# taz.de -- Analyse jüdischer Fussballvereine: Jüdisch kicken
       
       > Warum geben sich manche Fußballvereine jüdisch, obwohl sie es nicht sind?
       > Und warum gelten andere als „Judenclubs“? Ein Soziologe hat das
       > untersucht.
       
 (IMG) Bild: Amsterdam, London, Wien und München: vier Städte mit jüdisch gelesenen Fußballclubs
       
       Es geht los mit Staunen. Warum verleihen sich Menschen ein jüdisches Image?
       Und zwar solche, die selbst nicht jüdisch sind, mit dieser Religion nichts
       zu tun haben und deren Lebens- und Familiengeschichten meist ohne jüdische
       Bezüge sind? Es geht hier nicht um das Phänomen der Hochstapler, die mit
       einer erfundenen Biografie eine Art moralischen Gewinn erzielen möchten.
       Eher geht es um alltägliche Dinge, etwa um überhäufiges „Schalom“-Sagen,
       das Tragen von Davidsternketten oder das Schwenken einer Israelflagge im
       Fußballstadion.
       
       Der [1][Sozialwissenschaftler Pavel Brunssen] hat dieses Phänomen im
       Fußball analysiert. Es gibt Profiklubs, denen ein jüdisches Image anhaftet,
       obwohl dies mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart ebenso wenig zu tun hat
       wie mit ihren Spielern und Fans. Anhänger von [2][Ajax Amsterdam]
       bezeichnen sich gerne als „Super Joden“, Supporter des Londoner Vereins
       Tottenham Hotspur nennen sich „Yid Army“, und auch die österreichischen und
       deutschen Vereine Austria Wien und Bayern München gelten ihren Fans nicht
       selten als „jüdische Vereine“ oder auch „Judenklubs“.
       
       Dass einem solchen Phänomen eine kaum sortierbare Melange aus
       verschiedensten Versatzstücken zugrunde liegt, lässt sich erahnen. Brunssen
       hat sich deshalb für sein Buch, [3][das als Dissertation vorgelegt wurde
       (leider nur auf Englisch)], auf eine Art archäologisches Freilegen der
       verschiedenen Bedeutungsebenen eingelassen. Er entdeckt Wahrnehmungen des
       Holocaust, die in den Niederlanden, in England, in Österreich und in
       Deutschland sehr unterschiedlich sind.
       
       Brunssen beschäftigt sich mit der jeweiligen Geschichte Münchens, Wiens,
       Amsterdams und Londons, er schaut sich die nationalen Gedenkkulturen an und
       analysiert die Beziehungen der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft zur
       jüdischen Minderheit. Und er betrachtet die je besondere Bedeutung, die der
       Fußball besitzt – für die Gesellschaft, aber auch für einzelne Fans, die
       sich nicht selten über ihren Lieblingsklub definieren.
       
       Vier hochkomplexe Fallstudien also, von denen jede einzelne wertvoll ist.
       Sie handeln von Judenhass, von kollektiv unbewältigter Vergangenheit und
       von Philosemitismus, der nicht selten mit ähnlichen Verallgemeinerungen und
       Stereotypen arbeitet wie der Antisemitismus.
       
       Nicht zufällig entstehen diese merkwürdigen Konstrukte von
       [4][nichtjüdisch-jüdischen Vereinen] historisch immer in
       Post-Holocaust-Gesellschaften. Letzteres gehört zu den Gemeinsamkeiten, die
       Brunssen herausarbeitet – und zugleich offenbart es, was die Fälle
       unmöglich gemeinsam haben können: Schoah-Geschichte ist in den Niederlanden
       und Großbritannien eben komplett anders als in Deutschland und Österreich.
       
       Gemeinsam ist den analysierten Diskursen zu „Judenklubs“ nicht zuletzt,
       dass genau dieses Wort, „Judenklub“, eine überwiegend abwertende
       Konnotation hat. Gerade in Amsterdam und London gab es zunächst
       antisemitische Attacken und erst dann die Selbstwahrnehmung als jüdisch.
       Ähnliches lässt sich auch für München zeigen, aber wesentlich verhaltener.
       
       Der Begriff „Yid“ ist bis heute eine Beleidigung, und dass sich
       Tottenham-Fans „Yid-Army“ nennen, ist unter den Anhängern umstritten.
       Gleichwohl müssen sich diese Fanszenen oft noch heftigeres anhören, etwa
       „Hamas, Hamas, all Jews to the gas“. Da wirkt die Aneignung eines Wortes
       wie „Yid“ eher wie ein selbstbewusster Akt – ein Phänomen, das es in
       anderen sozialen Gruppen auch gibt. Freilich ist es ein Akt der Aneignung,
       der nicht von jüdischen Fans dieser Vereine vollzogen wurde.
       
       Es ist eine große Paradoxie, die Brunssen am Beispiel der
       nichtjüdisch-jüdischen Fußballklubs analysiert: Es ist, erstens, von
       „jüdischen Vereinen“ die Rede, obwohl sie es definitiv nicht sind. Aber,
       zweitens, die Ablehnung einer solchen Zuweisung wäre problematisch, denn
       sie klänge wie eine Distanzierung. Die, drittens, positive Antizipation
       jedoch hat etwas Verfälschendes, letztlich wohl auch Übergriffiges, denn es
       schwingt implizit mit, die Konstruktion eines jüdischen Vereins sei auch
       durch Vertreter der nichtjüdischen, meist christlichen
       Mehrheitsgesellschaft möglich.
       
       Schaut man sich die Erfolge der Vereine an, wäre unter Umständen sogar der
       aberwitzige Schluss denkbar, Nichtjuden könnten viel besser jüdische
       Vereine betreiben.
       
       Brunssen selbst zieht ein akademisch-zurückhaltendes Fazit seiner Analyse.
       Sie zeige, „dass die Aufarbeitung der Vergangenheit ein fortlaufender
       Prozess ist, während die vollständige Bewältigung der NS-Vergangenheit
       weiterhin unmöglich bleibt“. Das ist gewiss richtig und wird von ihm selbst
       ja gründlich belegt. Doch im Grunde erklärt uns dieser genaue Blick auf die
       Fanszenen vier europäischer Profiklubs mehr: wie selbstzufrieden
       [5][Vergangenheitsaufarbeitung] oft stattfindet, dabei oft bemüht um einen
       moralischen Benefit – und dies in einem ideologischen Umfeld, das sich
       gerne als „christlich-jüdisches Abendland“ umschreibt. Letzteres dürfte
       deutlich machen, dass es sich um ein allgemeines Problem handelt. Und zwar
       eines, das sich im Fußball etwas deutlicher zeigt, auch wenn nach dieser
       großen Studie immer noch das Staunen bleibt.
       
       12 Dec 2025
       
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