# taz.de -- Spielfilm „Der Fremde“ nach Albert Camus: Nichtstun und Rauchen
       
       > François Ozon hat Albert Camus’ Existenzialismus-Klassiker „Der Fremde“
       > verfilmt. Er macht die Kälte des Protagonisten trotz sengender Sonne
       > greifbar.
       
 (IMG) Bild: Zusammen getrennt: Raymond (Pierre Lottin), Meursault (Benjamin Voisin) und Marie (Rebecca Marder) in „Der Fremde“
       
       Einen solchen Menschen würde man heute wohl psychopathisch nennen. Oder
       narzisstisch, oder machiavellistisch, oder gleich alles drei.
       Menschlichkeit und Empathie scheinen ihm jedenfalls abzugehen: In der
       zweiten Hälfte von Albert Camus’ Roman „Der Fremde“ beschimpft der
       Ich-Erzähler Meursault, der wegen des Mordes an einem Algerier im Gefängnis
       von Algier sitzt, einen Priester. „Was schert mich der Tod der anderen, was
       die Liebe einer Mutter. Was schert mich Gott, was das Leben, das man sich
       wählt“, sagt er, und bezeichnet sich als „glücklich“, nachdem der
       erschrockene Gottesmann ihn verlassen hat.
       
       Damit er sich „weniger allein“ fühlt, wünscht er sich nur noch eines: „Am
       Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer, die mich mit Schreien des Hasses
       empfangen.“
       
       Es ist der unbarmherzige Ton von Camus’ in knappen Sätzen verfasster
       Geschichte, die das Buch 1942 zu einem düsteren [1][Bestseller des
       Existenzialismus] machten. Die von Meursault immer wieder deutlich
       ausgedrückte Absage an das Leben wirkt in François Ozons neuer
       Kinoadaption, der zweiten nach Luchino Viscontis Fassung aus dem Jahre
       1967, ebenso ungeheuerlich und faszinierend wie im Originaltext. Denn
       obwohl Meursault (Benjamin Voisin) auf seine Gefühllosigkeit und auf die
       Sinnlosigkeit seiner Existenz pocht, bleiben seine körperlichen Sinne
       hochaktiv.
       
       Sie schwingen in den wunderbar plastischen, kühlen Filmbildern des
       belgischen Kameramanns Manuel Dacosse mit, tummeln sich auf der
       orchestralen Tonspur der kuwaitischen Komponistin Fatima Al Quadiri und
       vibrieren in den enigmatisch-leeren Blicken des attraktiv ketterauchenden
       Hauptdarstellers. Ozons Drama ist ein Spiel der Referenzen und Andeutungen.
       
       Der 58-jährige Regisseur würdigt und zitiert die Methode des 1906 (sieben
       Jahre vor Camus) geborenen Visconti, der die Homoerotik des Stoffs subtil
       in die verschleierten Blicke der jungen Araber, in ihre nachlässig
       hingeworfenen Körper legte, und in einem in Badehose auf einer Terrasse
       stehenden Mannsbild ein klassisches Foto seines zeitweiligen
       Lebensgefährten, des wegweisenden Modefotografen Horst P. Horst zu channeln
       schien.
       
       ## Nihilistischer Blick in die Welt
       
       Zudem wirkt die Tatsache, dass Ozon seinen Film (anders als Visconti) in
       Schwarz-Weiß inszeniert, selbst wie eine Referenz. Einerseits unterstützt
       das retrograde Bild die Verankerung der Story in den späten 30er Jahren und
       passt stilistisch zu den Wochenschauausschnitten, in denen zu Anfang des
       Films die Besetzung Algeriens durch die Kolonialmacht Frankreich
       verdeutlicht wird. Andererseits unterstreicht es die Kälte und Distanz,
       jene nihilistische „Farblosigkeit“, mit der Meursault in die Welt blickt.
       
       Denn die Ferndiagnose als jemand mit den Charaktermerkmalen der „dunklen
       Triade“ (Psychopathie, Narzissmus, Machiavellismus) ist zwar modern, muss
       aber nicht von Bedeutung sein: [2][Bei den Filmfestspielen von Venedig im
       Sommer 2025, wo Ozon seinen Film erstmals vorstellte], sprach er davon,
       dass ihn genau das Ungewisse in Meursaults Charakter, das
       Nichtkategorisierte interessiert – und dass sein Film keine nachhaltige
       Analyse anbieten wolle.
       
       Vom undurchschaubaren Franzosen Meursault, der im unter der Sommersonne
       ächzenden Algier vom Tod seiner ihm entfremdeten Mutter erfährt, erzählt
       Ozon nach seinem eigenen Drehbuch. Mit geliehenem Trauerflor begibt sich
       Meursault per Bus ins Altenheim, in dem die Mutter seit Jahren lebte. Bei
       der Totenwache nickt er ein und teilt sich danach mit einem Angestellten
       Zigarette und Kaffee; bei der Beerdigung folgen nur wenige alte Menschen
       dem Sarg, eher zufällig erfährt Meursault, dass seine Mutter einen neuen
       „Freund“ hatte: Anders als ihr Sohn schien sie sich für ein Leben mit
       Beziehungen entschieden zu haben.
       
       ## Ein gleichmütiger Tagedieb
       
       Wieder in Algier, beginnt Meursault am nächsten Tag ein oberflächliches
       Verhältnis mit seiner ehemaligen Kollegin Marie (Rebecca Marder). Man geht
       schwimmen, ins Kino, sonnenbadet, und hat in Meursaults kleiner, von
       Straßenlärm erfüllter Wohnung faulen Sex am Nachmittag. Auf Maries Frage,
       ob er sie liebe, antwortet Meursault ausweichend.
       
       Voisin gelingt in seiner Rolle eine so überzeugende Mischung aus
       Anziehungskraft, Geheimnis und Verachtung, dass man Marie, die von Marder
       (und Ozon) ungleich vieldimensionaler und ausdrucksstärker angelegt wurde
       als das stetig kichernde „Objet du désir“ bei Visconti, die Zuneigung für
       den gleichmütigen Tagedieb absolut abnimmt.
       
       Wenn Marie nicht bei ihm ist, verbringt Meursault die schwülheißen Tage mit
       noch mehr Rauchen und Am-Fenster-Sitzen. Er hört und sieht, wie ein alter
       grindiger Nachbar (Denis Lavant) in Hassliebe mit einem alten grindigen
       Hund lebt, und hilft einem weiteren Nachbarn, dem aggressiven Zuhälter
       Raymond (Pierre Lottin) dabei, einen Brief an eine arabischstämmige Frau zu
       schreiben, die von Raymond später misshandelt wird.
       
       Ihr Bruder und ein weiterer Mann folgen daraufhin Raymond, Meursault und
       Marie bei einem Ausflug an einen Strand, wo es später unter der sengenden
       Sonne zu jener Szene kommt, die den Roman in zwei Teile teilt – und Höhe-
       und Endpunkt der Sinnsuche des Ich-Erzählers darstellt: Meursault erschießt
       den jungen Araber, weil, wie er später behauptet, die Sonne ihn blendete.
       
       ## Keine Hoffnung auf Vergebung
       
       Im Gefängnis, wo er zunächst in einer Gemeinschaftszelle verwahrt wird,
       offenbart er weiter Gleichgültigkeit gegenüber sich selbst, Bekannten,
       Anwälten und Richtern. Nach juristischen Vernehmungen, der Verhandlung und
       einem langen Gespräch mit einem Priester (Swann Arlaud) über Ethik und
       Glaube führt Meursaults Weg unaufhaltbar an den Ort, den die sich als
       moralisch wahrnehmende, empörte Gemeinschaft für Mörder vorgesehen hat: an
       den Galgen. Der Fokus jenes letzten Dialogs liegt bei Visconti wie bei Ozon
       auf der Aussage Meursaults, nicht an Gott zu glauben – und sich damit einer
       Hoffnung auf Vergebung zu entziehen.
       
       Die Zwischentöne des Romans, die vom Rassismus und Klassismus der
       Kolonialmacht künden und damit einer Öffentlichkeit, die den Mord an einer
       Person of Colour letztlich als weniger verabscheuungswürdig als Meursaults
       uneinsichtiges Verhalten danach einstuft, sind bei Ozon deutlicher als bei
       Visconti. Der namenlose „Araber“ bekommt von ihm bewusst einen Namen –
       Moussa Hamdani; überhaupt scheinen die Algerier:innen den „Fremden“,
       den Franzosen stetig zu beobachten, sein Verhalten zu tangieren.
       
       Zugleich gibt Ozon seinem Film eine bestechende Haptik. Er ist ganz
       Algierduft und Geräusche, ganz Nichtstun und Rauchen, ganz flimmernde
       Hitze, flatternde Gardine, zerknüllte Laken und (schwarz-weiße) Sonne. Was
       bei Visconti mit dem immer stärker am Leib klebenden Hemd des
       Hauptdarstellers [3][Marcello Mastroianni] und dessen zweifelndem Geblinzel
       gezeigt werden sollte, ist bei Ozon und Voisin mit einem abschätzend-fernen
       Blick des Protagonisten getan.
       
       Wenn man bei Visconti mitschwitzte, so erschauert man bei Ozon. Die Kälte
       trotz Sonne greifbar zu machen, ist eine der großen Stärken des Films. Dass
       Ozon als Abspannmusik [4][The Cures würdigen Existenzialistenhit „Killing
       an Arab“] lizensieren konnte, führt die Stimmung passend zu Ende.
       
       „Der Fremde“, der weniger selbstgewählter und damit fühlender Nihilist,
       sondern eher ein von der Gesellschaft, ihren Sentimenten und
       Moralvorstellungen entfremdeter Mensch ist, ganz egal ob mit oder ohne
       klinischen Befund, rückt einem so erschreckend nah auf die Pelle.
       Schließlich sind Männer, die rücksichtslos handeln, die Frauen rein
       körperlich wahrnehmen und sich ihrer Straftaten nicht schämen, momentan auf
       dem Erfolgskurs.
       
       30 Dec 2025
       
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