# taz.de -- Fußball in Israel: Mit Shirts gegen Abschaum
       
       > Fans von Hapoel Tel Aviv wehren sich gegen Repression. Beim Spiel gegen
       > Kirjat Schmona bejubeln sie nicht einmal den Führungstreffer.
       
 (IMG) Bild: Fans von Hapoel Tel Aviv bei einem Spiel in London, Januar 2023
       
       Still zu bleiben fällt den Fans schwer: Keine Rufe, keine Gesänge ertönen
       am Samstag zu Beginn des Auswärtsspiels, das [1][Hapoel Tel Aviv] gegen
       [2][Hapoel Ironi Kirjat Schmona] im israelischen Netanya austrägt. Selbst
       als bereits in der 6. Minute ein Tor fällt, rutschen die Fans des
       Fußballerstligisten aus Tel Aviv auf ihren Sitzen hin und her und zischen
       bloß „Pssscht“. Nach 13 Minuten und 12 Sekunden setzt lautes Trommeln ein.
       „Rak Hapoel“, singen die Ultras, „nur Hapoel“, und hören nicht auf, bis das
       Spiel mit 2:2 endet.
       
       13 Minuten und 12 Sekunden ohne Support, am 13. Dezember – [3][1312], der
       numerische Code für ACAB, „All Cops are Bastards“: Es ist die Retourkutsche
       der Fans an die Polizei. In der Vorwoche hatte diese Ultras des Vereins den
       Zugang zum Tel Aviver Stadion verweigert, weil sie ein T-Shirt trugen mit
       der Aufschrift „Ultras Hapoel gegen den Abschaum“. Darunter drei
       durchgestrichene Symbole: der Stadtrivale Maccabi Tel Aviv, die (verbotene)
       rechtsextreme [4][Partei Kach] – und die Polizei.
       
       Hunderte Fans verließen aus Solidarität das Stadion. Die Israel Football
       Association und der Ligaverband kritisieren die „exzessive Intoleranz
       gegenüber gewaltfreiem Protest“. Die Polizei hingegen argumentiert, sie
       dürfe den Zutritt bei „begründeter Sorge vor Störung öffentlicher Ordnung“
       verweigern und um „Schaden für Leben und Eigentum“ abzuwenden.
       
       Es ist nicht der erste Zwischenfall. Im Oktober war das [5][Tel-Aviv-Derby]
       kurz vor Beginn abgesagt worden, weil Ultras Pyros gezündet hatten.
       Anschließend sei es zu „willkürlicher und ungezügelter Gewalt“ durch die
       Polizei gekommen, kritisierte die Association for Civil Rights in Israel.
       Die Beamten hätten Fans getreten, geschlagen und gewürgt – selbst wenn es
       keine Gegenwehr gegeben habe. Anfang Dezember verhaftete die Polizei rund
       20 Fans wegen dieses Vorfalls.
       
       Der Ausschluss der Ultras wegen ihrer T-Shirts sei „Machtmissbrauch“,
       kritisierte vor einigen Tagen Michael Sfard, bekannter Menschenrechtsanwalt
       in Israel. Dass die Polizei den Protest gegen sie nicht möge, sei keine
       Legitimation, ihn als Aufstachelung zu werten. Die Freiheit zum Protest sei
       ein Grundrecht, welches das israelische Gesetz jedem Staatsbürger zugestehe
       – „auch Hapoel-Fans“.
       
       Der Minister ist Fan von Beitar Jerusalem 
       
       Das Handeln der Polizei habe keinerlei rechtliche Grundlage, sagt Sfard im
       Gespräch mit der taz. Immer wieder gehe sie unverhältnismäßig hart gerade
       gegen die Fans von Hapoel Tel Aviv vor – „zufällig der größte Rivale des
       Clubs, dessen Fan der für die Polizei zuständige Minister ist“. Der
       rechtsextreme Minister für innere Sicherheit, [6][Itamar Ben-Gvir], ist
       Anhänger von Beitar Jerusalem – ein Club mit einer ausgeprägt
       rechtsextremen Fanszene. Die Fans von Hapoel Tel Aviv hingegen sind eher
       links und antirassistisch.
       
       Man müsse den Vorfall mit den T-Shirts aber in einem größeren Kontext
       sehen, sagt Sfard: „Es verdeutlicht sehr gut die fortschreitende
       Faschisierung der Polizei unter der aktuellen Regierung.“ Mehr und mehr
       werde ein Zustand hergestellt, in dem die einzigen legitimen Stimmen die
       der Regierenden seien. Tatsächlich ist die Polizei zuletzt zunehmend hart
       gegen regierungskritische Demonstranten und Veranstaltungen vorgegangen.
       
       „Wir kennen solche Repression seit Jahren gegen Menschen, die gegen die
       Ungleichbehandlung von Palästinensern oder Siedlergewalt im
       [7][Westjordanland] protestieren“, sagt Sfard. „Aber jetzt sehen wir, wie
       es sich in alle Sphären des öffentlichen Lebens ausbreitet.“
       
       Durch gezielte Beförderungen loyaler Personen und durch „konstante
       Interventionen in die Polizeiarbeit“ habe Ben-Gvir es geschafft, große
       Teile der Polizei von einer „Behörde, die gesetzestreue Bürger schützen
       soll, zu einer Behörde umzubauen, die die Meinung der Regierung
       durchsetzt“, sagt Sfard. Auch Israels Oberstes Gericht wird sich bald – zum
       wiederholten Mal – mit Petitionen befassen, die eine Entlassung Ben-Gvirs
       fordern. Israels Generalstaatsanwältin hat Premierminister Benjamin
       Netanjahu jüngst aufgefordert, seinen Minister in die Schranken zu weisen.
       
       Die Ultras von Hapoel Tel Aviv haben derweil keineswegs vor zu kuschen. Und
       nicht nur sie: Auch die Fans des gegnerischen Teams machten am Samstag mit
       bei der 1312-Aktion, ebenso wie weitere Ultragruppen in Israel an diesem
       Wochenende. In Deutschland zeigten [8][Ultrà Sankt Pauli] in Hamburg und
       Schickeria München mit Bannern ihre Solidarität. Und obwohl die Outfits der
       Tel Aviver Fans penibel kontrolliert wurden – wer einen Pulli trug, musste
       ihn vor den Ordnern hochheben und sein T-Shirt präsentieren –, schwenkten
       einige auf den Rängen das Objekt der Aufregung.
       
       15 Dec 2025
       
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