# taz.de -- Schreiner über Genügsamkeit: „Gut genug reicht“
> Große Sprünge konnte er nicht machen, und oft fehlte es Hartmut Pfaff am
> Nötigsten. Zufrieden ist der Schreiner trotzdem.
(IMG) Bild: Alles hat hier seinen guten und getischlerten Platz: Hartmut Pfaff in seiner Küche
Ein bisschen seltsam ist es für mich, in die Wohnung von Hartmut Pfaff zu
treten. Denn normalerweise ist es umgekehrt, da kommt er zu mir, um eine
Tür auszubessern oder Möbel zu reparieren. Nun stehe ich aber hier und
staune: Die Wohnung gleicht einem Museum, darin selbst gefertigte
Holzmöbel, seltene Fundstücke und andere Zeugnisse aus dem 70-jährigen
Leben des gelernten Schreiners.
Hartmut Pfaff: Ich selbst nenne das hier eine Installation, es ist wie eine
Erweiterung meiner Persönlichkeit.
taz: Hier scheint alles seinen Platz zu haben: Die Flasche da hat einen
eigens getischlerten Halter, die Bücher haben exakt auf sie zugeschnittene
Regale, die Schale mit den Zwiebeln wird von einer Lampe angestrahlt gleich
einem Stillleben.
Pfaff: Ja, hier hat alles System. Das Problem mit solchen Räumen ist nur,
dass andere Menschen da wenig Platz haben. Aber ich lebe ja jetzt allein
und empfange hier auch nicht mehr so viele Leute.
taz: Dort zwischen den beiden Holzpaneelen hören Sie wohl Musik.
Pfaff: Ja, die und die Lautsprecher sind so ausgerichtet, dass die Musik
den ganzen Raum erfüllt und ich von meinem Stuhl aus jedes Instrument ganz
genau hören kann. Meistens höre ich Klassik, aber ich höre natürlich die
ganze Musik meiner Generation, allerdings nichts, was über die achtziger
Jahre hinausgeht.
taz: Wo und wie sind Sie aufgewachsen?
Pfaff: Ich bin das dritte von fünf Kindern und komme ursprünglich aus dem
Hunsrück. Die Familie mütterlicherseits hatte dort eine Gastwirtschaft, das
war durchaus bürgerlich, aber mit finanziellen Einschränkungen. Wir sind
zweimal der Arbeit meines Vaters hinterhergezogen – er war bei einem
Versicherungsunternehmen –, erst in die Nähe von Koblenz und dann in den
Speckgürtel von Köln. Es wurde viel gelacht zu Hause, mein Vater hatte
einen ausgeprägten Humor. Was die Erziehung angeht, waren meine Eltern
Dilettanten, hatten also Freude an den Kindern. Ich war allerdings
problematisch.
taz: Wieso?
Pfaff: Anders als bei meinen älteren Geschwistern waren meine
Schulleistungen miserabel. Ich habe die Schule verweigert. In
Klassenarbeiten hab ich extra alles leer gelassen, damit man mir eine Sechs
geben muss. Und ich bin nur noch zu den Unterrichtsstunden gegangen, die
mich interessiert haben.
taz: Wie haben Sie sich die freie Zeit vertrieben?
Pfaff: Ich war immer schon sehr für frische Luft. Ich hatte damals schon
eine Freundin, Sabine, die wohnte im Nachbarort sechs Kilometer weiter,
dahin bin ich oft zu Fuß.
taz: Nachdem Sie von der Schule geflogen sind, haben Sie eine
Schreinerlehre begonnen.
Pfaff: Das war eigentlich nicht mein Plan, ich war ein verwöhntes
Mittelklassesöhnchen, wollte unter die Brücken von Paris. Aber für meine
Eltern war es unvorstellbar, dass ich nichts mache. Die Lehre fand ich
fürchterlich. Jeden Tag habe ich mich der Feigheit bezichtigt, weil ich
weitermachte. Ein halbes Jahr vor Ende habe ich meinen Eltern gesagt, dass
ich abbreche. Ich war gottfroh, diesen Satz endlich zustande gebracht zu
haben. Aber meine Freundin Sabine sagte zu mir: Wenn du auch nur den
geringsten Zweifel hast, dann mach das lieber fertig. Tja, und ich hatte
Zweifel – am nächsten Tag bin ich wieder hin. Meine Rettung war das
Gesellenstück, ein Tisch aus Vollholz, eine schöne Herausforderung. Mit dem
Gesellenbrief hatte ich dann endlich meine Ruhe. Schreinern wollte ich nie
mehr.
taz: Was haben Sie dann gemacht?
Pfaff: Für ein paar Jahre wohnte ich bei meiner Freundin und war ein
bisschen auf Baustellen unterwegs. Wenn ich Geld verdient habe, haben wir
das gleich in ein Restaurant getragen. Für mich hätte das so weitergehen
können. Da fragte mich mein Freund Tilman eines Tages, ob ich mit ihm nach
Irland fahren wolle. Ich erwiderte: Nein, ich sitze hier gut, der Kaffee
schmeckt, da oben ist ein mir angenehmes Röhrenradio. Was?, sagte Tilman
darauf, bist du jetzt schon so alt, dass du deinen Arsch nicht mehr
hochkriegst?
taz: Und das hat gezogen?
Pfaff: Ja. Wir sind zehn Tage durch Irland gereist, von Dublin nach Galway,
also einmal quer durchs Land, und ich dachte, ich hätte alles gesehen. Dann
fragte mich mein Freund: Wollen wir zu der Mutter meiner Freundin fahren,
einen Tee trinken? Ich dachte, wir fahren da 20 Minuten hin, aber es waren
anderthalb Stunden. Früher kam man auf der Straße von Dublin irgendwann auf
eine Kuppe, und wenn man da rüberfuhr, machte es pumm! Dann sah man vor
sich die Küste von Clew Bay und die Landschaft darum. Um meinen Zustand
besser zu beschreiben: LSD brauchte ich nicht mehr, diese Landschaft hat
mich so schon zugeballert.
taz: [1][In diese irische Grafschaft, County Mayo], sind Sie zwei Jahre
später ausgewandert, da waren Sie 23.
Pfaff: Vorher war ich noch zweimal dort, dann aber wusste ich: Hier kann
ich ankommen, das ist ein Umfeld, das mich formen kann. Um sich das
vorstellen zu können, muss man wissen, dass das Irland der Siebziger ganz
anders war, das war damals locker 20 Jahre hinter Deutschland zurück, von
der industriellen und der gesellschaftlichen Entwicklung her. Das ging da
alles noch sehr ländlich und bodenständig zu. Und das fand ich passend für
mich.
taz: Ich hab mir Bilder von der [2][Grafschaft Mayo] angeguckt: Man sieht
eine Felsenküstenlandschaft, unzählige Inseln inmitten des Atlantiks, dazu
saftig grüne Hügel mit Schafweiden und ein paar Bauernhöfen. Sehr
romantisch, oder?
Pfaff: Mit Romantizismus hatte das nichts zu tun, im Gegenteil. Der Bauer
ist ja ein Alleinunternehmer, der braucht Klarsicht für seinen Betrieb.
Wenn seine Frau nicht gesund ist, die Kuh krank oder das Wetter schlecht,
wenn der Markt absackt – das muss der alles mitbedenken. Auch haben die
Iren eine sehr direkte Art und können ihre Gedanken und Gefühle sehr sauber
ausdrücken. Das war mir sehr sympathisch.
taz: Ihre Freundin aus Köln, Sabine, ist Ihnen nach Irland gefolgt.
Pfaff: Ja. Wir sind extra im September ausgewandert, um gleich die
schrecklichste Zeit zu erleben, den Dauerregen und die Dunkelheit im
Winter. Viel schlimmer als in Köln war das aber gar nicht. Dass Frühling,
Sommer und Herbst auch manchmal ausfallen, wussten wir da noch nicht … Wir
waren voller Enthusiasmus und haben ein Haus gemietet, ganz in der Nähe von
Mrs Gibbons, bei der ich bei meinem ersten Besuch Tee getrunken hatte.
taz: Wie kann man sich den Ort vorstellen?
Pfaff: Unser Haus steht in Alleinlage, drei Kilometer vom nächsten Dorf
entfernt. Von dort geht es 20 Minuten bis auf den Hausberg. Der Blick von
da oben gehört für mich zu den schönsten Blicken auf der Welt. Man guckt
runter auf die Bucht Clew Bay und die Berge auf der anderen Seite. Zu einer
Seite guckt man auf eine Insel, Clare Island, ein Stück weiter ist noch
eine Insel, Inishturk. Man dreht sich um, guckt sich den Hausberg an,
Croagh Patrick. Wenn man sich noch weiter dreht, hat man die Kette der
Mweelrea Mountains vor sich mit dem vorgelagerten Flachland. Das an einem
schönen Tag – besser kannst du es nicht haben.
taz: Sie haben dort dann doch wieder als Schreiner gearbeitet.
Pfaff: Ja, ich habe in Irland 30 Jahre lang nur Möbel gemacht. Dort hat man
damals das alte Handwerk noch geschätzt. Rentiert hat sich das aber nicht.
Ich musste ja auch für meine Familie da sein, wir haben in kurzem Abstand
drei Kinder bekommen. Wenn es mal langweilig wurde oder meine Frau
gearbeitet hat – sie hat den Kindergarten im Dorf gegründet –, sind die
Kinder zu mir in die Werkstatt gekommen, die war nur 30 Meter entfernt. Ich
war immer eingebaut als Puffer. Das ging, ich konnte das Werkzeug ja
jederzeit fallen lassen.
taz: Das ist schön, aber sicher auch anstrengend.
Pfaff: Ich habe mal im Radio ein Interview mit einem Sportfunktionär
gehört, ein grundsolider Mensch, der auf eine wunderbare Karriere
zurückblickte. Das einzige Bedauern, das er hatte, war, dass er seine
Kinder nicht hat aufwachsen sehen. Darüber, dachte ich mir damals, werde
ich mich zum Glück nicht beschweren müssen. Auf der anderen Seite muss ich
aber auch zugeben: Das erste Mal, dass ich schwarze Zahlen in meinem Leben
geschrieben habe, also mich selbst erhalten konnte, war erst, als ich 63
Jahre alt war.
taz: Vorher haben Sie in ständiger Existenznot gelebt?
Pfaff: Ja. Ich sehe heute noch den Sachbearbeiter [3][der städtischen
welfare] vor mir, er hieß Tom. Wenn ich da wieder hinkam – mir war das
natürlich peinlich –, hab ich gesagt: Tom, ich glaube, das sieht jetzt
wieder nicht so gut aus. Und dann habe ich ihm die Zahlen rübergeschoben,
und er hat gesagt: Jesus Christ, Hartmut! Why didn’t you come earlier?! Er
hat sogar die Zahlung einen Monat zurückgebucht, so rot war das. Da seien
doch die Kinder, da müsste man sich doch drum kümmern. Das war das irische
System damals. Die wussten, mich fallen zu lassen, käme sie noch teurer.
Ich lief auf halber Sozialhilfe, die ganze Zeit. Eigentlich weiß ich gar
nicht, wie wir uns damals durchgebracht haben. Das Auto habe ich zum
Beispiel nie voll getankt. Ich hatte eigentlich kein Geld für ein Auto,
aber ich brauchte es ja, um zum Kunden zu kommen. Ohne ging es nicht.
taz: Auf Urlaub haben Sie sicher verzichten müssen.
Pfaff: Sabines und meine Familie haben beide unser Irlandprojekt
unterstützt. Jedes Jahr sind wir nach Deutschland gefahren, das haben die
bezahlt, einmal waren wir sogar auf Mallorca. Auch das Haus konnten wir
dank unserer Familien kaufen. Und auch andere Leute haben uns geholfen.
Sogar bei meinen Kindern hatte ich Schuldscheine, da ich denen kein
regelmäßiges Taschengeld zahlen konnte. Dann hatte jedes Kind ein Blatt
Papier mit einer Tabelle und Daten. Wenn die Woche vorbei war, dann kam da
ein Kreis hin, wo jetzt hätte bezahlt werden müssen. Und wenn dann die
Kundschaft irgendwann bezahlt hat, dann hab ich gesagt: „Kinder, action
time!“ Dann haben sie einen Haufen Geld bekommen.
taz: Sie erzählen das mit viel Humor. Lustig war das aber sicher nicht.
Pfaff: Das war unglaublich belastend. Meine Frau hat es irgendwann nicht
mehr ausgehalten und ging weg. Sie hatte eine Arbeitsstelle in Dublin
gefunden, später ist sie in die Schweiz. Ich hab das erst viele Jahre
später kapiert, durch was sie da durch ist, dass sie keine Worte dafür
gefunden hat, wie kreuzunglücklich sie war und wie dringend sie da
rausmusste, um nicht zugrunde zu gehen. Aber sie konnte gewiss sein, dass
die Kinder bei mir in guten Händen waren. Der Sohn war ja schon aus dem
Haus, und mit den Töchtern hatte ich eine super Zeit. Die Lösung war gut
für alle. Jetzt sind meine Töchter noch in Irland, mein Sohn lebt in
Deutschland. Ich besuche alle mitsamt Enkeln regelmäßig.
taz: Sie haben Irland 2009 verlassen, wie kam es dazu?
Pfaff: Im Sommer 2009 hat Tilmans Schwester ihren 50. in England gefeiert.
Eigentlich wollte ich gar nicht hin, aber sie bat um meine Anwesenheit. Ja,
und auf der Party war Viola. Da war sofort so ein Gleichklang zwischen uns.
Danach bin ich erst mal nach Hause und hab mich geschüttelt wie ein nasser
Hund. Und bin dann direkt zu ihr nach Berlin, um zu gucken, was passiert.
Und da stellte sich raus, das könnte was sein. Der Moment war auch perfekt:
Meine jüngste Tochter war gerade mit dem Studium fertig geworden und hatte
ihre erste Arbeit. Mein Auftrag als Vater war erfüllt.
taz: Das erfordert Mut, mit 55 noch mal neu zu starten.
Pfaff: Man sollte mich nicht für zu mutig halten. Ich hatte ja ein Haus in
Irland, konnte also jederzeit zurück. Außerdem hatte ich zu der Zeit eine
kleine Barschaft. Das heißt, ich konnte Berlin ausprobieren. Und das wollte
ich sehr gern. Wobei sich später die Frage stellte: Kam ich mit Viola vor
allem zusammen, weil ich so nach Berlin kommen konnte?
taz: Das würde ich auch gern wissen.
Pfaff: Meine älteste Tochter hat mal gesagt: Du hättest Viola gar nicht
kennengelernt, wenn sie nicht eine absolute Berlinpflanze wäre. Das war
Teil von eurem Gleichklang. Das stimmt. Ich wäre nie an einen anderen Ort
gegangen. Berlin ist anders als Deutschland, hier ist Luft und Platz für so
vieles. Irgendwas stimmt hier für mich.
taz: Was ist aus der Beziehung mit Viola geworden?
Pfaff: Also, ich hatte ja diese Barschaft, in Höhe von 16.000 Euro. Davon
gingen leider jedes Jahr 2.000 Euro ab. Denn obwohl ich gearbeitet habe,
haute mein Geld nicht hin. Jeder Psychologe wird sagen: Oh Gott, dieser
Abstieg ist schwer zu verkraften, ja gar nicht zu verkraften. Und dann
waren die letzten 2.000 vom Konto runter, und dann war ich over. Das ist
natürlich schlecht, sich in so einer Situation zu trennen. Aber so was
hängt zusammen, weil ich zu nichts mehr zu gebrauchen war. Wie die letzten
2.000 Euro weg waren, machte es puff zwischen uns beiden.
taz: Die Luft war raus.
Pfaff: Ja. Ich war drauf und dran, in meine Werkstatt zu ziehen, essen und
schlafen ging da irgendwie, das hätte mir gereicht. Aber das wollte Viola
nicht, ich sollte mir was Ordentliches suchen.
taz: So angeschlagen, wie Sie waren, muss das aber schwer gewesen sein.
Pfaff: Zum Glück hatte mir ein Kunde schon vor einer Weile von einer
Wohnung erzählt, die in diesem Haus hier frei war. Ich habe also keine
Wohnung gesucht, das Leben hat mir zugehört.
taz: Ich sehe, die vielen buddhistischen Bücher, die hier stehen, wurden
auch tatsächlich gelesen.
Pfaff: (lacht) Oh ja.
taz: Wenn man sich bei Ihnen umsieht, fragt man sich, warum Sie nicht
längst als gut bezahlter Holzmöbeldesigner für ein gut betuchtes
Kundensegment arbeiten.
Pfaff: Das Problem für mich ist, dass Menschen mit viel Geld oft nicht
sonderlich zu schätzen wissen, was sie haben. Da kommt zu viel rein, da
geht zu viel durch, das ist nicht meine Welt. Und die Leute ahnen das, die
wollen keine Möbel von mir. Ich bessere jetzt also meistens Türen und
Fenster in Altbauwohnungen aus. Das gefällt mir, ich mag den Kontakt zu den
Mietern.
taz: Und nach Feierabend hören Sie hier Musik.
Pfaff: Oder ich lese oder spaziere auf Youtube durch Kalkutta oder durch
eine andere Stadt. Mit guten Kopfhörern fühlt sich das an, als wäre ich
tatsächlich da! Aber ich gehe auch gern in Berlin spazieren. Wenn es das
Geld erlaubt, gönne ich mir ein Frühstück in einem Café.
taz: Sie sind äußerst selbstgenügsam.
Pfaff: Gut genug reicht. Das ist eine Lebenshaltung, die ich in Irland
kennengelernt habe. Wenn etwas gut genug ist, muss man nichts weiter
dazutun und kann zufrieden sein. Außerdem: Was heißt das eigentlich, „gut“?
Über diese Frage werden unsinnige Kriege geführt. Das ist mir zu
anstrengend.
14 Jan 2026
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