# taz.de -- Chaos beim Schulessen: Kinder kommen hungrig heim
       
       > Ein neuer Groß-Caterer für Schulen hat Probleme, Essen zu liefern.
       > Kritik, er habe sich übernommen, weist er zurück: schuld sei das
       > Vergabeverfahren.
       
 (IMG) Bild: Das hat aber schon geschmeckt: ein Teller in einer Weddinger Schule im Jahr 2015
       
       Berlin taz | Der Speisenplan des Humboldt-Gymnasiums in Tegel klingt nicht
       schlecht: Am Dienstag gibt es „mediterrane Gemüsepfanne mit Kichererbsen,
       dazu gebackene Ofenkartoffeln und Joghurt-Dip (100 Prozent Bio)“ oder
       „Kokos-Gemüse-Curry mit Bio-Linsen, Bio-Karotte, Bio-Sellerie und
       Bio-Brokkoli, dazu Bio-Vollkornreis“. Dazu wird „Handobst“ und „Rohkost“
       gereicht. Oder auch nicht.
       
       Denn Dutzende Berliner Schulen, nicht nur das Humboldt-Gymnasium, haben in
       der ersten Woche nach den Ferien kein, zu wenig, kaltes oder ungenießbares
       Mittagessen geliefert bekommen. Schulleiter wurden mit Beschwerden von
       Eltern überschüttet und schrieben zurück, dass sie in den nächsten Tagen
       ihren Kindern bitte genügend Brote einpacken sollen, weil die
       Essensversorgung derzeit nicht gewährleistet sei.
       
       Betroffen sind Einrichtungen, die seit neuestem durch den Caterer 40
       Seconds beliefert werden. Dieser hat nach eigenen Angaben im aktuellen
       Vergabeverfahren „das Los“ für 103 Schulen gezogen, was 38.000 bis 40.000
       Essen pro Tag bedeute. Dieses enorme Wachstum, im vorigen Schuljahr
       lieferte 40 Seconds rund 5.000 Essen pro Tag aus, konnte der Caterer
       offenbar nicht stemmen.
       
       ## Drohung mit fristloser Kündigung
       
       Aus der Politik hagelt es Kritik. Staatssekretär Torsten Kühne (CDU) habe
       im Gespräch mit dem Caterer „umgehend einen Zeitmaßnahmeplan gefordert, um
       kurzfristig Abhilfe zu schaffen“, erklärte ein Sprecher der
       Bildungsverwaltung. Aus den Bezirken heißt es, die Probleme seien
       „gravierend“, „teilweise extrem“: nicht nur habe Essen gefehlt oder sei
       Stunden zu spät geliefert worden, auch an Ausgabepersonal habe es gefehlt.
       Der Neuköllner Bezirksamtssprecher Christian Berg sagte zur taz, „in
       einzelnen Fällen war auch das gelieferte Essen ungenießbar, es gab Gemüse
       mit Schimmel, Suppe war wässrig, Essen schmeckte verbrannt, Brot war
       tiefgekühlt“.
       
       Man erwarte in dieser Woche eine spürbare Verbesserung – ansonsten schließe
       man eine fristlose Kündigung nicht aus, heißt es aus Neukölln sowie aus
       Steglitz-Zehlendorf. Pankows Schulstadtrat Jörn Pasternack (CDU) ergänzte,
       es würden „Abmahnungen ausgesprochen sowie Ersatzvornahmen geprüft“.
       Marzahn-Hellersdorf prüft ebenfalls „rechtliche Schritte“.
       
       Das Unternehmen weist den Vorwurf zurück, man habe sich übernommen, über
       Anwälte ließ Geschäftsführer Thorsten Schermall eine Erklärung verbreiten.
       Der Tenor: schuld seien Verzögerungen im Vergabeverfahren. Man habe teils
       erst in den Sommerferien die Zuschläge bekommen „zu einem Zeitpunkt, zu dem
       die Ansprechpartner in den Schulen und Bezirksämtern sowie das
       Bestandspersonal urlaubsbedingt nicht erreichbar waren“. Nur dadurch komme
       es „an vereinzelten Schulen“ zu Verzögerungen bei der Auslieferung, von
       minderer Qualität des Essens will er gar nichts hören.
       
       Dass die Vergabe mit eine Rolle gespielt haben kann bei den Problemen,
       sieht auch der Schulstadtrat von Marzahn-Hellersdorf, Stefan Bley (CDU).
       „Die Vergabe wurde aufgrund von Klagen und Fristen relativ spät zugesagt“,
       sagte er der taz. Sein Pankower Kollege und Parteifreund Pasternack
       ergänzte, das Vergaberecht sei nicht gemacht für die Art und Weise, wie in
       Berlin Schulcaterer ausgewählt wurden: nämlich nicht nach dem Preis,
       sondern über eine „Bewertung von Dritten“, also den Schulen.
       
       ## Schulen bewerten Speisekarten
       
       Diese Bewertung erfolgte dieses Mal nicht mehr wie zuvor über Testessen an
       den Schulen – diese Methode war von unterlegenen Bewerbern bei der
       Vergabekammer moniert worden. Dieses Mal mussten Bewerber eine Speisekarte
       für 20 Tage vorlegen, die die Schulen bewerteten. Dass die Essen 5,17 Euro
       kosten und die Zutaten Bio-Standards erfüllen sollen, war zudem festgelegt.
       Ausgeschrieben war die Essenslieferung für 430 Berliner Grundschulen und
       grundständige Gymnasien.
       
       Aber auch diese Auswahlmethode hatte offenbar ihre Tücken: Bei der
       Vergabekammer sind aktuell 53 „Nachprüfungsverfahren“ durch unterlegene
       Bieter anhängig. Schon länger kritisieren Schulen, dass sie wegen der
       Vergaberichtlinien beliebte Caterer nicht einfach behalten dürfen.
       
       9 Sep 2024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Memarnia
       
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