# taz.de -- Digitale Abhängigkeit von den USA: Wie Europa sich auf den Kill Switch vorbereitet
> Hätte Trump die Macht, unsere digitale Versorgung zu kappen wie Putin die
> Gasleitungen? Europa will unabhängiger von Google, Microsoft und Co.
> werden.
(IMG) Bild: Donald Trump zerschneidet vielleicht kein LAN-Kabel, könnte aber mit Druck auf die US-Digitalkonzerne Europa empfindlich schaden
Wenn man kurz nach dem Aufwachen das erste Pling des Tages aus dem
Smartphone hört, geht es schon los. Das Telefon läuft mit den
Betriebssystemen Android oder iOS, der Messenger, der sich meldet, ist bei
den meisten [1][Whatsapp] – alles Dienste mit Sitz aus den USA.
Auf dem Arbeitsweg hilft die App des Nahverkehrsunternehmens. Wirkt erst
mal wie ein lokales Angebot, aber darin stecken Kartendienste und
Marketingtools von Google. Schnell in der App eine Fahrkarte kaufen?
Auch hinter den gängigsten Zahlungsdiensten von Visa bis Paypal stehen
US-Anbieter. Wer, angekommen im Büro, bei seinem Job einen Computer
verwendet, wird wahrscheinlich vom Windows-Logo begrüßt. Office, Teams,
Azure-Cloud – alles Microsoft-Produkte. Auch in den meisten Verwaltungen
werden sie benutzt.
Und selbst wer krank ist und nur zum Arzt will, ist nicht davor gefeit: 16
gesetzliche Krankenkassen haben für die technische Infrastruktur, auf der
die Daten aus den [2][elektronischen Patientenakten] liegen, IBM unter
Vertrag genommen, darunter die TK, Barmer und mehrere AOKs.
Ein Tag, an dem alle Dienste von IT-Konzernen aus den USA ausfallen würden?
Das wäre in Europa momentan ein echtes Problem. Seit dem erneuten
Amtsantritt Trumps wächst immer mehr die Sorge vor der Abhängigkeit von den
USA bei digitalen Diensten und Infrastruktur.
Am 18. November hatten Deutschland und Frankreich daher [3][zu einem
europäischen Gipfel] zu digitaler Souveränität geladen. Das Ergebnis:
[4][Digitale Souveränität] finden zwar alle gut und wichtig. Aber dass die
vorgestellten Vorhaben wie Deregulierung und Unternehmenskooperationen
wirklich dorthin führen, ist nicht ausgemacht.
Dabei ist das Schreckensszenario durchaus ernstzunehmen: der Kill Switch.
Der Begriff aus der IT beschreibt eigentlich, dass sich ein System mit
einem Knopfdruck ausschalten lässt. In Bezug auf die digitale Abhängigkeit
von den USA heißt das: Trump könnte zum Beispiel als Druckmittel im
Handelsstreit US-Konzerne anweisen, keine Geschäfte mehr mit Europa zu
machen.
Software würde zwar nicht unbedingt auf einen Schlag unbrauchbar werden,
wohl aber innerhalb kurzer Zeit: Durch ungestopfte Sicherheitslücken würde
die Gefahr eines Angriffs derart hoch, dass eine Verwendung
unverantwortlich wäre. Und wer direkt auf die Cloud-Infrastruktur etwa von
Amazon oder Google setzt, müsste mit akuten Verlusten von Daten und
Funktionsfähigkeit rechnen.
„Trump hätte die Macht dazu mittels verschiedener Rechtsgrundlagen“, sagt
Dennis-Kenji Kipker, Professor für IT-Sicherheitsrecht an der Hochschule
Bremen und Gründer des Cyberintelligence-Institutes. Zum Beispiel durch den
International Emergency Economic Powers Act, übersetzt in etwa
„Internationales Gesetz über wirtschaftliche Notstandsbefugnisse“.
Trump könne auf dieser Basis mit einer präsidentiellen Anweisung
US-Unternehmen auferlegen, die Bereitstellung kritischer Dienste für
einzelne Kunden, Regionen oder ganze Länder einzustellen. Das könnten zum
Beispiel Cloud-Dienste sein oder Routing, also die Weiterleitung von Daten
im Internet. „Das ist eine Art Kill Switch“, sagt Kipker.
Eine andere mögliche Basis biete das Exportkontrollrecht: Trump könne etwa
den Export einer bestimmten Soft- oder Hardware beschränken. Dann würden
zum Beispiel keine Updates oder Ersatzteile mehr geliefert oder kein
technischer Support mehr geleistet. „Das sorgt mittelfristig für
Erpressbarkeit.“
Dazu kommt, dass Daten, die auf Servern von US-Dienstleistern liegen, nicht
vor dem Zugriff durch dortige Strafverfolger:innen oder Geheimdienste
geschützt sind. Das gilt auch, wenn die Server in der EU stehen und
vielleicht sogar von einem europäischen Tochterunternehmen des US-Konzerns
betrieben werden.
Das Bewusstsein für die Probleme scheint auch in der Wirtschaft zu wachsen.
In einer [5][Umfrage] des IT-Verbands Bitkom vom Juni gaben knapp zwei
Drittel der Unternehmen an, bei ihnen würde der Betrieb ohne Cloud-Dienste
stillstehen. Und drei Viertel hielten Deutschland für zu abhängig von den
US-Cloud-Diensten.
Andererseits: Abstriche, und seien es auch nur kleine, wollen die meisten
Firmen nicht vornehmen. Nur 12 Prozent würden eine hiesige Alternative
nutzen, wenn man länger als bei den IT-Riesen auf neue Funktionen warten
muss.
Kipker kritisiert, dass das Thema zu lange verschlafen wurde – in
Wirtschaft und Politik. Unternehmenssparten wurden ins Ausland verlagert,
kurzfristiger Gewinn sei wichtiger gewesen als eine nachhaltige
Technologieinfrastruktur in der EU.
Dabei gibt es die Office-Suite, das Videokonferenztool und den Cloud-Dienst
auch von alternativen Anbietern. Nicht unbedingt im gleichen
Funktionsumfang, ohne die vertraute Bedienoberfläche und mitunter mit
Schwierigkeiten bei der Umstellung. Aber ohne transatlantischen Kill
Switch.
22 Nov 2025
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