# taz.de -- Ausstellung von Ull Hohn: Landschaften voll Schönheit und voll Qual
       
       > Die Referenzen ziehen sich quer durch die Kunstgeschichte. Das Haus am
       > Waldsee zeigt eine Retrospektive des früh verstorbenen Malers Ull Hohn.
       
 (IMG) Bild: Keine Leinwand, sondern eine bemalte Holzbox: Ull Hohn, „Untitled“, 1989
       
       Hinter satten Farbschichten verschwimmt die Landschaft. Links im Bild ragen
       breite Douglasien in den Himmel, im Hintergrund türmt sich Gebirge oder
       Vulkan, aus dem schlierigen Nebel schiebt sich ein Schiff. Unweigerlich
       denkt man an wegsuppende Analogfotos in alten Familienalben, an William
       Turners Seeschlachten voll surreal brennender Himmel, an Andres Serranos
       „Piss Christ“, Sally Manns verschwommene Landschaftsaufnahmen der
       amerikanischen Südstaaten, an die pittoresk-spießige Romantik der Hudson
       River School und manche – und das ist wohl die langweiligste Referenz –, ja
       manche denken auch an [1][Bob Ross, den lustigen Fernsehmaler], der
       jahrzehntelang voller Ruhe die immer gleiche verkitschte Landschaft auf die
       Leinwand spachtelte und dessen Stil der Künstler Ull Hohn teils ganz ohne
       Verfremdung hingebungsvoll kopiert – und so gängige Hierarchisierungen des
       Kunstbetriebs und der medialen Verbreitung hinterfragt.
       
       Zu sehen sind die Arbeiten in der eher nüchtern betitelten schmalen
       Retrospektive „Revisions“ des Malers im Zehlendorfer Haus am Waldsee, die
       sich nahtlos in das poetisch-deviante Programm einfügt, [2][welches Anna
       Gritz seit ihrem Antritt als Direktorin im Sommer 2022 dort etabliert].
       
       Der 1960 in Trier geborene Ull Hohn, von dem einige Arbeiten schon vor zwei
       Jahren in der Ausstellung Bruno Pélassys im Haus am Waldsee hingen,
       studiert Malerei in Berlin und in Düsseldorf bei Gerhard Richter, bevor er
       1986 für eine Teilnahme am Whitney Independent Study Programm nach New York
       zieht.
       
       Es ist die Zeit, in der die Malerei am Ende scheint, in der Amerika von
       Kulturkämpfen und der [3][Aids-Epidemie] zerrüttet wird. Hohn malt sich
       durch die Genres und die Kunstgeschichte, von figürlich-konkret bis
       abstrakt, dabei stets konzeptionell.
       
       Früher Tod mit 35 Jahren 
       
       Steht man vor dem verschwommenen Säugling im oberen Stockwerk des
       Ausstellungshauses ist es unmöglich nicht an „Onkel Rudi“ und „Tante
       Marianne“ aus dem Pinsel seines Lehrers Richter zu denken. Die Tragik des
       erbarmungslosen Schicksals, sie beginnt in Hohns Werk mit der Geburt. Wie
       Bruno Pelassy und viele seiner Zeitgenossen stirbt auch Ull Hohn viel zu
       früh im Jahr 1995 mit nur 35 Jahren an den Folgen seiner HIV-Infektion.
       
       Dreißig Jahre später wird ein Teil seines schmalen Werkes nun in Berlin,
       der Stadt in der Hohn starb, gezeigt. Der Ausstellungstitel „Revisions“
       bezieht sich dabei auf den Titel seiner finalen Werkserie, für welche er im
       letzten Jahr seines Lebens Arbeiten aus seiner Jugend erneut malte.
       
       Daneben hängen Arbeiten aus seiner gesamten Schaffenszeit: Leinwände voll
       schmantiger, monochromer Farbe, druckgrafisch anmutende Körperbilder,
       verschwommene Masturbationsszenen und immer, immer wieder amerikanische
       Landschaften.
       
       Gelb wie stinkendes Schwefel 
       
       Ull Hohn taucht viele dieser malerischen Symbole der Spießigkeit,
       betulicher Wohnzimmer und des getrockneten Bluts des amerikanischen
       Kolonialismus ins Gelb. In ein verwesendes, chemisches, dickes Gelb, in
       Pisse, Auswurf und stinkenden Schwefel. Hochglänzend versiegelt sitzen
       diese Werke auf gezimmerten Sperrholzboxen statt Leinwänden und schieben
       sich so in den Raum: Auch die Kiste ist selbstverständlich eine zutiefst
       amerikanische Referenz, sanft grüßt sie den Meister des Minimal, Donald
       Judd.
       
       Lässt man sich auf diese gelben Arbeiten Hohns ein, entwickeln sie einen
       Sog, so stark, man möchte sie anfassen, seinen Körper an sie pressen, die
       Farben anlecken. Es ist die überaus drückende Dringlichkeit, die man
       glaubt, in diesen Bildern spüren zu können, das Elend des Lebens und das
       Elend des Sterbens. Die Schönheit und Qual von Körper, Sex und Intellekt
       lungert in jeder Schicht dieser verschwommenen Landschaften.
       
       Verstärkt wird dies in einem der Räume noch durch die Gegenüberstellung der
       Arbeiten mit gleichformatigen abstrakten Werken, in denen sich braune
       Wülste wie überlaufende Exkremente zwischen Holzleisten winden, so üppig
       wie die Zitate und Bezüge in Hohns gesamten Werkkörper, der immer wieder
       den Kanon beobachtet, erforscht, imitiert und erweitert – schlussendlich
       auch mit den Revisionen seines eigenen Werks, welches er so am Ende seines
       Lebens in ebenjenem manifestiert.
       
       In einer Besprechung der posthumen Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien
       schreibt der ebenfalls schon verstorbene Kritiker Peter Herbstreuth 1996 in
       der Zeitschrift Kunstforum international folgende Worte: „Ein Künstler,
       wenn er als solcher überleben will, wird durch sein Werk immer die Frage zu
       beantworten haben, ob er seinen Ideen bis zum Ende gefolgt ist und daraus
       etwas gemacht hat, was einen Sinn in sich selbst trägt und deshalb
       different sich zu anderen behauptet.“ Ull Hohn hat überlebt – und wie.
       
       3 Apr 2025
       
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