# taz.de -- Erschießung von Renee Nicole Good: Hilflose Empörung und Verweis auf ein Gedicht
       
       > Nach den tödlichen Schüssen in Minneapolis starrte man fassungslos auf
       > seinen Bildschirm. Trumps Leute bauen sich ihre eigene Wirklichkeit.
       
 (IMG) Bild: Mahnwache für Renee Nicole Good in Seattle
       
       Wie viele Tage gab es jetzt schon, an denen man entgeistert auf einen
       Bildschirm starrte und es schier nicht fassen konnte?
       
       An diesem Tag starrte man erst auf einen Namen, dann auf einen Link,
       [1][dann auf ein Gedicht.] Kraftvolle Verse, fremde auch, auch wenn der
       Anfang schlicht und stark ist: „I want back my rocking chair / solipsist
       sunsets / & coastal jungle sounds …“ Aber man hatte jetzt nicht die Ruhe,
       dem sorgsam nachzuhören.
       
       Dann starrte man auf diese kurzen Handyvideos. Ein Wagen steht da. Ein
       anderer Wagen nähert sich. Männer steigen aus, gehen auf den ersten Wagen
       zu, der erste Wagen fährt an. Bewegungen unter den Männern, im Laufe des
       Tages sieht man die Szene aus unterschiedlichen Perspektiven, von der einen
       Seite, der anderen Seite, verlangsamt, mit und ohne Erklärungen, immer
       wieder. Der Wagen will wegfahren. Schüsse fallen. Eine Frau schreit und
       flucht. Der Wagen knallt in ein parkendes Auto.
       
       Dann starrt man auf Kommentare. Viele geben der Fahrerin die Schuld;
       andere, auch viele, halten dagegen. Vance, wie er von Selbstverteidigung
       des ICE-Beamten spricht. Kristi Noem, wie sie von einem „act of terrorism“
       spricht, wie sie behauptet, die Fahrerin habe aus ihrem Auto eine Waffe
       machen wollen. Die New York Times aber auch, die das Bild für Bild
       widerlegt und ganz genau erläutert, dass der Wagen von dem Beamten
       wegfahren wollte – die Stellung der Vorderräder ist eindeutig –, und der
       Beamte gezielt auf den Kopf der Fahrerin geschossen hat, auch das ist
       eindeutig.
       
       ## Angst leider allgegenwärtig
       
       Man starrt dann auch auf die empörten Statements von Menschen, die das
       alles nicht fassen können, so wie man selbst nicht. Der Bürgermeister von
       Minneapolis, der die Trump-Version, ICE habe in Notwehr gehandelt, als
       „Bullshit“ bezeichnet.
       
       Der [2][Präsident der Old Dominion University,] auf der die Erschossene
       Creative Writing studiert hat und für ihr Gedicht einen Preis bekommen hat:
       „Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Angst und Gewalt in unserem
       Land leider allgegenwärtig geworden sind.“
       
       Der [3][Redakteur des Onlinemagazins Lithub,] der auf das Gedicht
       hingewiesen hat: „Das ist ein Mord bei hellem Tageslicht, offensichtlich
       und brutal.“ Man gibt ihnen allen recht, spürt aber auch die Hilflosigkeit
       hinter diesen klaren Worten. Man teilt diese Hilflosigkeit. Es ist ja
       wirklich alles evident. Aber was nützt das schon? Evidenz schützt einen
       nicht. Trumps Leute bauen ihre eigene Wirklichkeit.
       
       Und irgendwann starrt man wieder auf das Gedicht. Am Schluss heißt es da:
       „life is merely / to ovum and sperm / and where those two meet / and how
       often and how well / and what dies there.“ Der Tag war der 8. Januar 2026.
       Der Name war Renee Nicole Good.
       
       9 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://poets.org/2020-on-learning-to-dissect-fetal-pigs
 (DIR) [2] https://www.odu.edu/article/a-statement-president-brian-o-hemphill-phd
 (DIR) [3] https://lithub.com/renee-nicole-good-murdered-by-ice-was-a-prize-winning-poet-heres-that-poem/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dirk Knipphals
       
       ## TAGS
       
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