# taz.de -- Auf den Kriegsdienst einstimmen: Antifa statt Bundeswehr
       
       > Den „Veteranentag“ brauche es, für „die Demokratie“. Doch wer die
       > wirklich verteidigen will, der sollte lieber bei der Antifa
       > vorbeischauen.
       
 (IMG) Bild: Veranstaltung zum Gedenken an für im Auslandseinsatz gefallene Soldaten der Bundeswehr-Veteranen am Bendlerblock 2017 in Berlin
       
       Deutschland soll kriegstüchtig werden. Dieses Mantra beten
       Politiker:innen nun schon, seit Olaf Scholz nach dem russischen
       Überfall auf die Ukraine die „Zeitenwende“ ausgerufen hat. Das Land auf
       Krieg zu trimmen heißt dabei nicht nur, unzählige Milliarden in die
       Produktion von Panzern, Drohnen und Munition zu stecken. Auch ein
       Gesinnungswandel soll her. „Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg
       ausgehen“ war gestern, heute soll Deutschland „endlich in dieser Welt
       Interessen definieren“, wie es Kanzler Friedrich Merz einmal formuliert
       hat.
       
       Seither wird fleißig über die Wiedereinführung der Wehrpflicht debattiert
       und die Militarisierung der Gesellschaft vorangetrieben. Auch in Berlin ist
       das zu spüren. Im [1][Pierburg-Werk im Wedding will Rheinmetall Waffen
       produzieren]. Die Bundeswehr wirbt in den Schulen um Nachwuchs. Und am
       Sonntag soll auf der Reichstagswiese der erste „Nationale Veteranentag“ mit
       einem „Bürgerfest“ begangen werden. Offizielles Ziel: Das „Band zwischen
       Bundeswehr und Gesellschaft stärken“ – also die Entscheidung normalisieren,
       für Deutschland zu kämpfen, und zu sterben.
       
       Konkret soll ein „Veteranendorf“ errichtet werden. Hier werden wohl
       Soldat:innen und Veteranenverbände den Besucher:innen zwischen
       Essensständen und Hüpfburgen von Diversität, Kameradschaft und Nervenkitzel
       bei der Bundeswehr vorschwärmen. Um dem Truppenaufmarsch vor dem größten
       Symbolgebäude der Demokratie einen möglichst parlamentarischen Anstrich zu
       geben, soll etwa Bundestagspräsidentin Julia Klöckner kommen.
       
       Wer davon nicht genug hat, kann die Ausstellung „Wounded – The Legacy of
       War“ besuchen. Dort zu sehen ist [2][laut Ausstellungsbeschreibung] die
       „beeindruckende Charakterstärke und Tapferkeit“ von verwundeten britischen
       Soldat:innen, die „ohne zu zögern die Prüfung des Krieges bestanden
       haben“ – heißt: Die in Afghanistan und in den Irak einmarschierten – und
       die heute „trotz ihrer Beeinträchtigung jeden Tag in Würde weiterleben“.
       
       ## Begeisterung in liberale und grüne Milieus vorgedrungen
       
       Dass eine solche Veranstaltung nur in linken und linksradikalen Kreisen auf
       Widerstand stößt, ist kein Zufall. Längst ist die Begeisterung für die
       Bundeswehr weit in liberale und grüne Milieus vorgedrungen, auch in der
       taz. Begründet wird der neue Militär-Hype dabei mit der russischen Invasion
       der Ukraine. Um sich als Demokratie gegen autoritäre Regime wie Russland zu
       behaupten, müsse man abschrecken und Verteidigungsfähigkeit demonstrieren,
       heißt es. Der Dienst an der Waffe wird so als Verfassungspatriotismus
       geframed, als gelebter Antifaschismus.
       
       Große Worte – die bei der Jugend allerdings nur mäßig verfangen. Die
       Wehrpflicht wird nämlich vor allem von denen gefordert, die nicht von ihr
       betroffen wären. [3][Laut einer YouGov-Umfrage] steigt die Zustimmung zur
       Wehrpflicht proportional mit dem Alter: Während 75 Prozent der Menschen im
       Rentenalter die Jugend zum Bund schicken wollen, lehnen die Jugendlichen
       selbst das mit überwältigender Mehrheit ab. In Deutschland ist es wie
       überall: Zwischen denen, die den Krieg fordern, und denen, die ihn
       ausfechten sollen, besteht kaum eine Schnittmenge.
       
       Es ist ja auch paradox: Von der Jugend wird erwartet, sie soll ihre
       Selbstbestimmung aufgeben, weil ihr sonst die Fremdherrschaft drohe.
       
       Dass diese Logik nicht aufgeht, darauf weist in der öffentlichen Debatte
       vor allem einer hin: Ole Nymoen. Unermüdlich lässt sich der Kolumnist und
       Podcaster in Talkshows als Vaterlandsverräter beschimpfen, weil er sagt,
       dass die Interessen von Herrschenden und Beherrschten nicht identisch sind.
       Der deutsche Staat ist eben keine Solidargemeinschaft, sagt Nymoen, sondern
       in erster Linie ein Gewaltapparat, der die Interessen von Staat und Kapital
       sichert. Für diese zu kämpfen, da sagt Nymoen: „Nein, danke!“ Seinen
       Pazifismus fasst er so zusammen: „Ich lebe lieber in Unfreiheit, als für
       diese Freiheit zu sterben.“
       
       ## Die spannendere Frage
       
       Nun macht es natürlich – trotz aller autoritären Tendenzen auch hierzulande
       – einen Unterschied, ob man in der Bundesrepublik oder in Putins Russland
       lebt. Schließlich sind viele der bürgerlichen Freiheiten in harten sozialen
       Kämpfen errungen worden. Es muss der Linken darum gehen, diese Kämpfe
       fortzuführen und auszuweiten – statt bereits errungene Erfolge einfach
       aufzugeben. Insofern lässt sich das Argument der bedrohten Demokratie nicht
       völlig von der Hand weisen.
       
       Die spannendere Frage ist aber doch: Ist die Bundeswehr der richtige Ort
       für Menschen, die für die Demokratie kämpfen wollen? Angesichts der
       zahlreichen Naziskandale in der Bundeswehr – wohl kaum. Und ist ein
       russischer Einmarsch in Deutschland wirklich die größte Bedrohung für die
       Demokratie in Deutschland? Wohl auch eher nicht.
       
       Die wirklichen Bedrohungen kommen von innen: Nazis, die ihre politischen
       Gegner terrorisieren und dafür Waffen horten, die auch aus den Lagern der
       Bundeswehr stammen. Demokratische Parteien, die sich überbieten, um
       geflüchtete Menschen zu entrechten. Angriffe auf Grundrechte wie die Rede-
       und Versammlungsfreiheit aus Gründen der „Staatsräson“. Das Leben, das sich
       die Menschen nicht mehr leisten können, während die Reichen immer reicher
       werden. Und so weiter, und so fort.
       
       Die Militarisierung der Gesellschaft ist kein Kampf gegen den
       Autoritarismus – sie führt zum Autoritarismus. Und der Kampf gegen
       Faschismus ist kein hypothetisches Zukunftsszenario, er wird bereits heute
       tagtäglich geführt. Diejenigen, denen es wirklich um die Freiheit und
       Demokratie geht, sollten lieber mal bei der Antifa vorbeischauen, statt zur
       Bundeswehr zu gehen.
       
       13 Jun 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Waffenproduktion-in-Berlin/!6084311
 (DIR) [2] https://steidl.de/Books/Wounded-0307102538.html
 (DIR) [3] https://www.welt.de/politik/deutschland/article255626742/Umfrage-Mehrheit-der-Deutschen-fuer-Wehrpflicht-18-bis-29-Jaehrige-sind-dagegen.html?utm_source=chatgpt.com
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
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