# taz.de -- Die Unberechenbarkeit des Kanzlers: Vielleicht hat Merz schon von Merkel gelernt
       
       > Friedrich Merz fällt bei seinen Auslandsreisen mit Peinlichkeiten auf.
       > Daheim versucht er den Spagat nach dem Vorbild der Ex-Kanzlerin.
       
 (IMG) Bild: Brotloser Kanzler: Friedrich Merz sichtlich hungrig beim EU-Afrika-Gipfel am 24.11. in Angola
       
       So schnell kann’s gehen. Eben noch trösteten sich viele WählerInnen und
       auch [1][manche Kolumnistin] über Friedrich Merz’ innenpolitische
       Serien-Karambolage damit hinweg, dass er immerhin im Weißen Haus nicht
       gedemütigt wurde und sich insofern einen [2][Ruf als Außenkanzler]
       erarbeitet hat.
       
       In kürzester Zeit jedoch sind Auslandsreisen des Kanzlers eher [3][Anlässe
       von Fremd- oder auch Selbstscham] geworden – je nachdem, wie weit man es
       innerlich von sich weghalten kann, was Merz jetzt schon wieder über ein
       Land voller undeutscher Sitten und Gebräuche verkündet hat. Nachdem er
       zuletzt [4][froh war, aus Brasilien wieder abreisen] zu dürfen, und damit
       die komplette Nation beleidigt hatte, gab er nach seiner Afrikareise in der
       vergangenen Woche zu Protokoll, in Angola habe ihm beim Frühstück [5][das
       deutsche, „ordentliche“ Brot] gefehlt.
       
       Aber, mögen Sie einwenden, [6][haben wir nicht alle schon einmal deutsches
       Brot vermisst], ganz unabhängig vom Anlass – im benannten Fall war es der
       EU-Afrika-Gipfel in Luanda? Dann würde ich gern erwidern, dass die Presse
       solche Begebenheiten auch deshalb gern erzählt, weil sie stellvertretend
       und wiedererkennbar für die anderen Peinlichkeiten stehen, die eben nicht
       erzählbar sind – sei es, dass sie zu verwickelt sind, um sie
       nachvollziehbar zu schildern, oder sei es, dass sie als unberichtbarer,
       aber bezeugter Tratsch die Runde machen, nachdem die Regierungsmaschine
       samt mitreisenden JournalistInnen in Berlin wieder aufgesetzt ist.
       
       ## Bei Merz weiß man nie so genau
       
       In den Bundesministerien mit Rest-der-Welt-Bezug jedenfalls schauen sie
       gerade mit Bangen auf Merz’ Reisekalender und überlegen, zu welchen
       Auslandsprojekten man ihn noch schicken kann, ohne dass etwas Schreckliches
       passiert. Das Wort Reisewarnung bekommt eine ganz neue Bedeutung.
       
       Wenn er nicht gerade [7][in Trumps goldenem Salon] sitzt, geht eben die
       alte westbundesrepublikanische Borniertheit mit Merz durch. Es ist die „Wir
       können’s besser“-Mentalität der Herrschaften in der Business Class, die
       immer noch glauben, die ganze Welt warte auf deutsche Verbrenner-Autos und
       ein paar echte Kerle dazu, die erklären können, was Sache ist.
       
       Deshalb äußert Merz sich nie einfach so, sondern stets „im umfassenden
       Sinne“. In diesem umfassenden Sinne werde er die EU auffordern, das lang
       beschlossene Ende der Verbrennertechnologie „anzupassen und zu
       korrigieren“, [8][sagte er am Freitag] nach dem Koalitionsausschuss. Damit
       kappt die Bundesregierung das letzte Seil, das sie an eine ökologisch
       halbwegs sinnvolle EU-Industriepolitik band.
       
       Ebenfalls „im umfassenden Sinne“ bekannte sich Merz auch zu einer
       Rentenreform, die nun aber nicht sofort nach dem Willen der Jungen Union
       stattfindet, sondern in einer Rentenkommission bis kommenden Sommer erdacht
       werden soll. Die weitere Privatisierung der Altersvorsorge soll also mitten
       in den Landtagswahlkämpfen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und
       Berlin diskutiert werden. Das klingt nur beim ersten Hören wahnsinnig. Denn
       im Ergebnis könnte es darauf hinauslaufen, dass die Liebe der ostdeutschen
       WählerInnen zur gesetzlichen Rente diese auch für den Rest der Republik
       rettet. Es läge dann eine gewisse Weisheit in diesem Vorgehen.
       
       Man weiß bei Merz ja nicht so genau, was aus ihm herausbricht und was
       vorher bedacht wurde. Aber es ist immerhin denkbar, dass sich in dieser
       Rentenvolte ein erstes Lernen von Angela Merkel abzeichnet. Das tödliche
       Klammern an die Verbrennungsmaschinen wäre dann Ausdruck eines
       wiedererstarkten [9][Chauvinismus aus den 1980er Jahren]. Die Rentenpolitik
       dagegen beugte sich den modernen Notwendigkeiten oder, wie Merz selbst
       Mitte der Woche im Bundestag fast entschuldigend sagte: Sie verlangt
       „komplexe Antworten“.
       
       30 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-aussagen-belem-kritik-100.html
 (DIR) [4] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-aussagen-belem-kritik-100.html
 (DIR) [5] https://www.tagesspiegel.de/politik/wo-ist-ein-ordentliches-stuck-brot-merz-vermisste-bei-angola-besuch-deutsche-stulle-zum-fruhstuck-14940914.html
 (DIR) [6] https://www.spiegel.de/kultur/friedrich-merz-und-seine-brot-aussage-merz-das-brot-a-3efafd3a-8bd5-47a3-8269-7ffdb1e6ed2d
 (DIR) [7] https://www.tagesschau.de/ausland/merz-trump-treffen-oval-office-100.html
 (DIR) [8] https://www.youtube.com/watch?v=3JcAAH-Cqu8
 (DIR) [9] https://literaturwissenschaft-berlin.de/events/streitraum-chauvinismus-die-ideologische-verknuepfung/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrike Winkelmann
       
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