# taz.de -- Russische Propaganda in der Geschichte: Die Politik des Nazi-Vorwurfs ist keine Erfindung Putins
> Immer wieder behauptet Wladimir Putin, in der Ukraine seien Nazis an der
> Macht. Eine Historikerkonferenz in Lwiw zeigt, dass es solche Narrative
> schon seit Jahrzehnten gibt.
(IMG) Bild: Kundgebung für die Unabhängigkeit der Ukraine von der UdSSR mit Porträt des Metropoliten der griechisch-katholischen Kirche, Andrej Scheptyzkyj
„Wir haben nicht vor, die ganze Ukraine zu besetzen, aber sie zu
demilitarisieren. Das Ziel der russischen Spezialoperationen ist es, die
Menschen zu schützen, die acht Jahre lang vom Kiewer Regime misshandelt und
ermordet wurden. Zu diesem Zweck werden wir versuchen, die Ukraine zu
entmilitarisieren und zu entnazifizieren und diejenigen vor Gericht zu
bringen, die zahlreiche blutige Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung,
einschließlich russischer Bürger, begangen haben.“
Dies ist ein Auszug aus einer längeren Rede, mit der Russlands Präsident
Wladimir Putin im Februar 2022 den russischen Großangriff auf die Ukraine
zu rechtfertigen suchte.
Auch Außenminister Sergei Lawrow [1][beschwört regelmäßig dieses
Nazi-Narrativ]: „Wir haben keinen Zweifel daran, dass sich die Ukraine
endgültig in einen totalitären Nazi-Staat verwandelt hat, in dem die Normen
des humanitären Völkerrechts ungestraft missachtet werden“, sagte er
beispielsweise in einer Rede vor der UNO im Mai 2022.
## Nazi-Vorwurf als sowjetisches Narrativ
Dieser Nazi-Vorwurf gegenüber der Ukraine und ihrer Regierung ist
allerdings gar keine Erfindung der heutigen russischen Propaganda. Es ist
vielmehr ein Narrativ, das sich bis in die Sowjetzeit zurückverfolgen
lässt. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurden antisowjetische Aktivisten,
die sich für die Unabhängigkeit ihrer Länder einsetzten, zu den
„faschistischen“ Feinden der Sowjetunion gezählt.
Um genau diese Vorwürfe und russische Propaganda ging es am 7. und 8.
Oktober im westukrainischen Lwiw bei der Jahreskonferenz [2][des
Mykola-Haievoi-Zentrums für moderne Geschichte] unter dem Titel „Die
Politik des Nazi-Vorwurfs: Die Sowjetunion und die antisowjetischen
Nationalismen im Kalten Krieg“.
Das Zentrum ist eine von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
und der Ukrainischen Katholischen Universität (UCU) in Lwiw getragene
Forschungseinrichtung. Geleitet wird sie von den namhaften
Osteuropa-Historikern Martin Schulze Wessel [3][und Yaroslav Hrytsak].
Namensgeber Mykola Haievoi war ein Doktorand, der eigentlich hier hätte
forschen sollen. Gleich zu Kriegsbeginn hatte er sich freiwillig den
Ukrainischen Streitkräften angeschlossen. Er starb im August 2024 im Alter
von 28 Jahren während der Kämpfe in der Region Kursk.
## Deutsch-ukrainische Forschungspartnerschaft
Das Haievoi-Zentrum, das sich der Erforschung von Massengewalt im 20.
Jahrhundert widmet, wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie
und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. Um die deutsch-ukrainische
Forschungspartnerschaft zu stärken, hatte man dort bereits vor der
russischen Vollinvasion im Februar 2022 vier deutsch-ukrainische
„Exzellenzkerne“ ausgewählt.
Damit sollen Spitzenforschungsgruppen etabliert und der langfristige
wissenschaftliche Austausch zwischen Deutschland und der Ukraine gefördert
werden. Das Haievoi-Zentrum ist dabei die einzige geisteswissenschaftliche
Einrichtung. Die anderen drei sind im naturwissenschaftlichen Bereich
verortet.
Mit dem Krieg wurde einiges schwieriger, wie Direktor Schulze Wessel am
Rande der Konferenz erklärt. Eigentlich war auch geplant, dass ukrainische
Wissenschaftler*innen in München die deutsche Forschungslandschaft
kennenlernen. Auch die diesjährige Konferenz hätte in Deutschland
stattfinden sollen.
[4][Doch ukrainische Männer im wehrfähigen Alter dürfen aktuell ihr Land
nicht verlassen]. Und auch andersherum ist das Reisen problematisch. Zwar
toben die Kämpfe vor allem im Osten des Landes, aber auch andere
ukrainische Städte werden regelmäßig attackiert. Zwei Tage vor
Konferenzbeginn ist Lwiw wieder einmal Ziel russischer Drohnen und Raketen.
Die Konferenz auf dem modernen UCU-Campus am Rande des Stryjski-Parks,
einer der ältesten und schönsten Parkanlagen Lwiws, wurde glücklicherweise
nicht von russischen Angriffen gestört. Sicherheitshalber fand sie aber
trotzdem in einem auch als Luftschutzraum dienenden Saal im Untergeschoss
der Uni statt.
Mehr als zwanzig Wissenschaftler*innen aus der Ukraine und
Deutschland, aus Polen, Litauen, Ungarn und Norwegen, den USA, Kanada und
Australien, einige von ihnen online zugeschaltet, sprechen zum
Konferenzthema
## Erschreckende Parallelen zu heute
Die Vorträge sind sowohl erschreckend wie erhellend. Erschreckend sind vor
allem die vielen historischen Beispiele, die zeigen, wie alt diese
Moskau-Propaganda in Bezug auf die Ukraine schon ist. Erhellend ist, mit
welcher Kontinuität sie bis heute in immer neuen Spielarten ein Land und
seine Menschen weltweit zu verunglimpfen sucht.
In seiner Eröffnungsrede erklärt Kai Struve (LMU), schon am 24. Februar
2022 habe Putin mit einem klaren Verweis auf die Geschichte von Nazis in
der ukrainischen Regierung gesprochen. Dass er auch den Euromaidan in Kyjiw
2013/14 als „faschistischen Putsch“ bezeichnete, bediente latent vorhandene
Ideen in Westeuropa von den „faschistischen Ukrainern“. Das bezieht sich
vor allem auf die antisowjetischen ukrainischen Kräfte, die während des 2.
Weltkriegs teilweise mit dem faschistischen Deutschland kollaborierten und
an Verbrechen beteiligt waren. Bis heute hält sich darum auch in
Deutschland das Bild von den „ukrainischen Faschisten“.
## Unterschiedliche Feindbilder als „flexibles Propagandawerk“
Doch neben den Nazi-Vorwürfen tauchen in der sowjetischen Propaganda auch
verschiedene Feindbilder auf, die sich nicht auf reale Bedrohungen
beziehen, sondern immer „flexibles Propagandawerk“ und „primitive
Massenideologie“ sind, wie Mykhailo Mitsel (Joint Distribution Committee
Archives, New York) in seinem Vortrag „Kampagnen der ideologischen
Maschinerie der Sowjetukraine gegen den ‚weltweiten Zionismus‘“ ausführt.
Er sieht hier eine große Übereinstimmung [5][zwischen der antizionistischen
Hetzpropaganda der Sowjetzeit und der aktuellen russischen
Anti-Ukraine-Propaganda]. Beides sei Hasspropaganda gegen Feinde, die es so
in Wirklichkeit gar nicht gibt.
Um die Verbreitung von antiukrainischer Propaganda geht es auch in der
Präsentation von Liliana Hentosh (UCU) zur sowjetischen
Verleumdungskampagne gegen Andrej Scheptyzkyj. Der Metropolit der
Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche hatte im Zweiten Weltkrieg
Krieg unter anderem Juden versteckt und sich deutlich gegen den Holocaust
positioniert. Er hatte aber auch auch die deutschen Streitkräfte als
Befreier von der sowjetischen Herrschaft unterstützt. Kurz nach dem
Einmarsch der sowjetischen Armee in Lwiw 1944 starb Scheptyzkyj.
Schon bald begann eine gezielte Kampagne gegen die Kirche und besonders
gegen Scheptyzkyj. Priester wurden ermordet, Gläubige verfolgt. Schließlich
wurde die Griechisch-Katholische Kirche mit der orthodoxen zwangsvereinigt.
Eine ganze Reihe von Pamphleten und Büchern wurden geschrieben, um
Scheptyzkyj gezielt zu diffamieren. Erst 1989 wurde die
Griechisch-Katholische Kirche offiziell wieder zugelassen und damit
wandelte sich in der Ukraine der 1990er Jahren das Bild ihres früheren
Metropoliten. Historiker und Theologen befassten sich wissenschaftlich mit
ihm. Und 2015 wurde Scheptyzkyjs 150. Geburtstag schließlich in der ganzen
Ukraine gefeiert, man errichtete Statuen und benannte Straßen nach ihm.
## Sowjetische Diffamierungskampagnen im Ausland
Die sowjetischen Diffamierungen von Ukrainern als Nationalisten machten
auch an den Landesgrenzen nicht halt. Das stellt Oleksandr Avramchuk von
der Universität Warschau in seinem Vortrag über die „Sowjetische Kampagne
zur Diskreditierung des Harvard Ukrainian Research Institute“ dar. Das
Institut wurde 1973 am US-amerikanischen Harvard-Institut von dem
exil-ukrainischen Historiker Omeljan Pritsak gegründet. Erforscht wurden
dort Geschichte, Kultur, Sprache und Politik der Ukraine, womit es gelang,
die Ukrainistik in der amerikanischen Wissenschaft zu verankern. Gezielt
versuchten der sowjetische Geheimdienst und die CIA, das Institut und seine
Mitarbeiter zu bespitzeln und zu verleumden.
Und [6][Lubomyr Luciuk (Royal Military College of Canada)] berichtete in
seinem Vortrag „Desinformation aus der Sowjetzeit und mutmaßliche
Nazi-Kriegsverbrecher in Nordamerika“ von einer gezielten
Diffamierungskampagne des KGB mit der Behauptung, tausende ukrainischer
SS-Männer der Galizischen Division seien nach dem Krieg nach Nordamerika
geflohen.
Wie sich später herausstellte, gab es etwa 800 Fälle, der Verdacht gegen
die meisten Männer erwies sich jedoch als gegenstandslos.
[7][Russische Propaganda in allen Spielarten gibt es bis heute]. Dazu
reicht ein Blick in die Nachrichten. Wer sich mit ihrer Geschichte
beschäftigt hat, erkennt sie in der Gegenwart. Und lässt sich nicht von ihr
täuschen.
3 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Russlands-Ziele-in-der-Ukraine/!5853414
(DIR) [2] https://www.lmu.de/mhz/de/
(DIR) [3] /Ukrainischer-Historiker-ueber-Selenskyj/!6107766
(DIR) [4] /1322-Tage-Krieg-in-der-Ukraine/!6117712
(DIR) [5] /Lawrow-vergleicht-Selenski-mit-Hitler/!5844652
(DIR) [6] https://www.rmc-cmr.ca/en/political-science/dr-lubomyr-luciuk-professor
(DIR) [7] /Wie-Putin-die-Russen-indoktriniert/!6137248
## AUTOREN
(DIR) Gaby Coldewey
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