# taz.de -- ICE-Opfer Renée Nicole Good: Störung der Totenruhe mit KI
       
       > Das Internet wird geflutet mit Szenen der von einem ICE-Agenten
       > erschossenen Renée Nicole Good. Bilder, die Raum für Trauer ließen,
       > gingen dabei unter.
       
 (IMG) Bild: Nach der tödlichen Schießerei auf Renee Nicole Good durch einen ICE-Beamten in Minneapolis, am 7. 1.2026
       
       Unzählbar, wie viele Versionen von der [1][Erschießung Renée Nicole Goods]
       durch einen ICE-Agenten am 7. Januar in Minneapolis ich in den vergangenen
       Tagen in meinen Feeds gesehen habe: reale Bilder und fiktive,
       dokumentarisch anmutende und völlig überzeichnete. Szenen, die vermeintlich
       dabei helfen sollen, das Geschehen zu rekonstruieren, und solche, die es
       hemmungslos fiktionalisieren.
       
       Da lässt man zum Beispiel Goods Frau in einem KI-Video ihre Schuld gestehen
       oder heftet ihr ein „Got My Wife Killed For TikTok“-Abzeichen an. Schon
       diese Boshaftigkeit stößt bitter auf, wären da nicht noch die Bilder der
       Verstorbenen selbst: KI-generierte „Fotos“, die Good sexualisieren, indem
       man sie – wie bei Grok üblich – in einem so knappen Bikini darstellt, dass
       ihre übergroß generierten Brüste vom Stoff kaum zu halten sind.
       
       In einem anderen Video lässt man Good erst erschießen und dann direkt aus
       dem Fahrersitz ins Fegefeuer fallen. Der Kommentar dazu? „Renée Good:
       Verurteilt zur Hölle wegen versuchten Totschlags mit einem Fahrzeug.“ Ob
       das ironisch oder zynisch gemeint ist? Vermutlich beides.
       
       ## Raum für das Undarstellbare
       
       In der Kunstgeschichte ist der tote Körper ein Ort der Kontemplation. Man
       denke nur an die Tradition von Pietà-Darstellungen oder an Jacques-Louis
       Davids „Tod des Marat“. Der Leichnam verlangt Innehalten und Andacht.
       Manchmal ist der Tod auch nur als Abwesenheit darstellbar: In der
       dokumentarischen Fotografie wurden immer wieder die Hinterlassenschaften
       Verstorbener ins Bild gesetzt – abgetragene Schuhe, Lippenstifte,
       Kleidungsstücke –, um durch das, was zurückbleibt, an jene zu erinnern, die
       nicht mehr da sind.
       
       Solche Bilder lassen Raum für das Undarstellbare, für die Trauer. Auch im
       Fall Good gab es derartige Bilder: ein Foto vom Handschuhfach ihres Autos,
       in dem das Spielzeug ihrer Kinder liegt. Ein Foto vom blutigen Kopfaufsatz
       des Fahrersitzes. Doch sie gingen in der Menge von KI-generierten Inhalten
       unter, die sie immer wieder neu verlebendigten.
       
       In den letzten Tagen wurde viel lamentiert, dass man jetzt endgültig keinen
       Bildern mehr trauen könne. Ob echte Dokumentation oder pure Fiktion, alles
       kann zum Material der ohnehin viel folgenreicheren Hyperinterpretationen
       werden, die in Memes oder Analysevideos unterbreitet werden. Alles ist
       Bullshit geworden, nichts mehr ist unumstritten real. Oder etwa doch? Ja,
       denn: Die Effekte der Bilder sind real. Die Häme ist real. Die politische
       Instrumentalisierung ist real.
       
       ## Es sind nicht einfach „nur“ Bilder
       
       Vielleicht denken sich einige: Es sind doch nur Bilder! Wie real kann der
       digitale Bildkörper schon sein? Nun, der digitale Bildkörper ist real,
       insofern er sozial eingebunden ist und sich in einer Öffentlichkeit bewegt.
       Er bewirbt sich auf Jobs, er datet, er wird erkannt, beurteilt, begehrt,
       verachtet. Er wird gepflegt, kuratiert, verteidigt. Warum? Weil wir wissen,
       dass das, was ihm widerfährt, auf uns zurückfällt.
       
       Rufschädigung kann [2][über Bilder erfolgen,] Deepfake-Pornos können
       [3][echte Leben zerstören.] Und auch Trauerbekundungen finden über digitale
       Bildkörper statt, über geteilte Fotos mit Hashtags, die wie Grabkerzen
       funktionieren. Dass es „nur“ Bilder und dass diese „nur“ digital sind,
       ändert nichts an der Wirksamkeit. Sie sind Teil des sozialen Gefüges, das
       Realität herstellt.
       
       Das Strafrecht kennt den Tatbestand der „Störung der Totenruhe“. Geschützt
       werden Leichname, Überreste, Grabstätten. Geschützt werden sollen das
       Andenken und die Würde des Toten, sowie das Pietätsgefühl der Angehörigen.
       
       Aber was ist mit dem digitalen Bildkörper? Was im Fall von Good geschieht,
       ist eine Störung der Totenruhe mit neuen Mitteln. Die Störung der Totenruhe
       wird hier jedoch gerade nicht gebremst, schon gar nicht bestraft, sondern
       in memifzierbaren Aussagen und tendenziösen Deutungen der Ereignisse in
       Bildern und Texten von den obersten Repräsentanten der US-Regierung sogar
       noch angeheizt. Das ist schon lange kein Spiel mehr, das ist eine
       politische Realität, die selbst den Tod zu bloßem Content erklärt. Er ist
       nicht mehr Endpunkt, sondern Ausgangspunkt.
       
       13 Jan 2026
       
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