# taz.de -- Maßnahmen gegen Jugendgewalt in Berlin: Der lange Atem nach dem Knall
> Drei Jahre ist es her, dass Angriffe auf Rettungskräfte an Silvester eine
> Debatte lostraten. Es gab Geld für Prävention, aber geht es auch weiter?
(IMG) Bild: Besuch im Feuerwehrauto im Rahmen des Wahlpflichtfachs „Retten und Schützen“
Eltern in Berlin bekamen vor den Ferien Post von der Polizei. In dem Brief,
den die Behörde über die Schulen verschickte, heißt es: „Seien Sie und ihr
Kind Vorbild für alle anderen, zeigen Sie, dass Silvester auch ohne Gewalt
Spaß machen kann.“ Die Polizei listet darin Regelungen für den
Jahreswechsel auf und weist darauf hin, dass es eine Straftat ist, wenn
Feuerwerk andere (auch ungewollt) verletzt. Sie appaliert zudem auf
Postings über Knallerei zu verzichten: „Keine Gewalt im Netz“.
Der Brief ist Teil einer Strategie, mit der Berlin seit dem Jahreswechsel
2022/23 und der folgenden [1][Debatte über Jugendgewalt] Silvester
befrieden will. In der Neuköllner High-Deck-Siedlung war nach Böllerwürfen
ein Reisebus unter einem Wohnhaus ausgebrannt. An verschiedenen Orten
flogen Feuerwerksraketen und Böller auf Polizist*innen und
Feuerwehrleute. [2][38 Personen] waren [3][festgenommen worden].
Nachdem die erste große – und [4][dank CDU-Namensabfrage teils rassistisch
motivierte Empörung] – verklungen war, kam der Ruf nach Konsequenzen. Die
damals Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) und ihr Nachfolger
Kai Wegner (CDU) luden zu insgesamt drei „Gipfeln gegen Jugendgewalt“. Rund
107 Millionen Euro flossen in rund 30 Maßnahmen, die das Miteinander
fördern sollten, darunter Sportangebote, Schul- und Jugendsozialarbeit und
Familienförderung. Die Mittel waren verteilt über drei Jahre. Kai Wegner
sagte damals: „Prävention ist ein Marathon, kein Sprint.“ Er und Giffey
betonten auch, dass die Maßnahmen nachhaltig sein sollten, dass die
Anti-Gewalt-Prävention also strukturell gestärkt werden solle, nicht nur
einmalig.
Doch wieviel ist wirklich langfristig verankert? Konkret: Wenn Berlin nun
im Januar ins dritte Jahr nach den Krawallen startet, wie viel wird
weiterhin gegen Jugendgewalt getan?
„Sehr Vieles“, sagt Falko Liecke (CDU). Er ist seit 2023 Staatssekretär für
Jugend und Familie und war maßgeblich an der Umsetzung beteiligt. „Das, was
in den letzten Jahren entstanden ist, soll fortgeführt werden“, sagt er,
das seien nahezu alle Maßnahmen. Das bekräftigt auch seine Kollegin Kerstin
Stappenbeck, Abteilungsleiterin für Jugend und Kinderschutz. „Die
Projektpartner haben die Maßnahmen damals schnell und mit viel Energie
aufgebaut“, sagt sie. Die Senatsverwaltung hat die Maßnahmen mit positivem
Ergebnis evaluiert. Die Verwaltung gibt an, dass sie rund 92.500 junge
Menschen erreicht hat, darunter gelten 55 Prozent als armutsbetroffen und
65 Prozent sind männlich.
Allerdings gibt es auch hier jedes Jahr für die Projekte eine Phase, in der
eben nicht klar ist, ob die Politik die Mittel tatsächlich wieder
[5][bereitstellt]. Auch in den aktuellen Haushaltsdebatten sah es teils so
aus, als ob Projekte von Kürzungen bedroht sind. Obwohl also alle
Beteiligten die Maßnahmen loben – darunter Feuerwehr, Jugendhilfeträger und
Bezirke – unterliegen sie vielfach weiter den Projektförderlogiken, die
sich jeweils auf ein Jahr beziehen.
## Jugenddelinquenzteams strukturell verankert
Tatsächlich gelungen ist die strukturelle Verankerung bei den
Jugenddelinquenzteams. Das sind in der Gewaltprävention geschulte
Jugendsozialarbeiter*innen, [6][die Jugendliche, die mehrfach mit Gealt
aufgefallen sind, nach dem sogenannten Neuköllner Modell betreuen].
Voraussetzung ist, dass die Eltern Polizei und Jugendamt vom Datenschutz
entbinden. Wenn der junge Mensch auffällt, tauschen sich die beteiligten
Stellen sofort aus und die Sozialarbeiter*innen haken direkt nach.
Diese Teams sind nun in allen Bezirken fest angestellt und dadurch
langfristig gesichert.
Erfolgreich waren der Mitternachtssport, also Sportangebote abends, nachts
und am Wochenende. Oder Fußballspiele, gemeinsame Feste und Workshops von
Jugendlichen zusammen mit Feuerwehrleuten. Auch dieses Jahr werden
Jugendclubs wieder Silvesterparties mit den Jugendlichen machen oder mit
ihnen wegfahren.
Über die Gelder gegen Jugendgewalt sind inzwischen in allen Bezirken
mindestens zwei Streetwork-Teams aufgebaut, Sechs sind es gar in Mitte.
Außerdem gibt es Teams, die gegen Schuldistanz vorgehen. „Es war uns
wichtig, dass alles, was mit Jugendlichen entstanden ist, fortgeführt
wird“, sagt Stappenbeck. „Wir haben Zielgruppen erreicht, die wir bisher
nicht ausreichend im Fokus hatten“, betont sie. Und Liecke betont den
Kontakt zu Eltern. „Wir kommen darüber auch an die Familien ran, die sonst
schwer erreichbar sind“, Das sei wichtig. „Denn wie Gewalt auch hat
Schuldistanz seine Gründe“, sagt er.
Janis Tappe koordiniert das [7][Kiezprojekt der Feuerwehr], bei dem
Jugendliche etwa mit Feuerwehrleuten Fußball spielen, sich für gemeinsames
Kochen treffen oder auch Erwachsene die Wache besuchen. Außerdem führen sie
vor Silvester Workshops zu sicherem Böllern durch. An einer Schule in
Neukölln läuft „Schützen und Retten“ als Wahlpflichtfach. Das Projekt sieht
Tappe als großen Erfolg „auf unterschiedlichen Ebenen“, sagt er.
Anwohner*innen und Feuerwehrleute treffen sich außerhalb von Einsätzen,
also außerhalb von Stress-Situationen“, sagt er. Diese Kontakte auf
Augenhöhe erzeugten mehr Verständnis für das Gegenüber.
Ihre Arbeit sei etabliert und wird im kommenden Jahr weiter finanziert.
„Bisher machen die Kollegen das zusätzlich zu ihrer Arbeit und bekommen
dafür einen Freizeitausgleich“, sagt Tappe. „Um es langfristig zu sichern,
bräuchte es für diese Arbeit feste Stellenanteile und Koordinatoren.“ Dazu
müsste in Berlin wohl auch das Gesetz angepasst werden, weil die Feuerwehr
hier – anders als in anderen Bundesländern – keinen gesetzlichen
Präventionsauftrag hat.
Staatssekretär Liecke erklärt, dass die Senatsverwaltung sich für
Änderungen bei den Zuwendungen einsetzt. „Wenn wir sehen, dass diese zur
Infrastruktur und Stärkung der Maßnahmen vor Ort beitragen, wir so Kinder,
Jugendliche und Familie auf Augenhöhe und nachhaltig erreichen, dann können
wir auch über längere Zeiträume fördern“, sagt er. Für die Träger bedeute
das auch Planungssicherheit.
„Darauf, Projekte über mehrere Jahre zu fördern, könnten sich wohl alle
einigen“, sagt Klara Schedlich, Sprecherin für Jugend- und Sportpolitik der
Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. „Es ist rechtlich kompliziert, aber
die Verwaltung hätte da auch schon weiter sein können“, sagt sie. „Mein
Eindruck ist, dass die CDU über die Gelder auch verfügen können will, je
mehr gebunden sind, desto weniger ist das möglich.“ So habe die CDU
politische unliebsame Träger nun aussortieren können. Schedlich kritisiert,
dass wieder erst kurz vor Jahresende feststeht, wer wie weitergefördert
wird. „Präventionsarbeit beruht in der Jugendhilfe auf langfristigen
Beziehungen. Wenn die Arbeitsbedingungen so unsicher sind, dass die
Mitarbeiter*innen sich wegbewerben, funktioniert das gerade in
belasteten Vierteln nicht“, sagt sie.
21 Dec 2025
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## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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