# taz.de -- Weinen in der Öffentlichkeit: Sorry, ich bin kurz im Breakdown-Modus
       
       > Klar kann man anderen mit den eigenen Sorgen auf die Nerven gehen. Aber
       > macht der Anspruch, alles allein zu regeln, die Sache nicht noch
       > schlimmer?
       
 (IMG) Bild: War manchen letzten Sommer gleich eine Nachricht Wert: Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann kämpft mit einer Träne
       
       Vor zwei Wochen fahre ich in Leipzig vom Connewitzer Kreuz aus die Karli
       hoch und höre eine Person in der Tram laut weinen. Zuerst ziehe ich meine
       Kopfhörer ab, und dann spüre ich die zwei Wölfe in meiner Brust. Um mich
       herum versuchen die meisten Menschen so konzentriert wie es nur geht, auf
       ihr Handy zu schauen, manche werfen kurz einen Blick rüber. Etwa nach fünf
       Minuten halte ich das nicht mehr aus.
       
       Mich kostet’s echt viel Überwindung, aber kurz bevor ich aussteige, krieg
       ich’s dann doch gebacken, der Person einen Zettel zuzudrücken: „Ich hoffe,
       dir geht es bald besser. Wir kennen uns zwar nicht, aber pass auf dich
       auf:(“ Die Person steigt mit mir zusammen aus. Wir reden.
       
       Plottwist: Ich bin die Person, die in der Tram laut heult. Also nicht genau
       diese Person, aber ich mache andauernd genau das. Ich bin ein Crybaby: Nach
       der Bundestagswahl sitze ich zum Beispiel mit losen Bekannten in einer Bar
       im Leipziger Osten – es kommt zu einer heavy Diskussion über
       Nichtwählerschaft und am Ende passiert’s: Der Damm bricht. Jona hat einen
       Heuli.
       
       Ist das jetzt unangenehm? Die Anspannung, die die ganze Zeit unter unserem
       Gespräch lag, war zwar aufgelöst, aber dafür sind da jetzt die
       überforderten Gesichter meiner Freund*innen.
       
       ## Eine andauernde Grenzverletzung
       
       Negative [1][Gefühle in der Öffentlichkeit] auszuhalten, uiuiui. Immer,
       wenn ich sehe, dass jemand heult, drängen sich auch bei mir ambivalente
       Gefühle auf: Ich will nicht aufdringlich sein, Ignoranz fühlt sich aber
       auch kacke an. Außerdem glaube ich, dass wir uns oft ein mal mehr
       zurücknehmen, weil viele von uns von klein auf lernen, dass uns das Leid
       anderer Menschen nichts angeht.
       
       Diese liberale Lüge, dass wir alle für uns selbst verantwortlich und selbst
       schuld sind und so weiter. Und selbst in meinem engen Freundeskreis merke
       ich die Zurücknahme auch: Wir sind oft überfordert, wenn es Leuten schlecht
       geht.
       
       Meine Freund*innen wissen, dass ich der größte Hater beim Satz „Ich habe
       keine Kapazitäten“ bin – vor allem in dem Zusammenhang damit, wenn es
       meinen Freund*innen schlecht geht. Ich hatte schon oft genug Situationen,
       in denen es mir sehr schlecht ging und es mir schwergefallen ist, nach
       Hilfe zu fragen, weil man sich ohnehin schon als Belastung für andere
       versteht.
       
       Füreinander da zu sein kann anstrengend sein – sich scheiße zu fühlen ist
       anstrengender. Wenn aber eine Freundin vor meiner Haustür steht, und ich
       sage: „Keine Kapas“, dann bin ich nicht nur eine schlechte Freundin,
       sondern auch Symptom dieser Vereinzelungsgesellschaft.
       
       ## Tränen für alle
       
       Es gibt da eine dünne Linie zwischen Grenzen setzen und Leute allein zu
       lassen. Community bildet sich genau daraus. Zu wissen, dass wir einfach
       voreinander weinen können, kann viel mehr Last abnehmen. [2][In einer Zeit
       der Einsamkeitsepidemie] hilft es umso mehr, Verantwortung füreinander zu
       tragen. Andere tun das dann genauso für uns.
       
       Was ich begehre ist, dass keine Person mehr denkt, dass sie Dinge mit sich
       selbst ausmachen müsste. Heulen gehört in die Öffentlichkeit – und in
       gemeinsame Quality-Time. Wir heulen vor dem Späti, im Plenum, auf dem
       Balkon in der WG. Im Flixbus. Heulen im Gym (da ganz besonders!). Heulen.
       Heulen. Heulen.
       
       Ich kann diese Vereinzelung nicht mehr. Ich werde immer und immer wieder in
       Bars und an der Lidl-Kasse heulen. Lasst uns gemeinsam weinen. Wir alle
       sind doch schon einsam genug.
       
       28 Apr 2025
       
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