# taz.de -- Weihnachten im Westfield Center: Wo sind die toten Bauarbeiter?
> Beim Bau der Luxus-Mall in der Hamburger Hafencity sind sechs Arbeiter
> gestorben. Die taz macht sich auf die Suche nach der Plakette, die an sie
> erinnert.
(IMG) Bild: Alles leuchtet am Hamburger Westfield Einkaufszentrums im Dezember 2025: Aber wo ist die Gedenkplakette?
Rot leuchtet der Name des neuen Einkaufszentrums in der Hamburger Hafencity
über dem Eingang: Westfield. Überhaupt leuchtet es. Die riesige Mall
besteht aus mehreren Häusern, Plätzen und Wegen. Bildschirme weisen den
Weg. QR-Code scannen, „Sie suchen?“ Die Gedenkplakette für die gestorbenen
Arbeiter aber, sie steht nicht auf der Liste des Wegweisers, nicht unter
Entertainment, nicht unter Kultur.
Vor dem Eingang bestellt eine Frau an einer Holzbude zu ihren Pommes
Trüffelsoße. Seit November ist hier Weihnachtsmarkt, „nordische Winterwelt
mit skandinavischem Flair“. Der Eintritt ist frei. Zwei Securitys mit
Fleecemützen lehnen an einem überdimensionierten Geschenk aus Plastik mit
Schleife und rauchen. Im Schatten hinter zwei Buden isst ein Mann in
Warnweste, mit weißem Helm auf dem Kopf, eine Bratwurst.
Das Westfield ist noch nicht fertig. Es hat im April nach acht Jahren
Bauzeit eröffnet, wird aber im Hintergrund weiter ausgebaut.
Drinnen weisen Schilder zum Geschenkeeinpackservice. Ein junger Mann lehnt
an einer Balustrade, die mit Lichterketten behangen ist, und telefoniert.
„Da ist ein Pulli dabei, den find’ ich richtig geil“, sagt er und kniet
sich neben eine Tüte am Boden, „Hose ist von Joop, Schuhe sind von Boss.“
Um ihn herum tragen Menschen Tüten.
## Mindestens sechs Arbeiter starben auf der Baustelle
Beim Bau dieses „XXXL-Einkaufszentrums“ sind mindestens sechs Menschen
gestorben. Die Leute, die hier Weihnachtsgeschenke kaufen, können natürlich
nichts dafür.
Warum eigentlich „mindestens“? Das Wort taucht immer wieder in Artikeln
auf. Die Gewerkschaft für Bauen Agrar und Umwelt (IG Bau) geht, erklärt
Ilja Clemens Melzer von der Gewerkschaft, von einer Dunkelziffer an
schweren Unfällen aus, die sich auf der Großbaustelle ereignet haben. Wenn
die tödlich enden, seien sie zwar schwer zu vertuschen. Man weiß es
trotzdem nicht genau.
Pünktlich zum Beginn der Vorweihnachtszeit fahren mehr U-Bahnen in die
Hafencity als vorher, wirbt das Westfield auf seiner Website. Praktisch.
Man kann aber auch mit dem Kreuzfahrtschiff kommen, das am Kai vor dem
Eingang anlegt, so wie Mrs Johnson, 69, aus Kent in England. Sie ist sehr
freundlich und findet es hier lovely, reizend. Sie wusste noch nichts von
den Toten auf der Baustelle. Es sei zwar beautiful, aber sicher nicht sechs
Menschenleben wert, oder? Ihr Begleiter trägt eine Cappy von Calvin Klein
und schweigt.
Es gibt hier den teuren Markenklamottenladen Breuninger, aber auch
Fastfashion bei H&M. Wenn Leute sich über das Westfield beschweren, dann
zum Beispiel deswegen. Auf dem Onlineforum Reddit schreiben sie: „Könnte
auch die Einkaufsstraße von Wuppertal sein.“
Im zweiten Stock sitzen drei Frauen auf einer Bank und essen gebratene
Nudeln aus der Box. Liz, Nina und Helge sind 71, 61 und 64 und kennen sich
von der Arbeit. Seit zwei von ihnen in Rente sind, hätten sie endlich Zeit,
die Stadt kennenzulernen. Hier sind sie zum ersten Mal. „Wir ham uns das
vorgenommen“, sagt Nina, „und sind hellauf begeistert“. Sie loben den
Schmuck und die Lichter, schön dezent, die Lage, atemberaubend, und die
frische Luft im Center, angenehm. Von der Plakette haben sie noch nicht
gehört, sie würden sie sich aber auf jeden Fall anschauen.
## Die Plakette liegt gegenüber vom Fondue im Holzfass
Im Erdgeschoss gibt es eine Rezeption in einem Glaskasten. Die Person, die
am Schalter arbeitet, weiß nichts von einer Plakette. Ein Security, der das
Gespräch mitbekommt, sagt, wenn man hinten aus dem Gebäude rausgehe, ganz
raus, hinter der Lego-Giraffe links, bis ans Wasser. Da gebe es Steine und
alles mögliche Gedenken. Seine Beschreibung führt zum im Mai eingeweihten
Denkmal für einen Tatort des Völkermords an den Sinti und Roma aus
Norddeutschland im Nationalsozialismus, den Fruchtschuppen. Nicht zur
Plakette für die Arbeiter.
Dabei gibt es die sogar auf Google Maps. Sie liegt direkt gegenüber von
einem Restaurant, bei dem man in einem beheizten Holzfass Fondue essen
kann. Also man selbst sitzt im Holzfass, nicht das Fondue.
Die Plakette findet man aber nur, wenn man direkt vor ihr steht, und weiß,
wonach man sucht. Auf einer von mehreren Holzbänken, neben dem
Kreuzfahrtschiffsanleger sind zwei rechteckige Metallschilder angebracht.
Davor sitzen Demhat, 17, und Aidan, 16. Sie kämen öfter her. Die Plaketten
für die Arbeiter in ihren Rücken seien ihnen noch nicht aufgefallen. Man
hätte besser eine Statue oder so bauen sollen, was, was man nicht übersehen
kann, sagt Demhat. „Oder wenigstens ein Lichtspot.“ Die Schilder hinter
ihnen liegen im Dunkeln.
## Das ZDF sendet seine Silvestershow 2025 von hier
Wenn man sich über die Bank beugt oder mit dem Handy leuchtet, kann man
lesen: „Ort des Gedenkens und der Besinnung. Zum Gedenken an die fünf
Bauarbeiter, die am 30. Oktober 2023 bei einem tragischen Baustellenunfall
ihr Leben verloren haben. Mögen sie niemals in Vergessenheit geraten und
die Erinnerungen an sie lebendig bleiben.“ Auf der zweiten Tafel steht der
gleiche Text auf Englisch. Der Arbeiter, der 2022 starb, wird nicht
erwähnt.
Die [1][Freie Arbeiter*innen Union (FAU) Hamburg fordert schon länger
ein Denkmal] im Haupt-Eingangsbereich, das die Angehörigen mitgestalten.
Die Plaketten an der Bank wurde überhaupt nur auf Druck der
Jugendorganisation der IG Bau installiert, am Vortag der großen Eröffnung
im April. Es war ein sehr kleiner Kreis. Das Management lud dazu keinen
einzigen Angehörigen ein.
In diesem Jahr sendet das [2][ZDF seine Silvesterpartyshow] nicht aus
Berlin, sondern genau von hier, wo die Bank mit den Plaketten steht. Es
soll eine schwimmende Bühne geben. Auf eine Anfrage der taz, ob die
Bedeutung des Ortes und die tödlichen Unfälle bei der Wahl des Ortes
berücksichtigt wurden, schreibt das ZDF: „Grundsätzlich begegnen wir als
öffentlich-rechtlicher Sender jedem Veranstaltungsort und seiner Geschichte
verantwortungsvoll, die Thematik wird in der Show aber nicht explizit
angesprochen.“
In einer früheren Version des Artikels stand, dass die Familien der
verstorbenen Arbeiter nicht von deutschen Behörden kontaktiert worden
seien. Das ist falsch: Die Berufsgenossenschaft Bau steht mit den
Angehörigen in Kontakt.
22 Dec 2025
## LINKS
(DIR) [1] https://hamburg.fau.org/deutsch/2024/11/06/keine-weiteren-toten-fuer-die-luxus-mall-2/
(DIR) [2] /Silvester-in-Berlin/!6131297
## AUTOREN
(DIR) Amira Klute
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