# taz.de -- Präventionsarbeit vor Silvester: How to Böller
> Streetworker und Feuerwehrleute klären Jugendliche über die Gefahren
> illegalen Böllerns auf. Ziel ist es auch, gegenseitiges Verständnis zu
> fördern.
(IMG) Bild: Was von einer Hand übrigbleibt bei legalen und illegalen Böllern
Flammen lodern aus Mülleimern, Barrikaden versperren die Straße, immer
wieder fliegen Böller, Pyrotechnik und Feuerlöscher auf das
Einsatzfahrzeug. Dann greifen maskierte Männer den Wagen an und rauben ihn
aus. Die Scheibe eines weiteren Einsatzautos wird mit einer
Schreckschusspistole eingeschossen. „Das kann Menschenleben kosten“, sagt
Jonas Grimmer. „Wir wollen in der Silvesternacht Verletzten helfen, aber
werden massiv behindert.“
Die Aufnahmen stammen aus vergangenen Silvesternächten in Berlin. Der
Feuerwehrmann zeigt sie an diesem Dezemberabend im Rahmen eines
Aufklärungsworkshops zur sicheren Nutzung von Feuerwerk. In den Wochen vor
Silvester ziehen Streetworker des Jugendhilfeträgers Outreach durch die
Bezirke und klären zusammen mit Feuerwehrleuten der jeweiligen Wachen über
Risiken und Konsequenzen des Böllerns sowie über die Arbeit der
Einsatzkräfte auf. Das Ziel: „Wir wollen Brücken bauen“, sagt
[1][Streetworker Burak Caniperk]. Den Kids erklärt er: „Wir sind alle coole
Leute und nicht gegeneinander.“
[2][Entstanden ist das Projekt als Reaktion auf die Krawalle in der
Silvesternacht 2022/23.] Damals hatten Jugendliche in der
High-Deck-Siedlung in Neukölln einen Reisebus in Brand gesetzt. Als die
Feuerwehr eintraf, versperrten ihnen brennende Mülltonnen den Weg.
Einsatzkräfte wurden mit Steinen, Flaschen, Feuerwerkskörpern und
Schreckschusspistolen attackiert. Der Einsatz musste zunächst abgebrochen
werden, die Flammen griffen auf darüberliegende Wohnungen über.
Auf drei Gipfeln gegen Jugendgewalt wurden später Maßnahmen beschlossen,
etwa mehr Sozialarbeit an Schulen sowie Workshops für Jugendliche mit
Feuerwehr und Rettungsdiensten. Neben Pyroworkshops bieten sie auch Besuche
auf den Wachen an, Erste-Hilfe-Kurse für Eltern, Boxtraining im
Fitnessstudio der Wache sowie gemeinsame Koch- oder Grillabende. Die
Jugendlichen sollen den Arbeitsalltag der Feuerwehr kennenlernen, die
Feuerwehrleute die Lebensumstände der Jugendlichen. Seit Herbst 2023 fanden
rund 200 Veranstaltungen statt, an denen etwa 11.000 Jugendliche und ihre
Eltern teilnahmen. Finanziert wird das Projekt über Gewaltgipfelgelder.
## Schöneberger Steinmetzkiez ist Böllerverbotszone
Im Jugendclub Villa Schöneberg haben sich an diesem Abend rund 30
Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren versammelt – ausschließlich Jungs.
Sie sitzen in dem gelbgestrichenen Raum und schauen gebannt auf die
Leinwand. Über ihnen sind Girlanden gespannt, auf einem Buffet liegen Chips
und Gummibärchen, Spezi-Flaschen und Mandarinen.
„Wir wollen euch nicht belehren oder euch etwas verbieten, sondern
entspannt auf Augenhöhe quatschen“, sagt Christian-Marc Hans – für die Kids
heute „Hansi“. Der 33-Jährige ist seit 8 Jahren als Feuerwehrmann tätig,
Jonas Grimmer seit 11 Jahren – beide in der Wache in Schöneberg. „Wir haben
in der Silvesternacht so viel zu tun, wie in keiner anderen Nacht im Jahr“,
erklärt Grimmer: Rund 1.900 Einsätze seien es in 12 Stunden. Die
Ausschreitungen hätten in den letzten Jahren zugenommen, so der 34-Jährige.
Der Steinmetzkiez gehört neben dem Alexanderplatz, der Neuköllner
Sonnenallee und der Kreuzberger Admiralsbrücke zu den Böllerverbotszonen.
In Schöneberg war vergangenes Jahr eine Kugelbombe gezündet worden. Sieben
Wohnhäuser im Umkreis von fast 100 Metern waren betroffen, 36 Wohnungen
zunächst unbewohnbar. Fünf Menschen wurden verletzt.
„Das hat sich angefühlt wie ein Erdbeben“, erinnert sich ein Jugendlicher,
der berichtet, in der Nähe gewesen zu sein. Ein anderer möchte wissen:
„Werden Jugendliche, die mit illegalem Feuerwerk rumballern, verhaftet?“
Streetworker Burak Caniperk erzählt: „Ein Jugendlicher, den ich kenne, hat
in einer Nacht so viel Kacke gebaut, dass es sein ganzes Leben
beeinträchtigt. Was Halligalli an Silvester war, wird sein Leben lang
Konsequenzen haben.“
Verständnis für die Einsatzkräfte
Hans und Grimmer geben Einblicke, wie die Feuerwehr sich auf die Nacht
vorbereitet, wie viel Unterstützung sie von Johannitern und der
freiwilligen Feuerwehr erhalten und gibt Tipps zu Erster Hilfe bei
Verletzungen. Chipstüten knistern, Spezis zischen, die Kids lauschen den
Feuerwehrmännern aufmerksam – und empfinden Verständnis für die Lage der
Einsatzkräfte. „Die haben einen Dachschaden“, sagt ein Junge über
Jugendliche, die Feuerwehrleute angreifen. Bei der Polizei könne er es ja
noch verstehen, aber bei der Feuerwehr? Die wolle ja bloß helfen.
Hans und Grimmer erklären: Es sei inzwischen eine eigene Währung. „Die Kids
wollen cool sein und schaukeln sich über Insta-Videos gegenseitig hoch.“
Diese Einschätzung teilt auch Marvin Uzoma, Streetworker bei Outreach:
„Durch Social Media hat sich das Problem verschärft. Jüngere gucken sich
das Verhalten bei den Älteren ab und ahmen es nach, weil es vermeintlich
cool aussieht“, erklärt er. Uzoma spricht sich dafür aus, entsprechende
Inhalte in sozialen Netzwerken stärker zu regulieren oder zu verbieten.
Andere gehen einen Schritt weiter und fordern ein Böllerverbot. [3][Die
Petition Böller Ciao fordert in einem offenen Brief mit inzwischen fast
900.000 Unterschriften, ein bundesweites Verkaufs- und Abrennverbot von
Pyrotechnik.] Initiiert wurde die Petition von einem breiten Bündnis aus
über 50 Organisationen. So weit sind die Kids in Schöneberg noch nicht: Man
solle Böller nicht verbieten, aber die Grenzen besser kontrollieren, sind
sie sich einig. Denn die meisten illegalen Böller werden importiert, etwa
aus Polen oder Tschechien.
Die Feuerwehr erklärt den Kids, wie man legale von illegalen Böllern
unterscheidet und welche Strafen bei illegalem Feuerwerk drohen. Wer nicht
zertifizierte Böller zündet, muss mit Bußgeldern von bis zu 50.000 Euro
oder sogar einer Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren rechnen. Auch das
Abbrennen außerhalb der erlaubten Zeiten ist strafbar. In mehreren Bezirken
gilt die Regelung, dass Pyrotechnik nur zwischen 18 Uhr am 31. Dezember und
7 Uhr am 1. Januar abgebrannt werden darf.
Bevor sie es endlich knallen lassen, zeigen Hans und Grimmer den
Jugendlichen ungeschönt welche Verletzungen, vor allem durch illegale
Böller, entstehen können: abgerissene Hautfetzen, zertrümmerte Knochen,
Verbrennungen, Erblindungen und deformierte Hände, die nicht mehr als
solche zu erkennen sind. Die Jugendlichen halten sich erschrocken Hände vor
Mund und Augen. Bei jedem neuen Bild geht ein Raunen durch die Reihen.
Im Garten des Jugendklubs können die Kids sich die Hände anschließend live
anschauen. Hans und Grimmer haben Böller in Gummihände gesteckt, die sie
ferngesteuert zünden – legale und illegale. Der zugelassene Böller erzeugt
einen lauten Knall, die Hand ist zerfetzt, aber alle Finger noch dran. Der
nicht zertifizierte Böller „Dumbum“ knallt doppelt so laut, Finger wirbeln
durch die Luft und landen zehn Meter entfernt von der komplett zerfetzten
Hand. „Jetzt verstehe ich, warum meine Mutter mir nicht erlaubt, an
Silvester rauszugehen“, murmelt ein Junge.
31 Dec 2025
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## AUTOREN
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