# taz.de -- Ausstellung über die „verbotenen Kinder“: Einer von ihnen heißt Volkmar „Hannes“ Harwanegg
       
       > Im NS-Regime sollten Deutsche keine Beziehungen mit Zwangsarbeitern und
       > Kriegsgefangenen eingehen. Doch mindestens 20.000 Kinder kamen zur Welt.
       
 (IMG) Bild: Hannes Harwanegg ist eines der „verbotenen Kinder“
       
       Es hängt da ein Bild, darauf ein Herr in rotem Hemd. Volkmar Harwanegg,
       genannt Hannes, steht in der Ausstellung als Beispiel für einen Menschen,
       den es nicht hätte geben dürfen, wäre es nach den Vorstellungen der Nazis
       gegangen. Denn Harwanegg ist das Kind einer österreichischen Mutter und
       eines ausländischen Zwangsarbeiters. So etwas war verboten. Auf den Tafeln
       neben seinem Foto wird Harwaneggs Geschichte erzählt.
       
       Kaum beginnt man zu lesen, wird das Foto daneben höchst lebendig. Harwanegg
       ist nämlich in persona zur Ausstellungseröffnung nach Berlin-Schöneweide in
       die Baracke Nummer fünf gekommen und steht in seiner eigenen Schau. Wozu
       noch lesen, wenn der Mann da ist? Und Harwanegg beginnt zu erzählen.
       
       Der 81-Jährige ist aus Wien angereist, wo er auch geboren wurde, damals
       1944, als Österreich Teil des „Großdeutschen Reiches“ war. Als Volkmars
       Erinnerungen beginnen, ist der Krieg aus. Einen Vater hat er nicht, und die
       Mutter Elisabeth verbietet jedes Gespräch zu dem Thema, fängt an zu weinen.
       Aber warum hat er so dunkle Haare?
       
       Irgendwann, da ist der Bub zehn Jahre alt, rutscht es einer Tante heraus,
       dass der kleine Volkmar sehr wohl einen Vater hat. Aber der sei ein
       Zwangsarbeiter aus Griechenland gewesen und längst wieder in der Heimat.
       Thema beendet.
       
       ## Kinder, die auf der Suche nach ihren Vätern sind
       
       [1][„Trotzdem da!“ heißt die Ausstellung], die die Gedenkstätte im
       niedersächsischen Sandbostel erstellt hat und die nun im Berliner
       Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zu Gast ist. Es geht um das lange
       beschwiegene Thema der unehelichen Beziehungen zwischen Zwangsarbeitern und
       deutschen Frauen in der NS-Zeit – und um die Folgen: Kinder, die auf der
       Suche nach ihren Vätern sind.
       
       4,6 Millionen ausländische Zwangsarbeiter und 8,5 Millionen Kriegsgefangene
       mussten ab 1940 die zur Wehrmacht eingezogenen deutschen Männer bei der
       Arbeit ersetzen. Entsprechend seiner rassistischen Logik unterschied das
       NS-Regime zwischen ihnen. Niederländer etwa galten als dem deutschen Volk
       „rassisch“ ähnlich. Polen und Menschen aus der Sowjetunion wurden als
       slawische „Untermenschen“ qualifiziert.
       
       Eine Beziehung zu einer Deutschen war in jedem Falle verboten, doch waren
       die Konsequenzen höchst unterschiedlich. Die Frauen wurden bei einer
       Entdeckung in ein KZ eingewiesen. Allerdings ließ man im Fall eines
       holländischen Mannes auch einmal Milde walten.
       
       Männern aus Osteuropa drohte die Todesstrafe – und wurde auch vollstreckt.
       „Wer mit einer deutschen Frau oder einem deutschen Mann geschlechtlich
       verkehrt oder sich ihnen sonst unsittlich nähert, wird mit dem Tode
       bestraft“, warnte ein Handreichung zu den „Polen-Erlassen“ 1940. „Ein
       Butterbrot – ein Jahr Gefängnis, ein Kuss – zwei Jahre Gefängnis,
       Geschlechtsverkehr – Kopf ab“, fasste der Präsident des Kölner Landgerichts
       Walter Müller die Strafandrohungen zusammen.
       
       ## Die Fragen bleiben
       
       Volkmar Harwanegg fragt wieder und wieder nach dem Vater und erhielt keine
       Antwort. Als Erwachsener geht er für die Sozialdemokraten in die Politik.
       Die Fragen bleiben. Er kontaktiert die griechische Botschaft in Wien, fragt
       bei den Bürgermeistern von Wien und Thessaloniki nach – ohne Ergebnis.
       
       Mindestens 20.000 solch „illegitime“ Kinder wurden bis 1945 geboren. Etwa
       3.500 deutsche Frauen sind für ihre Liebe in das KZ Ravensbrück eingewiesen
       worden. Viele Frauen hat man zur Abtreibung gezwungen. Viele Männer wurden
       gehenkt, oft in den letzten Kriegstagen.
       
       Die Liebe der Mutter von Volkmar Harwanegg zu dem Zwangsarbeiter blieb
       unentdeckt, obwohl sie über drei Jahre lang dauerte. Er musste wie alle
       „Displaced Persons“ nach Kriegsende in seine Heimat zurückkehren. Nach dem
       Tod der Mutter findet Harwanegg Reste von Briefen des einst Geliebten aus
       den 1950er Jahren. Die Mutter hatte fast alle vernichtet. Aber es gibt
       einen Umschlag – und darauf ein Name: Georgios Pitenis.
       
       Andere Kinder suchen bis heute nach ihren Vätern. Die Ausstellung ist
       biografisch orientiert und zeigt die Schicksale von Familien, die keine
       werden durften. Manche Väter verweigerten den Kontakt. Andere blieben
       unauffindbar. Wieder andere waren von den Nazis ermordet worden. Viele
       Geschichten gingen nicht so gut aus wie die von Volkmar Harwanegg.
       
       Der macht 2006 gerade Urlaub auf der Insel Korfu, als sich ein Mitarbeiter
       der griechischen Botschaft meldet. Man habe den Vater in der Nähe von
       Thessaloniki gefunden, erfährt Harwanegg. Er macht sich auf der Stelle auf
       den Weg. Vater und Sohn treffen sich. Sie verstehen sich. Zweimal hatte
       Pitenis nach dem Krieg versucht, zurück nach Wien zu kommen, um seine
       Geliebte und seinen Sohn zu besuchen, erfährt Volkmar Harwanegg, genannt
       Hannes. Die Suche ist beendet.
       
       2 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
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