# taz.de -- Rechtsextremismus bei der Polizei: „Man schwimmt halt so mit“
       
       > M. war Mitglied eines rechtsextremen Polizeichats. Vom Dienst ist er bis
       > heute suspendiert. Jetzt packt er aus.
       
 (IMG) Bild: Es gilt die Unschuldsvermutung, auch bei diesen Polizist:innen, die Anfang November in Dortmund eingeschworen wurden
       
       In den vergangenen Jahren sind wiederholt rechtsextreme Chats unter
       Polizist:innen aufgetaucht. Erst kürzlich in Niedersachen, Hamburg und
       Hessen. Die Wissenschaft spricht von einem großen Dunkelfeld. In einer
       deutschen Großstadt will ein Polizist auspacken. Er war mehrere Jahre
       Mitglied eines solchen Chats und will anonym bleiben. Beim Gespräch zeigt
       er Polizeiabzeichen und Ausweis. Er ist um die 40, trägt die Haare
       zurückgekämmt, einen gepflegten Bart und einen beigen Strickpullover. 
       
       taz: Herr M., Sie waren jahrelang in einem rechtsextremen Chat aktiv, der
       große Schlagzeilen produziert und neben den vielen anderen Fällen die
       deutsche Innenpolitik erschüttert hat. Wie landet man überhaupt in so einem
       Chat? 
       
       M.: Die Ursprünge dieses Chats liegen weit über zehn Jahre zurück. Es gab
       für jede Dienstgruppe damals halt so eine Chatgruppe, wo kurzfristige
       Dienstplanänderungen mitgeteilt wurden.
       
       taz: Auf WhatsApp? 
       
       M.: Ja, auf WhatsApp. Da haben sich alle zum Sport verabredet oder zum
       Bierchen nach dem Dienst. Nun war es halt so, dass die Chefs da teilweise
       auch mitgelesen haben und manchmal möchte man sich halt einfach auskotzen
       über die Vorgesetzten oder was schief gelaufen ist bei den Einsätzen. Wie
       es in jeder Dienstgruppe oder in jedem Arbeitsumfeld so ist, gibt es immer
       so einen Kreis, der sich besser versteht. Dann formen sich kleinere
       Grüppchen.
       
       taz: In einem dieser Nebenchats hat dann jemand angefangen Hitler zu
       glorifizieren, oder wie? 
       
       M.: Irgendwann ging es im Chat dann halt los mit diesen bescheuerten
       Bildern und Videos. Und im Laufe der Zeit ging es gar nicht mehr um die
       Inhalte, um die Message dieser Bilder. Es ging nur darum, wer wird das
       krassere Bild posten. Befeuert von toxischer Männlichkeit: Ich will ein
       krasseres Bild, eine krassere Aussage als der andere posten.
       
       taz: Coolness durch Holocaust-Relativierung oder Genozidfantasien? 
       
       M.: Ja. Einfach ein total kindisches, unerwachsenes und bescheuertes
       Verhalten. Was passiert, wenn man ein Bild geschickt bekommt? Man guckt
       sich das drei Sekunden an und es ist aus dem Sinn. Man vergisst es direkt.
       Ich würde den meisten in diesen Chats jetzt einfach mal unterstellen, dass
       es wirklich darum ging, noch was Krasseres zu posten als der Vorgänger.
       Unabhängig vom Inhalt.
       
       taz: Verharmlosen Sie damit nicht diese Inhalte? 
       
       M.: Ich habe da tatsächlich keine rationale Erklärung für, man schwimmt da
       halt auch so ein bisschen mit.
       
       taz: Antisemitismus, der Wunsch Geflüchtete, Schwarze Menschen,
       Muslim:innen, sollten in einer Reihe aufgestellt und exekutiert werden,
       Vergewaltigungsfantasien, purer Sexismus, Euthanasie-Witzchen gegen
       Menschen mit Behinderung. Außenstehend hat man den eindeutigen Eindruck,
       wer in diesem Chat war, ist rechtsradikal. 
       
       M.:… aber Sie kennen mich ja gar nicht. Ich würde schlichtweg entgegnen,
       dass Sie mich nur von irgendwelchen Nachrichten kennen.
       
       taz: Ich habe den ganzen Chatverlauf gelesen. 
       
       M.: Sie kennen mich als User-Name in dieser Whatsapp-Gruppe. Sie kennen
       diese Bilder, aber Sie sehen den Menschen dahinter nicht. Rechtsradikal
       fängt für mich nicht damit an, dass man irgendwelche Bilder weiterleitet.
       Das fängt in Handlungen, Taten und Gedanken an. Das ist der entscheidende
       Unterschied.
       
       taz: Solche menschenfeindlichen Chats über Jahre zu pflegen, das ist eine
       Tat. 
       
       M.: Das ist eine Tat, die innerhalb einer geschlossenen Gruppe stattfindet.
       Wenn ich jetzt mein ganzes Leben danach ausrichten würde, ich sage jetzt
       mal, ich stehe morgens auf und schlage die Hacken aneinander, dann könnte
       man definitiv so weit gehen und mich als rechtsradikal bezeichnen. Aber so
       ist es nicht. Wenn sich Polizisten im Dienst beispielsweise mit Kollegen
       verabreden: [1][So! Heute gehen mir die Ausländer auf den Sack und ich
       mache was dagegen.] Dann kann man definitiv Rechtsradikalismus
       unterstellen.
       
       taz: Auch diese Fälle gibt es. Da haben sich zum Beispiel
       Polizist:innen in Chats verabredet, „Obdachlose zu klatschen“. Es gibt
       den Komplex Nordkreuz, da haben Polizist:innen mit anderen einen
       Umsturz geplant. Die vielen Einzelfälle formen eine Struktur. 
       
       M.: Ich weiß definitiv, dass manche Mitglieder dieser Gruppe diese
       rechtsextreme Gesinnung haben. Aber nicht alle.
       
       taz: Sie haben trotzdem mitgemacht. Können Sie nachvollziehen, dass viele
       Menschen kein Vertrauen mehr in die Polizei haben? Vor allem viele
       Minderheiten. 
       
       M.: Zum Teil kann ich das nachvollziehen, zum Teil aber auch nicht.
       
       taz: Was heißt das? 
       
       M.: Ich kann es nachvollziehen, wenn man von dem ausgeht, was in der Presse
       oder auf sozialen Medien erzählt wird. Dort kommen nur die krassen Fälle
       vor. In diesen Gruppen war es ja auch nicht so, dass jetzt alle fünf
       Minuten da ein problematisches Bild auftauchte. Ich will das Ganze nicht
       schönreden, nur transparent machen. Aber natürlich kann ich das von diesem
       Standpunkt aus komplett nachvollziehen. Ich kann es aber gleichzeitig nicht
       nachvollziehen, weil ich halt beide Seiten kenne. Ich bin Polizist, aber
       ich bin auch normaler Bürger. Polizist ist ein wahnsinnig belastender
       Beruf. Weil nie wirklich Zeit besteht, Sachen zu verarbeiten. Und was man
       als Polizist sieht und erfährt, das erfahren viele Leute so nicht. Die
       Schlägereien. Die Gerüche. Das Blut. Angespuckt zu werden. Ohne das jetzt
       schönreden zu wollen.
       
       taz: Wie war das für Sie als der Chat aufgeflogen ist, in dem Sie waren? 
       
       M.: Schwierig, dafür ein Wort zu finden. [2][Natürlich ist man erst mal
       überrollt, auch von der ganzen Berichterstattung]. Es wurde anfangs auch
       sehr viel heftiger dargestellt, als es war. Als wir von unserem Chat in der
       Tagesschau erfahren haben, haben wir gedacht, das können wir doch gar nicht
       sein. Als wäre der „NSU 2.0“ aufgedeckt worden, als würden wir unter Bomben
       schlafen.
       
       taz: Die Inhalte Ihres Chats waren extrem heftig. 
       
       M.: Also ich weiß, dass das heftig war, nur so wie es dargestellt wurde, in
       den ersten Tagen, war das nicht richtig. Zu krass. Das war ja so, als wären
       wir eine Terrororganisation gewesen. Nach so zwei Wochen war die weitere
       Berichterstattung meiner Meinung nach vollkommen gerechtfertigt, auch in
       der Härte. Die ersten zwei Wochen waren dagegen für mich hart und klar
       fühlt man sich da scheiße: Schuldgefühle, schlechtes Gewissen.
       
       taz: Wenn solche Chatkomplexe überhaupt vor Gericht gelandet sind, wurden
       die entsprechenden Polizist:innen freigesprochen mit dem Argument, es
       handle sich um „private Chatgruppen“. Es gibt auch den Fall, wo ein Gericht
       die chattenden Beamt:innen getadelt hat, dass sie auf Whatsapp
       geschrieben haben. Weil das so einfach zu knacken sei. Finden diese Chats
       nun besser gesichert statt? 
       
       M.: Ich habe da keinen Einblick mehr. Ich bin komplett raus. Ich kann es
       mir aber durchaus vorstellen, dass das wahrscheinlich nun auf Signal oder
       Telegram stattfindet. Telegram ist ja auch eine App, die nur Scheiße
       hervorbringt. Ich weiß, dass nachdem unsere Gruppe aufgeflogen ist, ganz
       viele Menschen, die bei der Polizei sind, erst mal ihre Handys aufgeräumt
       haben.
       
       taz: Eine Razzia auf dem eigenen Smartphone quasi? 
       
       M.: Die haben erstmal alles durchgeguckt, ob irgendwo irgendwelche Bilder
       sind, ob irgendwelche komischen Kommentare von ihnen irgendwo auftauchen.
       Da haben viele befürchtet, dass es eine Welle gibt, wo alles geahndet wird.
       
       taz: Hat sich Ihre Chatgruppe eigentlich nach ihrer Schließung irgendwie
       aufgefangen? 
       
       M.: Sehr wenig. Es wurden wenige Telefonate geführt, wo es eigentlich nur
       darum ging: 'Hallo. Wie war es bei dir? Wie geht es dir? Mal gucken, was
       jetzt kommt. Alles Gute, tschüss.’ Aber es wurde nie wirklich darüber
       geredet, was in einem jetzt gerade selber vorgeht.
       
       taz: Gab es in Ihrem privaten Umfeld jemanden, der mit Ihnen kritisch
       darüber gesprochen hat? 
       
       M.: Nein. Nie wirklich in der Tiefe. Die Polizeigewerkschaft hat ein
       Gesprächsangebot gemacht. Aber da besteht auch ein gewisses Misstrauen.
       Also das ist halt die Quintessenz dieser ganzen Sache für mich, dass die
       Polizei auch untereinander sehr viel misstrauischer geworden ist. Auch wenn
       suggeriert wird, dass einem geholfen wird.
       
       taz: Sie sind seit Jahren beurlaubt, bekommen ein steuerfinanziertes
       Gehalt, arbeiten aber nicht und sitzen Zuhause. Überlegen Sie ganz
       auszusteigen? 
       
       M.: Das darf man ja nicht. Du bist ja weiterhin Beamter. Ich dürfte jetzt
       beispielsweise keine neue Ausbildung beginnen, das würde nicht gehen.
       
       taz: Dann sind Sie jetzt in einem Wartemodus? 
       
       M.: Das ist genau das richtige Wort, weil keiner genau weiß, wie lange
       dieser Prozess jetzt dauert. Ich weiß nicht, was wann wie passieren wird.
       Es gibt gar keinen Kontakt zu meinem Arbeitgeber gerade. Es ist ein
       kompletter Schwebezustand.
       
       taz: Wie geht es Ihnen damit? 
       
       M.: Das geht ja mittlerweile mehrere Jahre so. Man lernt irgendwie, sich
       damit zu arrangieren. Es gibt viele Kollegen, die beispielsweise in der
       Zeit gestorben sind, teilweise Selbstmord begangen haben, dem Alkohol
       verfallen sind, in eine andere Sucht abgerutscht sind. Also man kann daran
       schon sehen, was das mit den Leuten macht. Ich habe meine Situation
       angenommen. Gut geht es mir nicht dabei. Auch wenn der Job manchmal doof
       war, hat man ja trotzdem irgendwie gerne auch was für sein Geld getan und
       wurde gebraucht. Das ist komplett weggefallen.
       
       taz: Warum sind Sie überhaupt Polizist geworden? 
       
       M.: (lacht) Aus gar keiner besonderen Motivation. Ich wollte einfach mal
       probieren, ob ich das schaffe.
       
       taz: Wie meinen Sie das? 
       
       M.: Ich war neunzehn Jahre alt und bin in die Ausbildung gerutscht. Ich
       wollte einfach mal gucken, ob ich es schaffe. Ich hatte nie wirklich eine
       besondere Motivation. Die ersten zwei Jahre der Ausbildung hatte ich auch
       schlichtweg gar keinen Bock. Muss ich auch ehrlich sagen.
       
       taz: Einfach durchziehen? 
       
       M.: Man hat halt verschiedene Unterrichtsblöcke in der Ausbildung. Du hast
       Strafrecht, du hast Eingriffsrecht, also Polizeitaktiken. Was gibt das
       Polizeigesetz her? Du hast Einsatzlehre. Du hast Psychologie und Ethik. Du
       hast die verschiedenen Trainings. Das ist mir alles relativ leicht
       gefallen. Es hat auch teilweise Spaß gemacht, es hat auch manchmal keinen
       Spaß gemacht. Aber welcher Beruf macht schon grundsätzlich immer Spaß? Ich
       habe mich damit irgendwie abgefunden. Die Motivation für den Job, die
       entstand erst im letzten Ausbildungsjahr. Wo mir wirklich klar war, dass
       ich es schaffen werde.
       
       taz: Wurden Sie in Ihrer Ausbildung gut vorbereitet? 
       
       M.: Ja und nein. In den Trainingscentern musst du Glück haben. Die
       Trainings sind teilweise sehr realitätsfern. Man kriegt auch gar nicht zu
       jedem Sachverhalt wirklich ein Rollenspiel. Ich zum Beispiel habe nie ein
       Rollenspiel machen müssen in Richtung Versammlungsrecht, Demonstrationen.
       Da war ich immer nur Zuschauer. Du bist dann vier, fünf Tage in diesen
       Trainings und bist immer nur Zuschauer wie andere Leute Polizei spielen.
       Das bringt nichts.
       
       taz: Es gab Recherchen dazu, dass in der Polizeiausbildung rassistische
       Inhalte vermittelt werden. 
       
       M.: Die Ausbildung ist bei mir so lange her. Aber ich kann mich an das Fach
       Soziologie erinnern. Da haben wir sogenannte „Peer Groups“ besprochen. Man
       merkt sich dann: [3][Die Araber mögen die Juden nicht, die Russen können
       nicht so gut mit den Italienern.] Dann hieß es, wenn die beiden Gruppen
       aufeinander treffen, müsse man aufpassen. Vielleicht ist es ein doofes
       Wort, aber das hatte etwas von Zierfischhaltung: Die kannst du
       zusammenpacken, die nicht. Das hat mich nicht wirklich aufs echte Leben und
       die Arbeit vorbereitet.
       
       taz: Können Sie sich vorstellen, in den aktiven Dienst zurückzukehren? 
       
       M.: Da es ja sehr viele verschiedene Arbeitsbereiche bei der Polizei gibt,
       irgendwie schon. Der operative Dienst draußen auf der Straße wäre für mich
       aktuell nicht mehr vorstellbar.
       
       14 Nov 2025
       
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