# taz.de -- Kommunalpolitikerin über neue Strategien: „Hey, hier fehlt komplett unsere Perspektive“
       
       > Sara Tadix war 16, als sie in ihrem Heimatort Kernen in den Gemeinderat
       > gewählt wurde. Als Stimme der Jugend versucht sie, Politik für alle zu
       > machen.
       
 (IMG) Bild: Sara Tadix im Bürgerhaus; sie ist Gemeinderätin für die Offene Grüne Liste in ihrem Heimatort Kernen im Remstal
       
       taz: Frau Tadix, Sie waren 16 Jahre alt, als Sie die Wahl gewonnen haben –
       und erst 15, als Sie vor anderthalb Jahren Ihren Wahlkampf gemacht haben.
       Wie müssen wir uns diesen denn vorstellen? 
       
       Sara Tadix: Klassisch mit Flyer verteilen und samstags auf dem Wochenmarkt
       am Wahlstand der Grünen stehen und dort versuchen, mit den Menschen ins
       Gespräch zu kommen. Mit am Start war immer meine große Regenbogentasche,
       ganz plakativ. Ich habe einfach Passant*innen angesprochen und gefragt:
       „Was beschäftigt Sie gerade?“ Viele waren total offen und sind oft zehn
       Minuten oder länger zum Reden stehen geblieben.
       
       taz: Haben Sie auch mal Unangenehmes erlebt? 
       
       Tadix: Ja, manchmal wurde ich einfach angebrüllt – „Scheiß Grüne!“ oder
       „Halt’s Maul!“ oder so. Das waren Leute, die danach schnell weitergegangen
       sind und kein Interesse an Diskurs hatten. Das waren Beschimpfungen, die
       nicht persönlich gegen mich gerichtet waren, sondern gegen unsere Partei.
       Einige Male kam es aber vor, dass auf den Wahlplakaten mit unseren Porträts
       nur mein Gesicht durchgestrichen war.
       
       taz: Angefeindet werden, das kann schon aufs Gemüt schlagen. Kam da nie das
       Gefühl: Das packe ich nicht, ich lasse das Ganze lieber? 
       
       Tadix: Nein, das hatte ich nie. Natürlich tat so etwas weh. Aber dann habe
       ich mir gesagt: Gut, dann hänge ich halt ein neues Plakat auf. Aufgeben
       wollte ich deshalb erst recht nicht.
       
       taz: Sie wussten, es erwarten Sie abendliche Gemeinderatssitzungen,
       Diskussionen über Bauanträge – warum tut sich das eine Teenagerin an? 
       
       Tadix: Ich habe mich schon früh politisiert; so mit zehn ging das los –
       über Tierschutz, Nachhaltigkeit und Fridays for Future. Als die
       Black-Lives-Matter-Bewegung groß wurde, hat mich das total beschäftigt –
       obwohl ich noch gar nicht alt genug war für Demos. Ich habe irgendwann
       verstanden: Politik ist Interessenvertretung. Davon war ich schnell
       fasziniert und bereit, auch die Interessen junger Menschen zu vertreten.
       
       taz: Politisiert wird ja überall. Aber wurde bei Ihnen zu Hause viel über
       Kommunalpolitik gesprochen? 
       
       Tadix: Na ja, meine Eltern haben oft aus ihrem Arbeitsalltag erzählt. Beide
       arbeiten inzwischen in der öffentlichen Verwaltung. Dadurch habe ich früh
       begriffen, dass eine Kommune nur funktioniert, wenn viele Menschen sich
       darum kümmern, dass die Dinge klappen – die Müllentsorgung beispielsweise.
       Aber auch die Beschaffung von Materialien, damit Leute einen Führerschein
       beantragen oder Wahlen durchgeführt werden können.
       
       taz: Wie sind Sie von diesem Verständnis zur Kandidatur gekommen? 
       
       Tadix: Ich hatte mit 15 Jahren ein BOGY gemacht, ein berufsorientierendes
       Praktikum bei einer Landtagsabgeordneten, die viel kommunalpolitisch
       arbeitet. Das hat mich total abgeholt, weil ich plötzlich gesehen habe, wie
       greifbar Politik vor Ort ist. Dann wurde ich von den Grünen eingeladen, in
       eine Gemeinderatssitzung in Kernen reinzuschauen. Ich saß da – und der
       Altersdurchschnitt lag bei 50, 60 plus. Die Leute dort haben über
       Zukunftsprojekte gesprochen, die mich in 60 Jahren immer noch betreffen
       werden. Und ich dachte mir: Hey, hier fehlt komplett unsere Perspektive,
       die Sicht der Jugend.
       
       taz: Wie haben die Leute im Gemeinderat darauf reagiert, dass dort eine
       15-Jährige kandidiert? 
       
       Tadix: Viele haben gefragt, ob ich nicht nach einem Jahr wieder weg wäre.
       Oder ob ich mir nicht ein bisschen viel zutraue. Aber es gab auch die, die
       gesagt haben: „Cool, dass du das machst.“
       
       taz: Und zu Hause? 
       
       Tadix: Meine Familie hatte zunächst Bedenken, weil ich bald mein Abi mache
       und viel ehrenamtlich unterwegs bin. Aber als klar wurde, dass ich das
       wirklich will, haben mich alle unterstützt – meine Eltern, mein Bruder.
       Ohne diesen Rückhalt wäre das nicht gegangen.
       
       taz: Und Gleichaltrige? 
       
       Tadix: Da gab’s in der Schule auch Sprüche wie: „Du spinnst ja komplett.“
       Manche kamen mit meinem Flyer auf mich zu und haben gesagt: „Meinst du das
       ernst?“ Ich habe dann geantwortet: „Ich meine das genauso, wie es in dem
       Flyer steht.“ Richtig reden wollten die aber meistens gar nicht. Das konnte
       ich nicht wirklich nachvollziehen und fand es einfach schade.
       
       taz: Hatten Sie auch Rückhalt in Ihrem Freundeskreis? 
       
       Tadix: Ja, und dafür bin ich meinen Freund*innen wirklich dankbar. Meine
       Freundesgruppe ist total politisch, und wir gehen immer wieder gemeinsam
       auf Demos. Tatsächlich hat ein guter Freund von mir damals auch für den
       Gemeinderat in seiner Stadt kandidiert und ein anderer ist jetzt
       Zweitkandidat für die kommende Landtagswahl. Wir unterstützen uns, so gut
       wir können – gegenseitig. Manchmal durch nächtliche Meetings, um die beste
       Formulierung zu finden, oft aber durch einfaches Zuhören.
       
       taz: Ist Ihnen im Gemeinderat „Adultismus“ begegnet, also diese
       Von-oben-herab-Art à la „Dafür bist du noch zu jung“? 
       
       Tadix: Ja, einmal gleich am Anfang fragte mich einer im Gemeinderat, ob ich
       mich hier im Ort auf die Straße kleben wolle, so Letzte-Generation-mäßig.
       Ich dachte mir: Meint er das ernst?
       
       taz: Was haben Sie da geantwortet? 
       
       Tadix: So etwas wie: „Und du bist hier, um Parkplätze zu organisieren, oder
       wie?“ Ich war von anderen Gemeinderätinnen vorgewarnt worden: Lass dir
       nichts gefallen. Wenn dir einer blöd kommt, trau dich ruhig, tough zu
       antworten. Danach war das Thema auch abgeschlossen. Ich erfahre aber öfter,
       dass die sachliche Meinung einer jungen Person gewünscht ist, auch wenn sie
       nicht zur eigenen passt. Dementsprechend sachlich und respektvoll versuche
       ich auch meinen Mitgemeinderät*innen zu begegnen.
       
       taz: Mit welcher Fraktion in Ihrem Gemeinderat tun Sie als Grüne sich am
       schwersten? Sind Ihre politischen Gegner automatisch die CDU oder die FDP? 
       
       Tadix: Nicht zwingend. Natürlich gehen unsere Lösungsansätze inhaltlich oft
       weit auseinander, was politisch regelmäßig zu Diskussionen führt, aber wir
       teilen in den Grundsätzen eine gemeinsame Realität. Es gelingt uns also,
       konstruktiv zu streiten. Allerdings sind in unserem Gemeinderat die
       Vertreter von zwei Bündnissen, die durch die Coronapandemie sehr geprägt
       wurden, sodass sie staatlichen und wissenschaftlichen Institutionen stark
       misstrauen. Bei ihnen ist im Abstimmungsverhalten oft eine Dagegen-Haltung
       zu spüren, das macht eine Zusammenarbeit schwierig.
       
       taz: Im Gemeinderat kann man nicht dasselbe fordern wie auf der Straße. Wie
       erleben Sie die politische Arbeit bisher? 
       
       Tadix: Kommunalpolitik ist Kompromisspolitik. Ich würde sagen: Ungefähr 80
       Prozent meiner Vorschläge werden nicht so umgesetzt, wie ich sie einbringe.
       Aber das gehört dazu. Ich erlebe die Arbeit trotzdem als total konstruktiv.
       Wir müssen ja gemeinsam beschließen, was für den Ort funktioniert.
       
       taz: Wo mussten Sie mal ordentlich Abstriche von Ihren Vorstellungen
       machen? 
       
       Tadix: Beim „Quartier der Zukunft“, einem Neubauprojekt, das vor meiner
       Zeit begonnen wurde. Da mussten wir mehr Autostellplätze schaffen, weil auf
       derselben Fläche aufgrund des Drucks auf dem Wohnungsmarkt mehr
       Wohneinheiten geschaffen werden mussten als zunächst angedacht. Ich hätte
       lieber mehr Carsharing mitgedacht, aber wir konnten den Stellplatzschlüssel
       nicht einfach ändern. Und das Projekt musste weitergehen.
       
       taz: Ältere planen Städte oder Kommunen natürlich aus einem ganz anderen
       Lebensgefühl heraus. 
       
       Tadix: Ja, viele Gemeinderäte machen Kommunalplanung aus ihrem eigenen
       Lebensmodell heraus. Wenn jemand Wohlstand immer mit Einfamilienhaus, Auto
       und Stellplatz vor der Tür verbunden hat, dann denkt er Wohlstand und
       Normalität in diesen Kategorien.
       
       taz: Mussten Sie schon Kompromisse mit sich selbst schließen? 
       
       Tadix: Ja, das hatte ich auch schon – bei der Straßenbeleuchtung etwa.
       Eigentlich würde ich gerne manche Straßen weniger stark beleuchten, um die
       Insekten zu schützen. Gleichzeitig sorgt Licht aber für Sicherheit – viele
       Menschen, gerade FLINTA*-Personen, fühlen sich sicherer, wenn sie Straßen
       oder Unterführungen einsehen können.
       
       taz: Als stellvertretende Fraktionsvorsitzende sitzen Sie automatisch auch
       im Ältestenrat. Das klingt irgendwie lustig. 
       
       Tadix: Ja, und vielleicht auch widersprüchlich. Gleichzeitig ist es
       wichtig, dass die Perspektive meiner Generation auch bei den
       Vorbesprechungen Gehör findet und nicht erst am Ende einer Debatte
       dazukommt. Beispielsweise bei der Haushaltskonsolidierung erscheint es mir
       vor dem Hintergrund meiner Zukunft nicht widersprüchlich, dass ich mitrede,
       wo Abstriche gemacht werden sollten und wo nicht, sondern unbedingt
       notwendig.
       
       taz: Gibt es eine positive Veränderung in Ihrem Ort, die wirklich Sie
       angestoßen haben? 
       
       Tadix: Ja. Es gab hier eine Bushaltestelle, direkt gelegen zwischen einem
       Altenheim und einem Diakoniehaus. Kernen ist ein großer Diakoniestandort.
       Es steigen dort also viele Menschen ein, die eine Behinderung haben. Die
       Haltestelle war aber nicht barrierefrei. Ich saß einmal im Bus und
       beobachtete, wie tatsächlich acht Männer versuchten, eine Person in einem
       Elektrorollstuhl in den Bus zu heben. Da dachte ich mir: Das kann doch
       nicht sein. Ich habe das Thema in den Gemeinderat eingebracht. Inzwischen
       ist die Haltestelle barrierefrei umgebaut. Das hat mich richtig glücklich
       gemacht.
       
       taz: Wie konnte es passieren, dass erst Sie den Mangel an dieser Stelle
       erkannt haben? 
       
       Tadix: Ich war früher in einer inklusiven Schule, das hat mich für die
       Hürden sensibilisiert, die sich vor Menschen mit Behinderung aufbauen. Wenn
       man damit keine Erfahrung gemacht hat, sieht man die Hindernisse gar nicht.
       Ich glaube, in vielen Gemeinderäten wird nach wie vor für die Norm geplant.
       
       taz: Und die Norm ist was? 
       
       Tadix: Für viele ist sie der gesunde, weiße Mann, der ökonomisch
       wohlsituiert ist und nicht Bus, sondern Auto fährt.
       
       taz: Konnten Sie sich auch beim Thema Klima einbringen? 
       
       Tadix: Ja. In unserem Rathaus war es im Sommer oft unfassbar heiß, weil
       alles verglast ist. Manche wollten eine Klimaanlage einbauen. Unser
       Vorschlag: Lasst uns eine Spiegelfolie anbringen und Bäume pflanzen. Das
       wurde umgesetzt. Es funktioniert, ist viel kostengünstiger und spart
       Energie.
       
       taz: Wenn Sie nicht in Sitzungen oder in der Schule sind – wo findet man
       Sie dann? 
       
       Tadix: Meistens beim Musikmachen oder Tanzen. Am liebsten mache ich aber
       zweimal die Woche Karate und habe in unserem Verein auch eine Kindergruppe
       unterrichtet, seitdem ich den grünen Gürtel habe.
       
       taz: Was mögen Sie an Kampfsport? 
       
       Tadix: Für mich ist er Ausgleich und Förderung zugleich. Ich kann mich im
       Training nach einem langen Tag erholen und merke, dass ich einfach den Kopf
       frei bekomme. Außerdem ist es ein sehr integrativer Sport. Sobald wir den
       Gi tragen – also unseren Anzug –, sind wir alle Karateka, egal woher wir
       kommen. Der Gürtel zeigt nur, wie viel Erfahrung jemand hat.
       
       taz: Sie sind Teil der queeren Community und tragen an Ihrem Revers einen
       Button mit der Regenbogenflagge und dem Satz: „Jesus had two Dads and he
       turned out fine.“ Haben Sie einen Bezug zur Kirche? 
       
       Tadix: Ja, ich bin queere Protestantin. Für mich bedeutet der Glaube aber
       nicht, einfach fromm mit dem Kopf zu nicken, sondern er ist für mich ein
       sicherer Raum, um zu zweifeln und Dinge zu hinterfragen. Dazu habe ich auch
       die Konfirmand*innen ermutigt, die ich betreut habe.
       
       taz: Wie fanden Sie es, dass die [1][Bundestagspräsidentin Julia Klöckner]
       auf dem Evangelischen Kirchentag 2025 sinngemäß sagte, sie halte es nicht
       für sinnvoll, wenn Kirchen sich wie eine weitere NGO zur Tagespolitik
       äußerten? 
       
       Tadix: Erschreckend. Für mich war das der Versuch, der Kirche in
       politischen Themen den Mund zu verbieten und ihre Stimme aus aktuellen
       Debatten herauszudrängen. Aber ich fand die Reaktionen der Menschen in den
       Kirchen total schön, weil viele gesagt haben: Ganz sicher mischen wir uns
       weiterhin in die Politik ein. Das ist superwichtig, weil Kirchen ein Teil
       unserer demokratischen Kultur sind. Es sind Orte, in denen Menschen sich
       noch trauen, ins Gespräch zu kommen. Im Kulturcafé unserer Pfarrei sammle
       ich beispielsweise viel Erfahrung mit Menschen unterschiedlicher Herkunft.
       
       taz: Spielt Ihr Glaube in der Politik eine Rolle? 
       
       Tadix: Nein. Glaubensbekenntnisse haben in der Politik nicht viel zu
       suchen. Glaube ist kein politisches Argument. Denn Politik muss für alle
       Menschen da sein. Aber es gab politisch aktive Pfarrerinnen und Pfarrer,
       die mich im Wahlkampf super unterstützt haben und gesagt haben: „Hey,
       mach!“ – auch öffentlich. Das hat mir viel bedeutet und mich total ermutigt
       weiterzumachen.
       
       taz: All diese Ehrenämter – was treibt Sie an, sich so in die Gesellschaft
       einzubringen? 
       
       Tadix: Hoffnung. Und der Wunsch nach Veränderung. Wenn wir nichts tun,
       verändert sich nichts. Das Gegenteil von Stillstand ist nicht meckern,
       sondern sich einbringen – und dafür auch mal streiten.
       
       taz: Können Sie sich vorstellen, später einmal für den Landtag zu
       kandidieren? 
       
       Tadix: Ja, möglicherweise schon. Aber dafür ist es gut, Erfahrung im
       Kommunalen zu sammeln. Man versteht dadurch viel besser, was die
       Landespolitik den Städten und Gemeinden an Aufgaben zumuten kann und was
       besser nicht. Außerdem erfahre ich so, was demokratisches Streiten heißt –
       wie wichtig es ist, andere Meinungen ernst zu nehmen und gegenseitig
       Kompromisse zu akzeptieren.
       
       3 Jan 2026
       
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