# taz.de -- Jubiläum der Komödie am Kurfürstendamm: „Vorhang auf!“ seit nun schon 100 Jahren
       
       > Die Komödie am Ku’damm feiert runden Geburtstag. Aber nicht im eigenen
       > Haus, das wurde vor Jahren abgerissen. Ein Bühnenbesuch am Potsdamer
       > Platz.
       
 (IMG) Bild: Ein Teil des Bühnenbildes von „Mord im Orientexpress“, Inspizient Stephan Emmerich hat sich fürs Foto mal in den „Zug“ gestellt
       
       Berlin taz | Da schwebt gerade ein Zugabteil von oben herab. Na ja, nur ein
       Teil davon und kein echtes. Es handelt sich um eine Attrappe, mit
       nostalgischen Touch in Königsblau und goldenem Ornament bemalt. Wir sind im
       Theater am Potsdamer Platz, auf der wirklich großen Bühne, sie ist 28 Meter
       hoch! Gerade wird das Bühnenbild für ein Stück aufgebaut, denn ab 2.
       November (und bis 24. November) rollt er wieder, der Orientexpress nach dem
       Krimi von [1][Agatha Christie].
       
       Mehr als 93.000 Menschen haben [2][„Mord im Orientexpress“] bereits
       gesehen. Über hundertmal hat die [3][Komödie am Kurfürstendamm], die im
       Theater am Potsdamer Platz ein vorübergehendes Domizil gefunden hat, die
       Inszenierung von Katharina Thalbach schon gespielt. Thalbach glänzt in der
       Rolle des Meisterdetektivs Hercule Poirot. Ein Kassenschlager. Gut fürs
       Haus, das in den letzten Jahren arg zu leiden hatte.
       
       Dabei hat die Traditionsbühne etwas zu feiern und macht das auch mit einer
       [4][Jubiläumsveranstaltung] am 3. November. „100 Jahre Komödie am
       Kurfürstendamm – Gekommen, um zu bleiben“ heißt die Jubiläumsmatinee, bei
       der unter anderem die Geschwister Pfister, Ilja Richter, Gayle Tufts und
       natürlich auch Katharina Thalbach auftreten.
       
       Eine der zwei Bühnen – die Komödie am Kurfürstendamm – wird 100 Jahre alt.
       Damals hatte der renommierte Regisseur [5][Max Reinhardt] zwei benachbarte
       Bühnen an der Flanier- und Einkaufsmeile Berlins übernommen: das Theater
       und die Komödie am Kurfürstendamm. Die Komödie wurde am 1. November 1924
       eröffnet. Hier erfand Reinhardt das deutsche Unterhaltungstheater (manche
       nennen es auch: Boulevardtheater) – das hatte es bis dahin nur in London
       und New York gegeben. Eine gute Idee, wie sich herausstellte.
       
       ## Großstädtisches Unterhaltungstheater
       
       Das Haus steht bis heute für großstädtisches, gehobenes
       Unterhaltungstheater und zieht auch heute noch Einheimische wie Touristen
       an. Nicht zuletzt wegen der vielen Schauspielstars, die man sonst aus
       Fernsehen oder Kino kennen könnte. Harald Juhnke war hier früher Dauergast,
       Günter Pfitzmann feierte Erfolge, ebenso Katja Riemann, Christoph Maria
       Herbst oder Maria Furtwängler …
       
       „Nach der Wende waren bei uns auch Stars aus der ehemaligen DDR wie Heinz
       Rennhack, Winfried Glatzeder und Walter Plathe zu sehen“, erzählt Stephan
       Emmerich, der im Haus als Inspizient arbeitet und als solcher den gesamten
       künstlerischen und technischen Ablauf einer Bühnenaufführung koordiniert
       und somit ein Bindeglied zwischen Kunst und Technik ist. „Hier sitze ich
       bei Vorstellungen“, sagt Emmerich, und zeigt auf einen kleinen Tisch mit
       Monitoren, Headsets und Mikrofon neben der Bühne. „Meine Schaltzentrale,
       von hier aus kann ich alle Gewerke erreichen und Anweisungen geben, wie:
       Vorhang runter!“
       
       Stephan Emmerich ist dem Haus seit 42 Jahren verbunden. Als Studentenjob
       hat er dort Weihnachten 1982 angefangen, erzählt der 64-Jährige der taz. Er
       studierte Pädagogik – nicht „sehr erfolgreich“ –, brauchte Geld, hatte
       keine reichen Eltern. Lieber in der Kneipe arbeiten – oder doch eher als
       Kulissenschieber im Theater? Es ging mit einem Stück mit Günter Pfitzmann
       los. Der Bühnenbildner hatte sich eine Bücherwand ausgedacht, die mittels
       eines Motor hoch- und runtergeklappt werden konnte, damit eine zweite
       Spielebene eröffnet wurde – doch zwei Tage vor der Premiere ging der
       Elektromotor kaputt. „Da mussten wir improvisieren. Also kamen zwei
       Bühnenmitarbeiter in Kostümen auf die Bühne, die die Bücherwand immer
       händisch runterklappen mussten und wieder hoch.“
       
       Das war sein erster Job als Student, mehr ein Zufall, vermittelt von einem
       Freund, der in einem besetzten Haus in Moabit wohnte. Stephan Emmerich ist
       gebürtiger Westberliner, „aufgewachsen in Friedenau, allerdings, wie mein
       Bruder immer sagt, auf der Sozialhilfeseite“.
       
       ## Westberliner Zeiten
       
       Er hat „Blut geleckt und Interesse geweckt“ und blieb am Theater. Beim
       Licht gab es damals eine Personallücke … Und so ist er nach und nach durch
       fast alle Gewerke gewandert. „Vom Licht und Ton und Bühne bis hin zum
       Ankleider, hab ich fast alles durch hier am Haus. Ich hab auch schon mal
       ein bisschen mitgespielt.“ Ab Mitte der 1980er Jahre arbeitete Emmerich als
       fest angestellter Bühnentechniker. „Das Studium wurde immer langweiliger,
       das Theater immer spannender.“
       
       Wie war das damals so, in Westberliner Zeiten? „Die beiden Häuser am
       Ku’damm – ach, das war einfach eine wunderbare Arbeitsatmosphäre“, blickt
       Stephan Emmerich in die Vergangenheit zurück. Und sagt, na ja, das war
       „schon ein ganz typisches Westberliner Milieu“ und das hätte bis 1990 gut
       funktioniert. „Wir waren praktisch jeden Tag ausverkauft.“
       
       Der Bruch kam nach der Wende, wie in vielen Wirtschaftsbereichen
       Westberlins: Das geschlossene Westberlin wurde aufgebrochen, auch in der
       Theaterlandschaft. „Aus einer halben Stadt wurde eine ganze mit doppelt so
       viel Theatern. Und die Leute rannten woanders hin.“ Erstmals gab es leere
       Sitze. „Das kannten wir nicht. Das war eine schwierige Zeit.“ Aber das Haus
       habe schnell DDR-Größen engagiert – mit Erfolg – und damit auch Publikum
       aus Ostberlin angezogen.
       
       Es gab Aufs und Abs. Aber als weitaus größten Einschnitt in der
       Hausgeschichte habe er die Zeit erlebt, in denen „uns die Grundstücke
       weggekauft wurden“, wie er das eher vorsichtig formuliert. Das
       Privattheater musste 2018 schließen und sich vom Kurfürstendamm
       verabschieden. Das ging nicht ohne Protest, auch seitens des treuen
       Publikums und Teilen der Politik. „Viele Prominente legten für uns ein
       gutes Wort ein. Doch die Stimmung war bitter“, erinnert sich Emmerich,
       „aber auch kämpferisch. Notfalls machen wir auf Hausbesetzer, sagten wir
       uns, dann sollen sie uns raustragen.“
       
       ## Ein „beschämender Abriss“
       
       Doch dazu kam es nicht. Und es nützte ja doch alles nichts. Die
       Mietverträge wurden gekündigt, die beiden historischen Theater abgerissen.
       Den „beschämenden Abriss“, hat Katharina Thalbach gegenüber der Deutschen
       Presse-Agentur (dpa) als „ein sehr unschönes Kapitel in der Berliner
       Geschichte“ bezeichnet. Dazu gehört, dass die beiden Theater nie unter
       Denkmalschutz gestellt wurden, was einen Abriss hätte verhindern können.
       
       Seit September 2018 spielte das Theater und die Komödie unter dem Namen
       Komödie am Kurfürstendamm im unweit entfernten Schiller Theater. Weil dort
       aber die Komische Oper einziehen musste (deren Haus saniert wird), folgte
       Anfang 2023 ein weiterer Umzug ins Theater am Potsdamer Platz, dem leer
       stehenden Musical-Haus. Es sollte eigentlich der Letzte sein, bevor man das
       neu gebaute Haus im Ku’damm-Karree beziehen würde – im Kellergeschoss des
       Hofs am Kurfürstendamm ist das neue Theater (dann nur noch eins) mit 670
       Plätzen geplant. „Ein bitterer Kompromiss“, nennt das Stephan Emmerich. Der
       Bau des neuen Hauses ist vertraglich fixiert.
       
       Doch die Bauarbeiten ziehen und ziehen sich. Das Filetstück am Ku’damm hat
       etliche Besitzerwechsel erlebt. „Und jedes mal muss man den neuen
       Eigentümern erklären, was in den Verträgen steht.“ Immerhin: Derzeit steht
       der Rohbau. Und es wird noch dauern, glaubt Emmerich, der seit 1992 auch
       Betriebsratsvorsitzender ist. Irgendwann wird es wohl fertig sein. 2026 ist
       versprochen, oder?
       
       Stephan Emmerich zieht scharf die Luft ein. „Ich hab irgendwann aufgehört,
       an die Versprechungen zu glauben“, sagt er lachend. „Aber möglicherweise
       wird es tatsächlich 2026 werden. Hier im Haus laufen schon Wetten, ob ich
       das aktiv erleben werde.“ Warum das denn? „Weil ich Ende 2026 in Rente
       gehe.“ Natürlich hat die Firma in den Zeiten des Aus- und Umzugs gelitten,
       räumt Emmerich ein, der das durch seinen Job als Inspizient und
       Betriebsratsvorsitzender gut beurteilen kann.
       
       ## „Das tut vielen Leuten weh, auch heute noch“
       
       „Als Familienunternehmen am Ku’damm hatten wir alles an einem Ort, die
       beiden Bühnen links und rechts, die Verwaltung in der Mitte, die
       Werkstätten. Alles an einem Standort.“ Das hatte seine Vorteile: kurze
       Wege, jeder kannte jeden. „Das ist jetzt zerrissen. Und das tut vielen
       Leuten weh, auch heute noch, die dieses Familiending liebten.“ Als Beispiel
       nennt er die Werkstatthalle, die sich nun in Spandau befindet, das bedeutet
       lange Wege für die Bühnenbauer und Elektriker. „Und man sieht sich so
       selten. Das ist anstrengend und macht auch traurig. Und verbraucht mehr
       Ressourcen als früher.“
       
       Und mal ehrlich: „Das Theater am Potsdamer Platz ist eigentlich zu groß für
       uns“, es wurde halt gebaut, um riesige Musicals zu spielen. Aber „Mord im
       Orientexpress“ mit seinem ausladenden Bühnenbild passt hier schon gut her.
       1.559 Menschen auf einmal können zuschauen. Wie gesagt: ein Kassenschlager.
       
       Seit den 1950er Jahren wird die Berliner Theaterinstitution durchgehend von
       Familie Woelffer betrieben – mittlerweile in der dritten Generation von
       Martin Woelffer. Auch für ihn ist die Inszenierung von „Mord im
       Orientexpress“ ein Glücksfall: „Das ist die teuerste Produktion, die mein
       Team und ich jemals gestemmt haben und sie hatte wahrlich einen schwierigen
       Start, denn wir mussten die Premiere wegen des ersten Coronalockdowns
       absagen“, sagte er der dpa.
       
       „Als wir dann mit 16-monatiger Verspätung endlich damit herausgekommen
       sind, durften wir nur die Hälfte der Plätze besetzen. Doch das war alles
       nicht schlimm, denn die Zuschauer:innen waren unglaublich dankbar, dass
       sie wieder ins Theater gehen konnten, und haben jede Minute des Spektakels
       genossen. Wir sind mit der Inszenierung wirklich ein Wagnis eingegangen,
       aber es hat sich gelohnt“, so Woelffer.
       
       31 Oct 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Agatha_Christie
 (DIR) [2] https://www.komoedie-berlin.de/produktionen/mord-im-orientexpress.html
 (DIR) [3] https://www.komoedie-berlin.de/start/index.html
 (DIR) [4] https://www.komoedie-berlin.de/produktionen/100-jahre-komoedie-am-kurfuerstendamm-gekommen-um-zu-bleiben.html?ID_Vorstellung=4284&m=6
 (DIR) [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Reinhardt
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Hergeth
       
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