa die Hälfte aller rund 140.000
       Dauergeduldeten, wie aus Zahlen des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
       BAMF hervorgeht. Ein gewaltiger Erfolg pragmatischer Integrationspolitik
       zugunsten der Menschen und der vom Arbeitskräftemangel geplagten deutschen
       Wirtschaft.
       
       ## Durchmischte Bilanz
       
       Und doch dürfte die Bilanz nun zum Ende des Programms wohl nicht so gut
       ausfallen, wie einst erhofft. Zwar gibt es bislang noch keine Statistiken
       dazu, wie viele Menschen wieder zurück in die Duldung gefallen sind, und
       Mohrs spricht weiterhin von „einem sehr guten Versuch, den
       Langzeitgeduldeten zu helfen“. Aber sie sagt auch: „Wir fürchten, dass am
       Ende weniger als die Hälfte derjenigen, die das Chancenaufenthaltsrecht in
       Anspruch nahmen, einen dauerhaften Aufenthaltstitel bekommen haben.“
       
       Es seien „bestimme Problemkonstellationen“ einfach nicht mitbedacht worden,
       kritisiert sie. Während es bei jungen gesunden Leuten kaum Schwierigkeiten
       gegeben habe, sei es etwa für Alleinerziehende, für Menschen mit schweren
       Krankheiten, mit Behinderung oder auch für Analphabet*innen schwer
       gewesen, so schnell einen Job zu finden.
       
       Dazu kommt, dass das Chancenaufenthaltsrecht eine einmalige Sache ist, mit
       einem einzigen Stichtag, an dem sich entschied, wer überhaupt mitmachen
       darf. Wer später in die Dauerduldung rutschte, ist außen vor, über die
       nächsten Jahre dürfte sich das Problem der Kettengeduldeten also erneut
       aufstauen.
       
       Die SPD wollte das Instrument deswegen erneuern und ging mit dieser
       Forderung auch in die Koalitionsverhandlungen mit CDU und CSU: neuer
       Stichtag, neue Gelduldete. Nur machte die Union da nicht mit. Ihre
       Politiker*innen fürchten, mit einer regelmäßigen Neuauflage des
       Chancenaufenthaltsrechts einen „Pullfaktor“ zu schaffen. Die These: Wenn
       man in Deutschland irgendwann selbst als Geduldeter einen regulären
       Aufenthaltstitel bekommt, dann könnten künftig mehr Menschen kommen, die
       zwar keinen Anspruch auf Asyl haben, aber deren Abschiebung schwierig wird.
       
       Am Ende stand ein Kompromiss im Koalitionsvertrag, der auf den ersten Blick
       gar nicht so schlecht aussieht. Man werde einen „befristeten
       Aufenthaltstitel“ für Geduldete schaffen, die gut integriert sind, gut
       Deutsch sprechen, deren Identität geklärt ist und die nicht straffällig
       geworden sind, heißt es da. Bis hierhin ein Erfolg für die SPD. Dann steht
       da aber noch, berechtigt sollten nur solche Personen sein, die „durch ein
       bestehendes, sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis seit
       zwölf Monaten ihren Lebensunterhalt überwiegend sichern“.
       
       ## Bundesregierung entkernt die Erfolgsstory
       
       Mit dieser umständlichen Formulierung stellt die Koalition das
       Chancenaufenthaltsrecht auf den Kopf. Statt dass Geduldete, die meist nicht
       arbeiten, einen Probe-Aufenthalt bekommen, mit dem sie dann einen Job
       finden können, was wiederum dann mit einem Daueraufenthalt belohnt wird,
       geht es nun genau andersherum. Nur die wenigen Geduldeten, die allen
       Widrigkeiten zum Trotz schon einen Job gefunden haben, sollen einen
       Probeaufenthalt bekommen, der sich dann verlängert, wenn sie den Job
       behalten. Ähnlich absurd ist die Regelung für Menschen mit ungeklärter
       Identität: Statt gerade ihnen einen Weg anzubieten, ohne Angst vor
       Abschiebung ihre Papiere in Ordnung zu bringen, werden sie von vornherein
       ausgeschlossen.
       
       „Wenn es bei diesen Einschränkungen bleibt, dann wird es nur ganz wenig
       Anwendungsfälle geben“, sagt Caroline Mohrs. „Das wäre mit dem
       Chancenaufenthaltsrecht überhaupt nicht mehr vergleichbar.“ Ob die SPD die
       Kraft aufbringt, an der Einigung aus dem Koalitionsvertrag noch einmal zu
       rütteln, ist fraglich.
       
       James Taylor wird von alldem nicht mehr betroffen sein. Er hat es
       geschafft. Mit seinem Job und seiner geklärten Identität hat er einen
       regulären Aufenthaltstitel bekommen. „Eine große Erleichterung“, wie er
       sagt. „Ich bin angekommen in der Gesellschaft.“ Auch wenn die Arbeit als
       Intensivpfleger hart sei und die jahrzehntelange Unsicherheit in der
       Duldung ihre psychischen Spuren hinterlassen habe. „Ich bin ein positiver
       Mensch, ich blicke in die Zukunft.“
       
       11 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Perspektiven-fuer-Geduldete/!5914087
 (DIR) [2] /Debatte-um-Chancenaufenthaltsrecht/!5899875
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frederik Eikmanns
       
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